Ärger wegen falscher Karte

Meinungen über Schutz der Stadtmauer gehen auseinander

+
Bekenntnis zum Denkmalschutz: Ein Teil der Stadtmauer samt Turm ist bereits in die Anlage des DRK-Seniorenzentrums an der Wickfeldtstraße integriert worden. Der bröckelnde Teil (links) müsste dem Neubau für seniorengerechte Wohnungen weichen. Hier will das DRK drei Millionen Euro in den Bau von 17 Wohnungen investieren. Sie sollen im Frühjahr 2019 bezogen werden können.  

Witzenhausen. Hat der DRK-Kreisverband Witzenhausen das Areal zwischen Krankenhaus und Wickfeldtstraße mit komplett denkmalgeschützter Stadtmauer gekauft oder nicht? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Wir beantworten dazu die wichtigsten Fragen.

Wer hat wann was vom Denkmalschutz gewusst?

 „Es ist erst jetzt, nach dem Abriss des Trafohäuschens, herausgekommen, dass die ganze Stadtmauer in dem Bereich geschützt ist“, sagt Wolfgang Fischer, Vize-Vorsitzender des DRK-Kreisverbands. Als man das Grundstück 2009 gekauft habe, sei man davon ausgegangen, dass nur das Mauerstück am Turm geschützt sei. Der Rest sei in der Denkmaltopografie nicht als Kulturdenkmal aufgeführt gewesen. Zudem sei man nicht informiert worden, dass der Mauerteil bis zum Trafohäuschen 2011 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Das Landesamt für Denkmalpflege sieht das anders: „In unserem Schreiben vom 1.6.2011 haben wir erstmals auf den Denkmalwert der historischen Stadtmauer hingewiesen“, schreibt Dr. Karin Bek, Sprecherin der Landesdenkmalpflege, auf Anfrage. Das Schreiben sei an das vom DRK beauftragte Planungsbüro gegangen, das 2011 den Bau des Seniorenzentrums an der Wickfeldtstraße begleitete.

Wie kam es zu dem Missverständnis?

„Die gesamte Stadtmauer ist in der Denkmaltopographie Werra-Meißner-Kreis als Kulturdenkmal aus geschichtlichen und städtebaulichen Gründen erfasst“, so Bek. In der Karte der Kulturdenkmäler in dem entsprechenden Band war jedoch der genannte Bereich nicht farbig markiert. Die Kartierung sei 2011 korrigiert worden – nach ersten Gesprächen über die Pläne des DRK, an der Wickfeldtstraße ein Seniorenzentrum zu errichten. „Dies bedeutet allerdings keine Änderung der Denkmaleigenschaft“, betont Bek. Die geänderte Kartierung sei Stadt und Landkreis umgehend zur Verfügung gestellt worden.

Mit welcher Begründung wurden die Mauerreste 2011 denkmalgeschützt?

Das Landesamt für Denkmalpflege nennt zwei wesentliche Aspekte:

• Die Mauer ist ein historisches Zeugnis: An ihr könne man die Befestigungstechnik in Mittelalter und Früher Neuzeit sowie die hohe Bedeutung der wehrhaften Stadt Witzenhausen ablesen.

• Der Verlauf der Stadtmauer und die Wehrtürme strukturieren bis heute die Stadt.

Wie bewertet das Landesamt den umstrittenen Mauerabschnitt?

„Grundsätzlich sind alle historischen Bereiche der Stadtmauer als Kulturdenkmal zu erhalten“, so Bek. Aber man müsse unterscheiden in

• vollständig erhaltene Abschnitte

• stark beschädigte Bauteile

• nur noch im Fundament erhaltene Bauteile.

Je mehr erhalten sei, desto mehr müsse auch geschützt werden. Vor allem der Verlauf der Mauer sei ein wichtiger Hinweis auf die Stadtgeschichte. Deshalb würde das Landesamt ein Überbauen des Bereiches akzeptieren, in dem nur noch das mittelalterliche Fundament zu sehen ist. „Dann müssen allerdings dieser Teil des Denkmals vor Ort gesichert und der Mauerverlauf im Gebäude angemessen sichtbar gemacht werden.“

Wie reagiert das DRK auf diese Vorgabe?

„Wir bekennen uns zum Denkmalschutz und werden den Verlauf der Stadtmauer sichtbar machen“, so Vorsitzender Jürgen Vogelei. Man habe den Grundriss des neuen Gebäudes bereits so umgestaltet, dass die Mauerfundamente mit einer begehbaren Glasplatte abgedeckt, beleuchtet und so sichtbar gemacht werden können. Zudem wolle man große historische Abbildungen der Mauer im Aufenthaltsraum aufhängen und zwei Mauerstümpfe bis 50 Zentimeter Höhe vor dem Gebäude neu aufbauen. Kostenpunkt für alles: 50 000 Euro.

Kann die alte Mauer nicht in Gänze ins Gebäude integriert werden?

Das sei aus statischen und wirtschaftlichen Gründen nicht möglich, sagen Vogelei und Fischer. Für Vorschläge, wie man die Mauer ins Gebäude integrieren und die Wohnungen trotzdem zum ortsüblichen Tarif vermieten kann, sei man offen. Laut Denkmalpflege können historische Mauern in Gebäude integriert werden – ein Beispiel sei die Veranstaltungshalle Darmstadtium (Darmstadt). Ob es in Witzenhausen möglich sei, sei beim Ortstermin im Februar noch nicht geprüft worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.