Nutzer experimentieren mit Öko-Wohnformen

Gegenwind aus der Politik: Leben im Bauwagen rund um Witzenhausen vor dem Aus?

Ungewöhnliches Domizil: Seinen Wagen hat Jonas Habel auf dem Chassis eines landwirtschaftlichen Anhängers selbst gebaut. Bevor der ehemalige Freizeitgarten als Standort dienen konnte, habe sein Verein bergeweise Müll und Bauschutt der Vorbesitzer von dem verwilderten Grundstück beseitigen müssen.
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Ungewöhnliches Domizil: Seinen Wagen hat Jonas Habel auf dem Chassis eines landwirtschaftlichen Anhängers selbst gebaut. Bevor der ehemalige Freizeitgarten als Standort dienen konnte, habe sein Verein bergeweise Müll und Bauschutt der Vorbesitzer von dem verwilderten Grundstück beseitigen müssen.

Die 50 Personen, die in Bauwagen, Tiny Houses und Lauben in Kleingärten und Plantagen rund um Witzenhausen leben, müssen sich womöglich eine andere Bleibe suchen.

Witzenhausen – Denn obwohl derzeit eine Machbarkeitsstudie erstellt wird, ob man die Bauten und Wagenplätze legalisieren kann, könnte das Stadtparlament am Dienstag ab 19 Uhr in der Turnhalle Südbahnhofstraße entscheiden, dass sie geräumt werden müssen.

Es ginge nicht darum, im Wald zu leben, sagt Jonas Habel vom Verein „Am Hang“. Die Wagenplätze lägen in der Kulturlandschaft – in einem Gürtel um die Stadt, der seit Jahrhunderten für Obstanbau und Gärten genutzt würde. Der Verein „Am Hang“ hat vor zwei Jahren zwei alte Freizeitgärten am Sandwald oberhalb der Bahn gekauft und bildet mit Gleichgesinnten die Interessengemeinschaft (IG) Wagenleben.

Die Mitglieder wollten Wege erproben, mit möglichst wenig und so ökologisch wie möglich im Einklang mit der Natur und in einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu leben. Wenn die jetzigen Aktiven irgendwann weiterziehen, sollen die Plätze von anderen legal nutzbar sein. Zu hohe Mieten in der Sadt, wie Linken-Politikerin Heidi Rettberg vermutet, sei nicht der Grund für die Gruppe, in Bauwagen leben zu wollen, sagt Habel, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften ist. Es ginge um ein Experimentierfeld. Wenn die Wagen zu neuen Standorten gebracht werden, blieben keine Fundamente und versiegelten Flächen zurück, die Natur könne dann das Areal zurückerobern.

Alltag mit geringen Eingriffen in die Umwelt

Seine Mitstreiter und er produzieren Strom mit Solarpanelen, optimieren die Nutzung von Regenwasser. Sie sind in der Stadt gemeldet, entsorgen dort Müll und holen Trinkwasser. Es gibt eine Komposttoilette, die Dünger für den Gemüsegarten und die neu gepflanzten Obstbäume produziert. Das Ziel ist ein Kreislaufsystem der Ressourcennutzung – wie im Projekt Urtica, für das die Stadt 2015 den Bebauungsplan am Rabenberg in ein Sondergebiet änderte, damit dort mit der Universität alternative ökologische Wohnformen erforscht werden können. Dass ein Brandschutzkonzept für die Freizeitgärten nötig ist, sei klar, sagt Habel. Er hofft auf Vorschläge in der Machbarkeitsstudie. Ideen seien Abstandsregeln für Bauten oder Lösungen mit Wasserleitungen, Zisternen oder Löschteichen. Es sei für Behörden und Kommunalpolitiker keine leichte Situation, erkennt Habel an. Aber es könne sich lohnen, die Legalisierung zu versuchen. „Man kann Paragraphen nutzen, wenn man dabei an die Menschen denkt.“ Es gebe im Baurecht Möglichkeiten, Wagenplätze zu legalisieren, betont er mit Blick auf Beispiele aus Lüneburg und Bramsche.

Jetzt wollen die IG-Mitglieder über ihre ökologische Vision informieren – mit einem Stand auf dem Markt, einem Vor-Ort-Gespräch mit Politikern am Montag sowie mit einer Demonstration in der Innenstadt am Dienstag ab 17 Uhr.

