„Ich kann auch Mädchen“

Klischees bei der Berufswahl? Melanie Arnold arbeitet mit 20 Männern zusammen

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Erfährt immer erst morgens, welche Arbeit ansteht: Abwechslungsreich ist die Arbeit von Melanie Arnold, die als einzige Frau beim Baubetriebshof der Stadt Witzenhausen arbeitet.

Klischees, was die vermeintlich geschlechtertypische Berufswahl angeht, sind hartnäckig. Wir zeigen Menschen, die sich davon freimachen, wie Melanie Arnold vom Baubetriebshof Witzenhausen.

Klar, es kommt auch mal vor, dass einer ihrer männlichen Kollegen Melanie Arnold den Spruch drückt, sie sei zickig. Ein bisschen kabbeln würde man sich untereinander schon mal, aber es fielen nie richtig böse Sprüche. „Der Zusammenhalt ist auf jeden Fall da“, sagt die 39-Jährige. Seit zehn Jahren arbeitet die gelernte Gärtnerin mit Fachrichtung Baumschule nun beim Baubetriebshof der Stadt Witzenhausen. Mit Ausnahme der Sekretärin ist sie dort die einzige Frau unter 20 Männern.

Für die Witzenhäuserin, die mit Kirschplantage und Tieren naturnah aufgewachsen ist, stand schnell fest, dass sie einen praktischen Beruf erlernen will. „Mit einem reinen Bürojob hätte man mich nicht glücklich gemacht“, sagt Arnold, die in ihrem jetzigen Job auch mal Bestellungen tätigt, die meiste Zeit jedoch draußen unterwegs ist.

In der Geschichte ihres Ausbildungsbetriebs, der Baumschule Bergmann in Unterrieden, war Arnold bei Ausbildungsbeginn 1996 erst die zweite Frau. Und auch ihre Klasse in der Berufsschule war von Männern dominiert: Neben zwei Klassenkameradinnen hatte sie noch zwölf Klassenkameraden. Doch das störte Arnold nicht, denn sie kannte es nicht anders: Sie und ihre Schwester (die Malerin wurde) waren die einzigen Mädchen in der Straße. „Sonst gab es nur Jungs. Da hast du dann halt auch Fußball gespielt.“ Vier Jahre spielte Arnold in Hundelshausen im Verein, zwei Jahre war sie Betreuerin für die Mädchenmannschaft des SSV Witzenhausen.

Melanie Arnold arbeitet mit 20 Männern zusammen beim Baubetriebshof in Witzenhausen. 

Und auch die wenig feminine Berufsbekleidung stört Arnold nicht: „Sie ist praktisch, hat viele Taschen. Damit hat man alles am Mann“, sagt Arnold, die privat immer überlegen müsse, ob sie wirklich alles in ihre Handtasche gepackt habe. Dann sei die Witzenhäuserin gern auch mal in hohen Hacken unterwegs. „Ich kann auch ‘Mädchen’, das mache ich ganz gern – allerdings erkennen mich dann selbst meine eigenen Kollegen nicht mehr“, sagt Arnold, die vor ein paar Monaten von langen Haaren zur – unter Helm und Mütze – praktischeren Kurzhaarfrisur gewechselt ist.

Was die 39-Jährige an ihrem Beruf schätzt? „Er ist vielseitig, man macht nicht jeden Tag das Gleiche. Morgen kann ich schon wieder ganz woanders sein.“ Denn Arnold erfährt immer erst morgens bei der Besprechung, mit wem sie zusammenarbeitet und was anliegt: Das kann an einem Tag das grobe Schneiden und Häckseln von Ästen, am nächsten Tag der Feinschnitt an einer Hecke sein.

Außerdem müssen die Mitarbeiter des Baubetriebshofs Mülleimer leeren, temporäre Straßenschilder aufstellen, im Sommer Blumen gießen und im Winter den Winterdienst per Handräumung vornehmen. Dabei macht Arnold alles, was auch ihre männlichen Kollegen machen – mit Ausnahme vom Lastwagenfahren, denn ihr Führerschein geht nur bis 7,5 Tonnen.

Und auch den Kontakt mit Menschen, den sie bei ihrer Ausbildung im Bereich Verkauf hatte, hat sie nach wie vor. „Wenn ich eine Hecke schneide, kommen die Anwohner und fragen, wie es mir geht und geben Tipps, wo man noch nach dem Rechten sehen müsste – das ist jetzt quasi mein Kundenkontakt.“ Generell seien Rücksicht und Verständnis der Bürger weniger geworden. „Wir stehen aber doch nicht absichtlich im Weg, sondern machen nur unsere Arbeit.“

Manchmal gebe es Tage, an denen die 39-Jährige darüber nachdenke, ob sie nicht besser etwas anderes gemacht hätte. Denn eigentlich wollte sie zur Polizei, genau wie ihr Vater. „Wenn ich heute sehe, wie es da abgeht, geht es mir hier definitiv besser“, sagt Arnold und fügt hinzu: „Es macht Spaß. Ich könnte es mir auch gar nicht mehr anders vorstellen.“ Und in letzter Zeit habe sie auch mehrfach Lob erhalten und den Satz gehört: Gut, dass es euch gibt, freut sich Arnold.

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