Gericht reduziert Strafe gegen Deutsch-Türken im zweiten Prozess enorm

Mildes Urteil für Bluttat in Sontra

Mit roter Farbe ist der Platz in Sontra markiert, an dem der türkische Schneider aus Göttingen seinen kurdischen Schwiegersohn mit acht Schüssen niederstreckte.  Archiv
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Mit roter Farbe ist der Platz in Sontra markiert, an dem der türkische Schneider aus Göttingen seinen kurdischen Schwiegersohn mit acht Schüssen niederstreckte. Archiv

Handfeste Überraschung im zweiten Prozess um die Bluttat in Sontra vom Februar 2018: Wegen gefährlicher Körperverletzung und unerlaubten Führens von Schusswaffen ist ein 56-jähriger Deutsch-Türke aus Göttingen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt worden.

Kassel/Sontra – Weil er bereits insgesamt zwei Jahre und neun Monate in Untersuchungshaft gesessen hat, verließ er das Landgericht Kassel gestern als freier Mann. Für die über die Strafe hinaus gehenden Haftmonate sprach ihm die 10. Strafkammer von Richter Robert Winter eine Entschädigung zu. Außerdem muss er nur ein Fünftel der Kosten des Revisionsverfahrens selbst bezahlen.

Im Februar 2019 war der Angeklagte von der 6. Strafkammer noch wegen versuchten Mordes aus niederen Beweggründen zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte am 11. Februar 2018 in Sontra seinen kurdischen Schwiegersohn mit zwei Bauchschüssen aus einer halbautomatischen Pistole lebensbedrohlich verletzt. Der Revision gegen dieses Urteil hatte der Bundesgerichtshof stattgegeben, sodass das Verfahren vor der 10. Strakammer nun komplett neu aufgerollt werden musste.

Dabei gab es aber einen entscheidenden Unterschied: Im ersten Verfahren hatten Zeugen der beiden muslimischen Familien – die türkische aus Göttingen und die kurdische aus Sontra – vor Gericht ausgesagt und sich teilweise gegenseitig schwer beschuldigt. Das Gerichtsgebäude wurde an jedem Prozesstag von einer Hundertschaft Polizisten gesichert, Polizeibeamte mussten die Familien, die auch körperlich aufeinander losgingen, trennen.

Davon war diesmal nichts zu spüren: Alle Familienmitglieder machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Auch der angeschossene 26-Jährige, der inzwischen die Tochter des Angeklagten geheiratet hat, erschien nicht als Zeuge und erteilte sogar seinem Anwalt, der als Nebenkläger auftrat, Redeverbot.

Entsprechend schwierig bis unmöglich war die Aufklärungsarbeit des Gerichts. Ganz sicher, so Richter Winter, habe der Angeklagte mit Tötungsabsicht auf seinen Schwiegersohn geschossen. Ob den Schüssen zwischen den Glascontainern in Sontra aber ein Angriff des jungen Kurden mit einer zerbrochenen Rumflasche auf den Angeklagten vorausgegangen war und der Schütze daher in Notwehr handelte, blieb offen: „Wir wissen es nicht“, sagte Winter immer wieder.

Weil Notwehr nicht auszuschließen war, wurde der Angeklagte letztlich nur wegen eines Schusses mit der Luftpistole auf den fliehenden Schwiegersohn verurteilt. Das Projektil hatte diesen im Nacken getroffen und eine oberflächliche Hautverletzung verursacht. „Das war definitiv keine Notwehr-Situation mehr“, sagte der Richter. In allen anderen Fragen müsse wegen fehlender Zeugenaussagen im Zweifel für den Angeklagten entschieden werden. Der hatte den ganzen Prozess über geschwiegen, nickte beim milden Urteil nur sachte mit dem Kopf. (tom)

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