Machbarkeitsstudie soll Legalisierung prüfen

Im September 2020 hatten die Stadtverordneten mit 13 Ja- und 11 Nein-Stimmen eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben: Sie soll nach Initiative des damaligen Bauamtsleiters Bernd Westermann prüfen, wie „illegale Kleingartengebiete mit baulichen Anlagen“ nachträglich legalisiert werden können und ob Witzenhausen eine Modellkommune für klimafreundliche und naturschonende Wohnkonzepte in Obstgarten- und Agroforstsystemen werden kann. Laut der heutigen Bauamtsleiterin Anja Strecker ist die Studie noch nicht fertig, der weitere Zeitplan offen.

In der Vorwoche habe es einen Termin mit dem Planungsbüro „Stadt und Land“ sowie Vertretern von Stadt, Regierungspräsidium, Naturschutz und Landkreis gegeben. Man habe um eine Teilerlaubnis für die Aufstellung von kleinen, mobilen „Tiny Houses“ gebeten, sagte Bürgermeister Daniel Herz am Dienstag im Bauausschuss. Das RP sei gegen Wohnen im Außenbereich und wolle eine Zersiedelung der Landschaft vermeiden. Kompromisse seien nur für direkt an die Stadt angrenzende Flächen möglich. Dann sei aber „Wohnen und Übernachten“ ausgeschlossen, so Strecker.

Ausschuss streitet lautstark über Wohnprojekte

Die FDP will nicht auf das Ergebnis der Studie warten. Sie beantragte am Dienstag, Beseitigungsanordnungen des Kreises für ungenehmigte Bauten im Außenbereich durchzusetzen. Axel Vogelei begründete das mit Brandschutzbedenken und behauptete, wegen der Wohnprojekte würde sich das Wild zurückziehen und mehr Müll in der Landschaft landen. Es entspann sich eine heftige Debatte, bei der sich am Ende Vertreter von Stadt, Koalition und Opposition scharf persönlich angingen und am Ende sogar anbrüllten.

Bunte Liste, Grüne und FWG plädierten dafür, erst die Ergebnisse der 11 500 Euro teuren Studie abzuwarten und zu diskutieren, bevor abgerissen werde. „Herr Westermann war sich sicher, dass es genehmigungsfähige Bereiche gibt“, sagte Dr. Rita Weber-Wied (Grüne). Dr. Christian Platner (Bunte Liste) warb, dass man als offizielle Bio-Stadt Vorreiter für Tiny Houses sein könnte. Silvia Hable (Bunte Liste) forderte einen Ortstermin: „Oder war von Ihnen schon mal jemand dort?“

„Wir sind in einem Bereich, wo Recht und Gesetz gebrochen wird. Wir können keinen Antrag ablehnen, der die Einhaltung des Rechts fordert“, schlug sich SPD-Fraktionschef Lukas Sittel dagegen auf die Seite der FDP. So stimmten am Ende alle Ausschussmitglieder der Großen Koalition für den Antrag – obwohl allen Beteiligten bereits seit 2020 klar ist, dass die Bauten illegal sind und auf Beschluss des Parlaments und Kosten der Stadt eine Legalisierung geprüft wird. (Friederike Steensen)

Bauaufsicht hat schon Beseitigungen angeordnet

Der Landkreis hat als zuständige Bauaufsicht nach Hinweisen von Stadt und Bürgern ungenehmigte bauliche Anlagen im Außenbereich besucht. Es gab Beseitigungsanordnungen, wenn eine nachträgliche Erlaubnis nicht möglich war, teilte der Kreis der Stadt im Februar 2020 mit. Es liefen Widerspruchsverfahren. Weil die Stadt die Machbarkeitsstudie in Auftrag gab, ließ der Kreis die Vorfälle zunächst ruhen. Alle Verfahren würden in Kürze fortgeführt oder eingeleitet“, so Kreissprecher Jörg Klinge.

Am Behördentermin habe auch ein Vertreter des Kreises teilgenommen. „Ergebnis war, dass bis auf einen Standort eine Wohnnutzung nicht in Betracht kommt. Die Stadt prüft, ob eine Freizeitnutzung der Grundstücke ohne Wohnnutzung möglich ist. Dabei soll auch berücksichtigt werden, dass bereits bauliche Anlagen zurückgebaut wurden.“ Wenn keine Genehmigung erteilt werden könne, müssen die Gebäude bis zur erlaubten Größe zurückgebaut oder ganz abgerissen werden. Sonst könne es zur Zwangsvollstreckung auf Kosten der Verursacher kommen, so Klinge. Wer nicht auf den Gelände wohnen darf, müsse umziehen, sonst drohen Zwangsgelder. Ungenehmigte Gebäude und eine rechtswidrige Wohnnutzung gelten zudem als Ordnungswidrigkeit. (fst)

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