Region produziert viel Fleisch

Witzenhäuser Studentin hat die Selbstversorgungsgrade ermittelt 

Mit Fleisch könnte sich Nordhessen selbst versorgen: Rinderkalb auf Gut Fahrenbach.
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Mit Fleisch könnte sich Nordhessen selbst versorgen: Rinderkalb auf Gut Fahrenbach.

Studentin wertet in Witzenhausen komplizierte Statistiken aus, um zu erfahren, in welchen Bereichen die Nordhessen ihren Bedarf an Lebensmitteln durch Eigenproduktion decken können. 

Mit Fleisch kann sich Nordhessen selbst versorgen, bei Obst und Gemüse besteht noch erheblicher Nachholbedarf. Das hat die Witzenhäuser Studentin Hanna Marti in einer preisgekrönten Masterarbeit herausgefunden.

Fachliteratur und Statistiken 

Die 26-jährige Schweizerin hat sich durch die Fachliteratur gearbeitet, zahllose amtliche Statistiken zusammengetragen und fehlende Angaben auf Basis komplizierter Berechnungen geschätzt. Am Ende legte Marti Prof. Johannes Kahl vom Fachgebiet Ökologische Lebensmittelqualität und Ernährungskultur der Universität Kassel die beste Masterarbeit ihres Jahrgangs vor.

Hanna MartiStudentin

Ursprünglich aus Solothurn, arbeitet Marti mittlerweile im Schweizer Landwirtschaftsministerium. Sie hat nach eigenen Recherchen erstmals Nordhessens potentielle Selbstversorgungsgrade bei verschiedenen landwirtschaftlichen Erzeugnissen ermittelt. Sie fand heraus, dass die 5251 Bauernhöfe in den fünf Landkreisen und der Stadt Kassel derzeit etwa fünf Prozent des in Nordhessen verbrauchten Obstes und 29 Prozent des Gemüses produzieren.

Zu wenig Kartoffeln 

Bei Kartoffeln sind es 24 Prozent, bei Honig 50 Prozent und bei Eiern 55 Prozent. Bei Hühnerfleisch liegt der Selbstversorgungsgrad bei 85 Prozent, bei Schweinefleisch bei 97 Prozent. Bei Rindfleisch ließ er sich aufgrund fehlender Daten nicht bestimmen.

Mehr produziert als verbraucht wird in der Region Zucker (125 Prozent), pflanzliche Öle (165 Prozent) und Getreide (240 Prozent), führt Marti aus. Bei Hülsenfrüchten liegt der Wert bei 890 Prozent, wovon allerdings ein schwer zu schätzender Anteil an Tiere der Region verfüttert wird. Die Agrarwissenschaftlerin spricht sich in ihrer Arbeit dafür aus, die regionale Vermarktung von Lebensmitteln zu stärken.

Sebastian Kretschmerwissenschaftlicher Mitarbeiter

„Durch die Nähe von Erzeugern und Verbrauchern nimmt die Transparenz bei der Lebensmittelproduktion zu“, erwartet Kahls wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sebastian Kretschmer. Das könne die Bauern zu einer nachhaltigeren Produktion veranlassen, was – ganz allgemein gesehen – dringend notwendig sei. Derzeit treibe die Landwirtschaft nach wissenschaftlichem Konsens des Weltklimarats den Klimawandel voran. In vielen Teilen der Welt würden Böden belastet oder erodierten, die Artenvielfalt nehme ab. All das schmälere das Ansehen der Bauern weltweit.

Regionalität stärkt das Gemeinschaftsgefühl

In Nordhessen soll derweil mit guter landwirtschaftlicher Praxis eine für die Region maßgeschneiderte Ernährungswende geschaffen werden. „Mehr Regionalität in der Lebensmittelversorgung wird das Gemeinschaftsgefühl stärken“, erklärt Kretschmer. Lokale Spezialitäten würden gestärkt. Die regionale Wertschöpfung verbessere sich, was Arbeitsplätze schaffe. Um diese Ziele zu erreichen, engagiere er sich in der Initiative Nachhaltiges Nordhessen. Sie setze auf Solidarität und versuche alle Akteure der Region einzubinden: die Politik, die Verwaltungen, aber unter anderem auch die Landwirte, Caterer, Gastronomen und die Verbraucher.

„Um der Intiative Fakten und Konzepte an die Hand zu geben, untersuchen derzeit Witzenhäuser Studierende in Abschlussarbeiten, wie regional und biologisch die Verpflegung in Kindertagesstätten und Schulen der Region ist“, berichtet der Agraringenieur. Sie holten die Meinungen Beteiligter ein und erarbeiteten Vorschläge, wie sich der Anteil von regionalen Produkten und Bio-Artikeln erhöhen lasse. Ähnliche Studien ließen sich für die Gemeinschaftsverpflegung etwa in Behörden und Krankenhäusern durchführen.

Aufbau einer Erzeugergemeinschaft

„Ein wichtiges Ziel der Initiative ist der Aufbau einer Erzeugergemeinschaft, die in der Region produzierte Lebensmittel Großküchen und anderen Großkunden zur Verfügung stellt“, führt Kretschmer aus. Ohne eine Bündelung von Angebot und Nachfrage lasse sich der regionale Selbstversorgungsgrad nicht deutlich erhöhen.

Initiative nachhaltiges Nordhessen 

„In den USA gibt es 350 regionale Erzeugergemeinschaften, sogenannte Food Hubs, die das Angebot örtlicher Landwirte für Kunden in einem Raum von 50 bis 100 Kilometern bündeln“, berichtet Sebastian Kretschmer. Der Gärtner, der 17 Jahre in den USA gelebt hat, war im Bundesstaat Pennsylvania selbst an dem Aufbau einer solchen Erzeugergemeinschaft beteiligt. „Da der Zwischenhandel wegfällt, sind die Preise vergleichbar mit denen des Handels“, berichtet er. Kretschmer, die treibende Kraft der Initiative Nachhaltiges Nordhessen, will sein Projekt breit in der Bevölkerung verankern. Alle gesellschaftlichen Gruppen sollen die Vorteile erkennen, die ihnen eine regionale Lebensmittelversorgung bringt, wünscht er sich. Das Projekt soll von unten gelebt, nicht von oben verordnet werden, sagt der Agrarwissenschaftler, der seit gut zwei Jahren am Witzenhäuser Fachbereich der Universität Kassel tätig ist.

Von Michael Caspar 

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