Care-Wochen sollen Wert von Versorgung sichtbar machen

Arbeit wird nicht wertgeschätzt: Bei Landfrauen im Werra-Meißner-Kreis droht Überalterung

Zum Nachdenken anregen: Bei den Care-Wochen, die im Sommer in Meißner-Germerode erstmals stattfanden, rückten unter anderem die Landfrauen Zuwendungs-, Sorge- und Versorgungsarbeit wieder in den Fokus. Dabei waren auch Hildegard Schuster (links), Präsidentin der Hessischen Landfrauen, und Martina Thiele-Sommerlade, Vorsitzende der Eschweger Bezirkslandfrauen (rechts).
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Zum Nachdenken anregen: Bei den Care-Wochen, die im Sommer in Meißner-Germerode erstmals stattfanden, rückten unter anderem die Landfrauen Zuwendungs-, Sorge- und Versorgungsarbeit wieder in den Fokus. Dabei waren auch Hildegard Schuster (links), Präsidentin der Hessischen Landfrauen, und Martina Thiele-Sommerlade, Vorsitzende der Eschweger Bezirkslandfrauen (rechts).

Sie leisten wertvolle Beiträge für die Gesellschaft, erhalten laut der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Thekla Rotermund-Capar, dafür aber lange nicht die Anerkennung, die sie kriegen müssten: die 2200 Landfrauen im Werra-Meißner-Kreis.

Werra-Meißner – „Kaffee kochen und Kuchen backen – mehr sehen die meisten nicht, aber wir machen viel mehr“, sagt Martina Thiele-Sommerlade, Vorsitzende der Eschweger Bezirkslandfrauen. Schließlich würden sie als größter Bildungsträger im ländlichen Raum auch die Erwachsenenbildung und das künstlerische Gestalten mitgestalten und hätten beispielsweise schon immer Gesundheitsthemen auf ihrer Agenda. Die Landfrauen stünden eigentlich im Zentrum der Gesellschaft, aber würden nicht anerkannt, da diese sich nicht an Gewichtung, sondern allein an Macht orientiere, sagt Rotermund-Capar.

55 Ortsvereine der Landfrauen gibt es im Werra-Meißner-Kreis

Die Landfrauen sind im Kreis in die Bezirke Witzenhausen und Eschwege aufgeteilt: Der Witzenhäuser Bezirksverein hat 600 Mitglieder in 17 Ortsvereinen. Da sich doch noch ein Vorstand in Roßbach gefunden hat, konnte die jüngste drohende Auflösung abgewendet werden. Der letzte Verein löste sich in Trubenhausen vor mehr als fünf Jahren auf. Der Eschweger Bezirksverein hat 1600 Mitglieder in 38 Ortsvereinen. Zum Jahresende wird sich der Ortsverein Archfeld auflösen. (gsk)

Die Vereine hätten mit Überalterung zu kämpfen, klagt Thiele-Sommerlade, die oft Sprüche höre, wie „So alt bin ich noch nicht“ oder „Was soll ich denn da? Da geht meine Schwiegermutter hin!“ Es sei unterschiedlich von Verein zu Verein, aber generell seien die Zahlen rückläufig, sagt auch Helga Kawe, Vorsitzende der Witzenhäuser Bezirkslandfrauen. Durch Corona sei das Vereinsleben nun nahezu zum Erliegen gekommen: War im Sommer zumindest ein Klappstuhlkaffee möglich, sei aktuell nicht mehr an ein Treffen zu denken. „Niemand will schuld sein, das Virus verbreitet zu haben.“ Zwar gebe es ein umfangreiches digitales Angebot des Landesverbands, unter anderem zu Ernährungsfragen und Fitness, allerdings sei nicht jede Landfrau internetaffin.

Doch die Pandemie könnte laut Rotermund-Capar in der Gesellschaft auch zu einem Umdenken führen: „Die Krise hat deutlich gemacht, dass Werte wie Fürsorge, Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Zuwendung sträflich vernachlässigt wurden.“ Das Virus habe eine Pause beim Streben nach „schneller, höher, weiter“ verordnet. „Das ist die Chance, unseren Blick wieder auf die Natur zu richten und zu erkennen, wie wichtig die Gemeinschaft ist, welche die Landfrauen verkörpern.“

Care-Wochen sollen zum Nachdenken anregen

Um die Zuwendungs-, Sorge- und Versorgungsarbeit, die die Landfrauen auf den Dörfern leisten, mehr Bedeutung zukommen zu lassen, hat die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, Thekla Rotermund-Capar, in diesem Jahr die „Care-Wochen“ ins Leben gerufen. Sie fanden im August in Meißner-Germerode erstmals statt. Die Kreidetafeln und Infostände werden ab sofort jedem Landfrauenverein zur Verfügung gestellt und sollen im Frühjahr auch in Hundelshausen Station machen.

„Care“ steht dabei nicht nur für Fürsorge, sondern auch für Achtsamkeit, Obhut und Pflege, so Rotermund-Capar. Ein Großteil dieser Aufgaben – wie Kindererziehung, Haushalt oder Pflege – würden ins Private verbannt, ihre Bedeutung werde heruntergespielt oder als schlecht bezahlte Jobs an vermeintlich schwächere Menschen delegiert. So orientiere sich auch die Spaltung in der bezahlten Lohnarbeit an der Industriearbeit; im Dienstleistungssektor seien vorrangig Frauen beschäftigt.

Landfrauen haben Bildungsauftrag

Dabei habe etwa die Versorgungsarbeit der Landfrauen eine zentrale Bedeutung. Denn das Wissen, wann welches Obst und Gemüse Saison habe, welche Heilkräuter wofür gut seien, und welche Produkte aus der Region kommen, gehe verloren. „Globalisierung schön und gut, aber es muss eine regionale Globalisierung sein – und auch das verkörpern die Landfrauen“, sagt Rotermund-Capar zum Stichwort Nachhaltigkeit. „Die Dinge vor der eigenen Haustür waren lange Zeit abgewertet, es war „in“ exotisch zu kochen“, bestätigt Martina Thiele-Sommerlade, Vorsitzende der Eschweger Bezirkslandfrauen. Dabei habe die Regionalität eine tiefere Bedeutung und einen Sinn.

Bei der Wissensvermittlung müsse man bei den Kindern ansetzen und ihnen wieder den Bezug zur Natur und zum Wachsen vermitteln, sagt Rotermund-Capar. „Das wird im Kindergarten gemacht, aber gehört auch ins Zentrum jedes Dorfes.“ Die Vermittlung von fast verloren gegangenem Wissen sei alles andere als privat, sondern eine höchst politische Aufgabe. „Wenn wir jetzt nicht einen neuen Bezug zur Natur herstellen, wird die Menschheit aussterben.“

Die Frauen von heute seien berufstätig und kochten nicht mehr unbedingt täglich, Übergewicht sei oft bereits bei Kindern und Jugendlichen ein Problem, sagt auch Helga Kawe, Vorsitzende der Witzenhäuser Bezirkslandfrauen. Dies habe die Landesregierung erkannt und das Ernährungsbildungsprojekt „Werkstatt Ernährung“ ins Leben gerufen, bei dem die Landfrauenvereine Kinder für einen gesunden, nachhaltigen Lebensstil begeistern wollen. Das erlebnis- und handlungsorientierte Konzept richtet sich speziell an Schüler der 5. und 6. Klassen. Nachdem Multiplikatoren digital geschult worden seien, sei das Projekt coronabedingt zum Erliegen gekommen, da aktuell keine Kochkurse in den Schulen stattfinden. (Gudrun Skupio)

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