Verein startet Spendenaktion

Keine Einnahmen: Jugendburg Ludwigstein durch Coronakrise in Gefahr

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Wegen der Corona-Pandemie ist der Burgbetrieb geschlossen. Jetzt sind so wenig Menschen auf der Burg, dass im Innenhof schon Gras wächst.

Wegen der Corona-Pandemie ist der Fortbestand der Burg Ludwigstein bei Witzenhausen als Bildungseinrichtung und Herberge akut gefährdet.  

Seit die Wappenburg des Kreises ihren Betrieb Mitte März einstellen musste, blieben alle Einnahmen aus. Gleichzeitig zeigt sich, dass sie fast kein Soforthilfeprogramm nutzen kann, so Holger Pflüger-Grone, Vorsitzender der Stiftung Jugendburg Ludwigstein.

Grund dafür ist die besondere rechtliche Konstruktion: Die Stiftung betreibt mit der Jugendbegegnungsstätte einen gemeinnützigen Teil, während sie mit dem Beherbergungsbetrieb etwa für Familienfeiern als Wirtschaftsbetrieb gilt, der Körperschaftssteuern zahlt. Für Letzteren habe die Stiftung geringfügige Corona-Soforthilfen aus dem Bereich Wirtschaft erhalten, bestätigt eine Sprecherin des Hessischen Sozialministeriums: „Für den gemeinnützigen Teil ist eine Antragsstellung im Soforthilfeprogramm für gemeinnützige Vereine jedoch leider nicht möglich.“ Zudem gebe es Gespräche zwischen Bund und Ländern über einen Rettungsschirm für gemeinnützige Übernachtungseinrichtungen.

Burg braucht 30.000 Euro im Monat

Holger Pflüger-Grone, Stiftungsvorstand

Um die laufenden Betriebskosten und Löhne bezahlen zu können, muss die Burg laut Pflüger-Grone jeden Monat mindestens 30.000 Euro erwirtschaften – auch wenn keine Gäste da sind. Da alle Bundesländer bis auf Weiteres sämtliche Klassenfahrten storniert haben, geht der Krisenstab der Burg davon aus, dass die Hauptzielgruppe bis April 2021 nicht im größeren Stil kommen kann und alle bis März vorliegenden 33.863 Buchungen für 2020 abgesagt werden müssen. Um die Liquidität bis April zu sichern, benötige man trotz harter Sparmaßnahmen mindestens 300.000 Euro, so Pflüger-Grone. Zudem könnten zwei Baumaßnahmen nicht aufgeschoben werden, weil die Gebäude sonst Schaden nehmen. Hinzu kämen Kosten von bis zu 170.000 Euro.

Die Lockerungen für Gastronomie, die ab heute gelten, helfen der Burg nicht. „Wir könnten höchstens 19 Personen unterbringen“, sagt Pflüger-Grone mit Blick auf die strengen Sicherheitsvorschriften. Das sei nicht wirtschaftlich.

Ehrenamtliche Vertreter von Stiftung und Aufsichtsrat versuchen derzeit mit der Burgbetriebsleitung, neben ihren normalen Jobs nach Feierabend die Jugendburg Ludwigstein zu retten – ausgerechnet im 100. Jahr ihres Bestehens. 

30 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, sagt Stiftungsvorstand Holger Pflüger-Grone. Die Haustechnik hat die Burg heruntergefahren, nur das Archiv der Jugendbewegung und die Jugendbildungsstätte im Enno-Narten-Bau arbeiten eingeschränkt. Fortbildungen und Investitionen würden abgesagt, Verbindlichkeiten gestundet, ein Treuhandfond von 70 000 Euro zur Zahlung der Löhne aufgelöst. Dennoch fallen im Monat 30 000 Euro Kosten an: Für die Notbesatzung aus Freiwilligendienst-Leistenden muss es laut Pflüger-Grone weiter Warmwasser geben, ebenso die Kühlung für die Lebensmittelvorräte. Zwei biologische Kläranlagen müssen täglich mit 3000 Liter Wasser gespült werden. Das Hallenbad muss als Löschwasserreserve gefüllt und leicht gechlort werden. Hinzu kommen Versicherungen, die Giebel-Reparatur, Brandschutzauflagen. 

Teil-Öffnung ist nicht wirtschaftlich

Trotzdem hat der Krisenstab beschlossen, die Burg zunächst geschlossen zu halten. Der Hygieneplan sei nicht wirtschaftlich umsetzbar, sagt Pflüger-Grone. Man dürfe die Burg maximal zu zehn Prozent auslasten. Abstand halten sei in der engen Anlage schwer, in Mehrbettzimmern dürften nur Familien übernachten – aber keine Gruppen, in denen die Kinder nicht aus dem gleichen Haushalt stammen. „Wir bräuchten zehn Tage, um den Betrieb wieder hochzufahren“, so Pflüger-Grone. Die Kosten lägen samt Grundreinigung bei 4000 Euro. Das lohne sich für wenige Gäste nicht. 

Finanzielle Rücklagen habe man nach einem besucherarmen Winter nicht, so Pflüger-Grone. „Wir waren auf das Ostergeschäft angewiesen. Unser Vermögen ist das Burggebäude.“ Doch das könne für Kredite nur schwer als Sicherheit dienen, weil es unverkäuflich sei. Einen Kredit über Jahre abzustottern sei in einem vorwiegend gemeinnützigen Betrieb, der kaum Überschüsse macht, schwierig. Ob die Bundesländer Stornokosten für abgesagte Klassenfahrten zahlen, sei offen. Eine Insolvenz käme nicht in Frage: Dann müsste man Teile der Einrichtung verkaufen, um Verbindlichkeiten zu bedienen. „Wir haben 100 Jahre und einen Weltkrieg überstanden. Aber dann wäre unsere Grundlage weg“, sagt Pflüger-Grone. Aber: „Wir Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen wollen den Ludwigstein als Jugendburg, Begegnungsstätte, Bildungseinrichtung, Ehrenmal, Denkmal und auch als Wappenburg erhalten.“

Welche Schritte die Politik für die Burg ergreift, lesen Sie in der gedruckten Freitagsausgabe.

Spendenaktion läuft

Die Vereinigung Jugendburg Ludwigstein (VJL) hat als Trägerverein der Burg zu einer Spendenaktion aufgerufen. Bis Donnerstagabend sind mehr als 210 Spenden von mehr als 55 000 Euro zusammengekommen. 

Kontakt: Spendenkonto der VJL e.V.: DE74 5225 0030 0050 0329 78, Verwendungszweck: Spende zum Erhalt der Jugendburg. 

Spendenbescheinigungen fürs Finanzamt können ausgestellt werden. Rückfragen beantwortet die VJL per E-Mail an spenden@burgludwigstein.de

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