Lieselotte Isecke starb mit 95: Letzte Zeitzeugin der russischen Besatzung ist tot

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Sie erinnerte sich genau: Lieselotte Isecke war die letzte Zeitzeugin, die immer wieder von der russischen Besatzung in Neuseesen berichtet hat. Jetzt ist sie im Alter von 95 Jahren verstorben. Unser Foto entstand 2015.

Neuseesen. Sie war gefragte Interviewpartnerin, trat noch im hohen Alter bei Foren im Grenzmuseum Schifflersgrund auf: Lieselotte Isecke ist kurz vor Weihnachten gestorben.

Am 8. Dezember feierte die letzte Zeitzeugin der russischen Besetzung in Neuseesen und Werleshausen noch ihren 95. Geburtstag.

Vor 71 Jahren wurden die heutigen Witzenhäuser Stadtteile bei Kriegsende von russischen Truppen eingenommen. Sie blieben etwas mehr als zwei Monate. Dann kamen die Amerikaner, und Neuseesen wurde hessisch. Im Höhlehof am östlichen Ende von Neuseesen wohnten der russische Kommandeur und sein Bursche, gegenüber war die Kommandatur. Lieselotte Isecke erlebte diese Zeit als junges Mädchen und kannte viele Anekdoten aus jenen turbulenten Tagen. Der Offizier hatte die Angewohnheit, mit Pistole unterm Kopfkissen zu schlafen. Isecke entwendete die Waffe - ein Jugendstreich. Von da ab verwahrte der Russe das Schießeisen an sicherem Ort. Und da ist die Geschichte vom Vater der Zeitzeugin, der Offiziere der Roten Armee mit seiner Kutsche zu fragwürdigen Etablissements nach Heiligenstadt fahren musste. Dem Vater war das peinlich, er manipulierte das Fahrwerk, die Kutsche stürzte in einen Graben, von da ab war es mit den Ausfahrten vorbei.

Der Abzug der Russen am 17. September 1945 war nach Angaben von Isecke kein Fest - die Russen verschwanden ohne Aufsehen. Sie kehrten 1946 noch einmal zurück, aber nur, weil sich eine Streife verfahren hatte.

Erinnerungen hatte die 95-Jährige auch an die Zeit der Teilung und des DDR-Grenzregimes. Kamen die Volkspolizisten in den 50er Jahren noch zum Einkaufen ins Dorf oder tauchten bei der Kirmes auf, war es damit im Gefolge des Mauerbaus im August 1961 vorbei: Die Grenze wurde hermetisch abgeriegelt.

Als die DDR 1989 vor dem Zusammenbruch stand, zog Isecke mit einem weißen Bettlaken in Richtung Hanstein, um ihrer Schwester in Bornhagen zuzuwinken. Noch bis vor wenigen Jahren bewirtschaftete sie den Obstgarten ihres Hofes mit Hilfe von Sohn Klaus-Peter. Ihr Wohnzimmer glich einem Archiv - viele Umschläge und Ordner mit Dokumenten und Zeitungsausschnitten. Sie dürften eine Fundgrube sein. Lieselotte Isecke war zwar zuletzt körperlich eingeschränkt, aber geistig voll da. Und sie sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war.

Die Trauerfeier beginnt am Mittwoch, 28. Dezember, um 14 Uhr an der Friedhofskapelle Neuseesen.

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