Vom Mord zur Handarbeit - Ex-Kripobeamtin betreibt nun Stoffladen

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Hängen sonst an der Wand in einem ihrer Verkaufsräume: Brigitte Ullrich zeigt ihre Handschellen aus der Zeit, als sie noch Kriminalbeamtin war, und hält in der anderen Hand einen Teil ihres neuen Berufs: In ihrem Laden hat sie ein breites Sortiment an Sockenwolle. 

Die Kripobeamtin Brigitte Ullrich hat nach dem Ende ihrer beruflichen Karriere noch mal durchgestartet - mit Garn und Nadel. In Gertenbach führt die 63-Jährige jetzt ein Handarbeitsgeschäft. 

Gertenbach – Mordkommission in Frankfurt, Rauschgiftdezernat in Offenbach, Wirtschaftskriminalität in Kassel – und nun ein Stoff- und Wollladen in Gertenbach. Brigitte Ullrich hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt: Kurz nachdem die Hauptkommissarin pensioniert wurde und ihre Handschellen wortwörtlich an den Nagel (in einem ihrer Verkaufsräume) hängte, eröffnete die heute 63-Jährige ihren Laden.Im Erdgeschoss ihres Hauses in Gertenbach verkauft sie jetzt Wolle, Strick- und Häkelnadeln, Stoffe, Schnitte, Garne, Reißverschlüsse.

„Ich war entsetzt, dass ich pensioniert werde. Ich habe so gern gearbeitet und wusste, dass mir etwas fehlen würde.“ Genäht und gestrickt habe sie schon immer gern – Letzteres ließ sich als Tarnung auch gut mit ihrem Beruf kombinieren: „Ich war im Park und habe gestrickt, und als es zur Übergabe der Drogen kam, habe ich mein Strickzeug weggelegt und die Verdächtigen festgenommen – die fanden das so gemein“, erzählt Ullrich schmunzelnd.

Strick an Crime 

Da war es nicht verwunderlich, dass ein Kollege mal sagte: „Brigitte, wenn du pensioniert bist, dann eröffnest du einen Laden und nennst ihn Strick and Crime.“ Bis auf den Namen war es so.

Das Besondere an Ullrichs Laden: „Alle Schnitte, die ich verkaufe, kann man vorher anprobieren und schauen, ob sie einem stehen.“ Sie hat Jerseykleider bis Größe 50 vorrätig. Ullrich weiß, wie enttäuschend es sein kann, stundenlang an einem Kleid zu nähen, es dann anzuziehen und sich nicht wohlzufühlen. Gute Beratung ist der ehemaligen Kommissarin wichtig, daher ist ihr Laden auch nur geöffnet, wenn sie selbst dort ist.

Laden soll Geheimtipp bleiben

Mit ihrem Geschäft möchte sie ein Geheimtipp bleiben. Viele Kundinnen kämen, um in Gesellschaft zu stricken – dafür hält Ullrich Kaffee und Selbstgebackenes parat. Männer verirren sich meist nur in ihren Laden, um Gutscheine für ihre Frau oder Sockenwolle für die Mutter zu kaufen. „Ich hatte erst zwei männliche Kunden, die selbst gestrickt haben.“

In ihren Nähkursen sitzen maximal drei Schüler. „Mancher sitzt allein bei mir und kann so nach dem ersten Kurs bereits ein fertiges Kleidungsstück mitnehmen“, sagt Ullrich, deren Kunden sogar aus Stuttgart kommen.

Für ausgefallene Stoffe fährt sie durch ganz Deutschland, besucht Stoffhändler an der holländischen Grenze und geht auf die Handarbeitsmesse für Gewerbetreibende in Köln.

Sie hat sich alles selbst beigebracht

Das Nähen hat sich Ullrich komplett selbst beigebracht – auf einer Nähmaschine, die sie für 100 Mark bei Quelle kaufte. „Ich habe noch so ein altehrwürdiges Gymnasium besucht, wo keine Handarbeit unterrichtet wurde, weil es hieß, dass wir dafür später einmal jemanden haben würden.“ Später besuchte sie Hobbykurse in Kassel, im Internet hat sie sich vieles angelesen. „Ich bin keine gelernte Schneiderin, fertige nichts nach Maß an und bringe auch nur das bei, was ich wirklich kann.“ Als Beamtin habe sie nie etwas hergestellt, jetzt sei sie umso stolzer, wenn sie ein Kleid genäht habe.

„Es ist wie ein zweites Leben“, sagt Ullrich über ihren Laden. Sie habe bewusst diesen Kontrast zu ihrem früheren Beruf gewählt, bei dem sie zum Glück nie habe schießen müssen, jedoch viel Leid, Leichen und Missbrauch erlebt habe. „Ich habe viele Kunden, die sagen, dass ich im Paradies bin – und so ist es auch, es ist etwas Schönes, das das Herz erfreut.“

Adresse, Kontakt, Öffnungszeiten: Brigitte Ullrich, Textiles Kunstgewerbe, An der Werra 2, Gertenbach, Tel. 0 55 42/7 12 22 oder Tel. 01 72/5 65 33 50, E-Mail: brigitte-ullrich@t-online.de. Geöffnet: dienstags 10 bis 13 Uhr, donnerstags 13 bis 17 Uhr.

Nichts ist bei ihr maßgefertigt

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