Untergebracht für drei Monate

Vor 70 Jahren: Raketenforscher wurde in Witzenhausen interniert

Witzenhausen. Vom repräsentativen Prachtbau zur Wohnung eines Raketenforschers: Das „Collmann-Haus“ in der Witzenhäuser Steinstraße hat schon viele Nutzer gehabt.

Ein besonders berühmter zog vor 70 Jahren ein: Am 22. Juni 1945 wurden der deutsche Raketenforscher Wernher von Braun (1912-1977) und knapp 120 Spezialisten des Raketenforschungszentrums Peenemünde für knapp drei Monate hier untergebracht.

Von Braun gilt heute als Pionier der bemannten Raumfahrt und Wegbereiter der Mondlandung im Juli 1969. Doch während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland entwickelte er in Peenemünde die V2-Raketen, mit denen unter anderem London bombardiert wurde. Damit beeindruckte er Hitler derartig, dass er von Braun persönlich den Professoren-Titel verlieh.

Raketen aus Nordhausen

Schwerwiegender noch war die fehlende Distanz zu den schlimmsten Auswüchsen des NS-Systems: Bei der Produktion der V-Waffen bedienten sich von Braun und die anderen Verantwortlichen tausender Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven, die unter unmenschlichen Bedingungen für die „Wunderwaffen“ bis zum Tode schuften mussten. Besonders schlimme Zustände herrschten in dem dazu extra unter Tage eingerichteten Rüstungsbetrieb „Dora - Mittelbau“ bei Nordhausen.

Die Niederlage vor Augen, suchte von Braun und eine Reihe seiner Leute im April 1945 die Nähe der US-Streitkräfte, denen sie sich in Oberbayern stellten. Viele Techniker und fast alle Familienangehörige waren aber noch im Raum Nordhausen / Bleicherode geblieben. Da Thüringen bis zum 16. Juni 1945 von den US -Streitkräften geräumt und der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen werden sollte, liefen sie Gefahr, in die Hände der russischen Armee zu fallen.

So schnell wie möglich organisierten von Braun und die Amerikaner den Abzug der insgesamt 1000 Peenemünder Mitarbeiter aus Bleicherode, von denen am 22. Juni 1945 rund 120 in einem Sonderzug auf dem Witzenhäuser Nordbahnhof eintrafen. Unter ihnen waren neben von Braun einige weitere hochrangige Spezialisten, wie Helmut Göttrup. Er lebte eine Zeitlang in Ermschwerd, betrieb dort mit seiner Frau eine Schrotthandlung und ging als einer der wenigen Wissenschaftler später freiwillig in die Sowjetunion - weil er seine Familie sofort mitnehmen konnte. Die meisten „Peenemünder“ folgten allerdings dem Vorbild von Brauns und entschieden sich für ein Leben in den USA.

Für sechs Dollar täglich verpflichteten sie sich, die Raketenforschungen in den Vereinigten Staaten fortzusetzen und unterschrieben im Collmann-Haus die von der Witzenhäuser Druckerei Trautvetter hergestellten Vertragsformulare. Am 16. September 1945 begann dann für die ersten der „Peenemünder“ der „Weg von Witzenhausen auf den Mond.“

Von Matthias Roeper 

Zur Person:

Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun wurde 1912 in Wirsitz (heute Wyrzysk/Polen) geboren. Seit frühester Jugend beschäftigte er sich mit der Raumfahrt und der Konstruktion von Raketen. Er ließ sich in Berlin und Zürich zum Diplomingenieur für Mechanik ausbilden und promovierte 1934 mit einer Arbeit über Flüssigkeitsraketen. So unbestritten seine wissenschaftlichen Meriten sind, so umstritten ist der Weg, den von Braun zum Erreichen seiner Ziele einschlug: Er paktierte mit den Nationalsozialisten. Das NSDAP-Mitglied brachte es bis zum SS - Obersturmbannführer und war in der militärischen Raketenforschung aktiv. Nach seiner Übersiedelung in die USA 1945 entwickelte von Braun Raketen für die US-Armee. Ab 1959 arbeitete der Vater zweier Töchter für die NASA, wo er an den Mondmissionen und dem Space Shuttle Programm beteiligt war. Seit 1955 amerikanischer Staatsbürger starb von Braun 1977 in Alexandria (USA) an einer Krebserkrankung. (fst)

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