Japanische Studenten erkunden ehemalige Sprengstofffabriken

Erleben Weltgeschichte aus deutscher Sicht: Die Studenten aus Hiroshima reisten mit ihrem Dozenten Yoshimi Morishima (Zweiter von rechts) nach Deutschland und ließen sich von Karl Heinz Schlegel den Themenweg Hirschhagen mit seinen ehemaligen Sprengstoff- und Munitionsfabriken zeigen. Foto: Leissa

Hirschhagen. Anfang August gedachte Japan wieder der Atombombenabwürfe am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Im Rahmen des Projekts „Lernen aus Geschichte“ schauten sich Geschichtsprofessor Yoshimi Morishima und seine Studenten aus Hiroshima am Beispiel des Themenwegs Hirschhagen an, wie in Deutschland dieser Abschnitt der Geschichte aufgearbeitet wird.

Touristenführer Karl Heinz Schlegel spricht über Sprengstoff- und Munitionsherstellung unter unwürdigen, gar gefährlichen Arbeitsbedingungen. Er spricht von Zwangsarbeit, das Stichwort Selektion wird genannt. Thema ist auch der stets drohende Tod, der für tausende Arbeiter der ehemaligen Fabriken in Hirschhagen während des Zweiten Weltkriegs zum Alltag gehörte. Schlegel stellt damit den Themenweg Hirschhagen vor.

Acht Studenten hängen an seinen Lippen, auch wenn sie kein einziges Wort verstehen. Wenn Schlegel pausiert, springt Yoshimi Morishima, Professor an der Hiroshima Shudo Universität, ein und dolmetscht. Die Reisegruppe ist im Rahmen des Hiroshima-Seminars „Lernen aus Geschichte“ des Dozenten für eine Woche nach Deutschland gekommen. Seit acht Jahren organisiert der Japaner gemeinsam mit dem Kasseler Maler und Soziologen Prof. Stefan Mitzlaff die Themenreise: Die Studenten seiner Vorlesungen schauen sich Gedenkstätten in Deutschland an und erfahren, wie hier die Ereignisse des Nationalsozialismus aufgearbeitet werden.

„Als mir Mitzlaff von dem Themenweg erzählte, wollte ich mir das unbedingt anschauen“, sagt Morishima, der Deutsch und Geschichte lehrt. Es ist die erste Station der Reise und sein erster Besuch in Hirschhagen. Während Deutschland Konzentrationslager und Zwangsarbeit thematisiere, sei das in Japan noch ein Tabu. Was es gebe, seien lediglich Trauertage und Gedenktafeln. „Über die Bombenabwürfe über Hiroshima und die Spätfolgen, aber auch über die Kriegerlebnisse der Bevölkerung wird noch viel zu wenig gesprochen“, klagt Morishima. Mit seinen Seminaren will er das Bewusstsein dafür sensibilisieren und das Thema mit den Auslandsreisen in aller Deutlichkeit angehen.

Einiges erscheint vertraut 

Er habe seine Studenten auf die Exkursion vorbereitet, sagt Morishima. Während Schlegel vom Kriegsgeschehen spricht, erkennt man kaum eine Regung in den jungen Gesichtern, manchmal ein Nicken, ein paar Mal Stirnrunzeln. Einiges erscheint der Gruppe vertraut: Die Studenten tauschen sich untereinander aus, als Schlegel davon erzählt, das giftige Fabrik-Chemikalien in das Grundwasser gelangten. Daheim gebe es auch einen Giftsee, von dem die anliegende Bevölkerung lange Zeit nichts wusste, sagen die Studenten.

Die Neugier auf die Vergangenheit ist groß. „Meine Großmutter hat den Atombombenabwurf über Hiroshima miterlebt“, erzählt die 21-jährige Studentin Yumi Mukai. Aus sicherer Entfernung, wie sie hastig versichert. Sie lebte damals rund 20 Kilometer von der Hafenstadt entfernt, hatte dadurch das Glück von Spätfolgen verschont zu bleiben. Zuhause wurde aber kaum darüber gesprochen, sagt Mukai enttäuscht.

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