„Du darfst kein Mimi sein“

Klischees bei der Berufswahl? Eine Busfahrerin erzählt aus ihrem Alltag

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Auf den ersten Blick als Schulbus erkennbar: Vorn im Bus von Evelyn Weber liegen die ersten Kuscheltiere, die ihr Sohn mithilfe ihres Mannes bei der Kirmes an der Schießbude gewonnen hat.

Klischees, was die vermeintlich geschlechtertypische Berufswahl angeht, sind hartnäckig. Wir zeigen Menschen, die sich davon freimachen, wie Evelyn Weber, Busfahrerin bei Firma Brundig in Witzenhausen.

„Ey, guckt euch das mal an: Jetzt fährt die Putzfrau mit dem Bus weg.“ Mehrfach ist es bereits vorgekommen, dass Evelyn Weber von neuen Kollegen für eine Reinigungskraft gehalten wurde – und das nur, weil es die 54-Jährige gern ordentlich mag: „Mein Bus ist mein Arbeitsgerät, der muss sauber sein, ich muss mich ja wohlfühlen.“ Und natürlich, weil sie als Frau hinter dem Lenkrad eines riesigen Busses nach wie vor ein seltener Anblick ist – insbesondere, wenn man wie Weber nur 1,55 Meter groß und 50 Kilogramm schwer ist. „Wenn ich eingeparkt habe, bin ich zehn Mal mehr beobachtet worden als jeder andere.“

Nicht nur ihr Fahrzeug muss Weber in der Gewalt haben. Auch gegenüber manch einem Fahrgast muss sich die Blondine behaupten können. Zum Beispiel, wenn jemand Wildfremdes meint, er dürfe sie duzen und an Arm oder Schulter tätscheln. „So was würden sie sich bei einem Kollegen nicht trauen.“ Auch Betrunkenen oder Menschen mit Alkohol in der Hand verweigert Weber rigoros die Mitfahrt.

Über Umwege kam die 54-Jährige zum Busfahren: „Ich bin gelernte Köchin und habe meinen Busschein 1998 der Liebe wegen gemacht.“ Denn Weber wollte mit ihrem Mann, der ebenfalls Busfahrer ist, zusammen fahren. Dass beide bei einer Fernreise dabei waren, klappte aber nicht immer. So fuhr Weber sogar ganz allein nach Italien, weil ihr Kollege krank geworden war. „Ich war froh, dass ich wusste, wo München und Hamburg ist.“ Damals seien sie ja nur nach Karten gefahren, weil es noch keine Navis gab, „aber wir sind angekommen“, sagt sie.

Als Frau unter so vielen Männern müsse man sich anpassen. Im Reisebusverkehr habe es nur ganz wenige Frauen gegeben, da habe ein harter Ton geherrscht. „Wenn ich ein Heimchen gewesen wäre, dann hätte ich mich schon mal in die Ecke gestellt und geweint.“ Unterwegs fielen derbe Sprüche, auch, um Frauen anzugraben. „Da waren etliche dabei, denen war das peinlich, als sie mich am Morgen in meinen Bus haben einsteigen sehen.“ Denn viele dachten eben, Weber sei nur die Begleitung ihres Busfahrerkollegen, nicht aber ebenfalls eine Kollegin.

Was die Notdurft betreffe, gelte aber: „Egal, ob Männlein oder Weiblein: Du darfst kein Mimi sein.“ Denn Toilettenhäuschen seien rar gesät. In Witzenhausen könne mittlerweile weder das am Nord- noch das am Busbahnhof mehr benutzt werden. Im Winter falle auch das Gebüsch weg, da die Blätter als Sichtschutz fehlten. Weber habe da noch Glück, weil sie viele kenne und ihr auch mal der Hausmeister der Schule anbiete, die Toilette zu benutzen. 

Seit 2013 fährt Weber nun Linie und damit auch jede Menge Schulkinder. „Die Lautstärke war gewöhnungsbedürftig“, gibt die gebürtige Braunschweigerin zu. Mittlerweile könne man in ihrem Bus allerdings eine Stecknadel fallen hören. Denn die 54-Jährige kennt viele der Schulkinder persönlich, ist hart („So lang ich Sitzplätze im Bus habe, wird bei mir gesessen.“) aber herzlich. „Ich bin nicht nur Busfahrerin, sondern auch selbst Mutter und Oma und versuche schon mal zu trösten.“ Probleme, die ihr die Kinder erzählten, behandele sie stets vertraulich und und erzähle sie auch nicht zuhause. Generell seien viele Kinder sehr personenbezogen. So sei es auch schon öfter vorgekommen, dass ein Kind nur auf sie geachtet habe, nicht aber auf die Linie, eingestiegen sei und dann weinend im Bus gesessen habe, als es seinen Fehler bemerkt habe. Weber habe aber immer eine Lösung gefunden, wie es doch noch nach Hause kommt.

„Ich würde es wieder machen, denn ich fahre gern Bus“, sagt Weber über ihren Job. Die Strecke sei zwar dieselbe, aber das Drumherum jeden Tag anders. Als Köchin im städtischen Klinikum Braunschweig habe sie zwar wesentlich mehr verdient, „aber Geld ist ja nicht alles“.

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