5300 Kilometer zu Fuß mit dem Handkarren unterwegs

Staub, Schutt, Spinnweben: Das Geisterhotel im Siegerland war eine der skurrilsten Übernachungsstätten auf dem Weg von Folke Ludewig. Pflanztöpfe, Theke, Tische und Deckenlampen waren im verlassenen Bar-Bereich frei der Witterung ausgesetzt. Foto: Privat, (1), Bretzler (1)

Weiden / Röhrig. Fast 30.000 Kilometer hat Folke Ludwig schon zurückgelegt - alle zu Fuß mit seinem Handkarren. Diesmal war er acht Monate unterwegs.

Der Handrucksack, mit dem Folke Ludewig in die Redaktion kommt, ist noch gepackt. „Ich könnte sofort wieder aufbrechen“, sagt der 59-Jährige, der nach acht Monaten Klostermarsch quer durch Deutschland und 97 besuchten Gotteshäusern noch nicht ganz zu Hause angekommen ist. Seit Ende Oktober ist er wieder zurück im Werra-Meißner-Kreis. Zurück aus einem Leben voller Freiheit, aber auch ohne Komfort.

Folke Ludewig mag das. Er läuft einfach los - und das wenige, was er braucht, nimmt er in seinem Wagen mit. Dazu gehören neben Zelt, Kleidung, Gaskocher, Notfall-Handy und Schlafsack auch Klapp-Spaten, Kamera, Landkarte, Tagebuch und ein eingeschweißter Lebenslauf. Den brauchte er, um sich unterwegs kleine Jobs zu suchen. Denn obwohl er nur sieben bis zehn Euro pro Tag benötigt, um über die Runden zu kommen - ganz ohne Geld lässt sich auch die provisorischste Reise nicht finanzieren.

So lief Folke Ludewig zum ersten Mal ohne festes Ziel, sondern dorthin, wo es Arbeit gab. Unterwegs klopfte er an die Türen von Klöstern und großen Bauernhöfen, mal um zu übernachten, mal um als Tagelöhner seine Dienste gegen geringen Lohn und Unterkunft anzubieten. Bei machen blieb er länger und verdiente Geld für die nächste Etappe.

Heraus kam ein Zick-Zack-Kurs quer durch Deutschland, 5290 Kilometer in 250 Tagen. 162 davon lief, 88 arbeitete er, las Steine aus dem Acker, putzte Meerrettich, streute Späne in Kuhställe, erntete Zwiebeln und Kürbisse. „Ich war überrascht, wie gut das funktionierte“, resümiert der drahtige 59-Jährige. „Die meisten Menschen haben mir spontan ein Zimmer, eine Scheune, eine Garage oder eine Hütte zum Schlafen zur Verfügung gestellt.“ Wenn er doch draußen übernachten musste, wusste sich Folke Ludewig zu helfen. „Auf Friedhöfen zum Beispiel kann man wunderbar schlafen.“ Unheimlich findet er das nicht, da denkt er praktisch. „Dort gibt es frei verfügbares Wasser zum Kochen und Rasieren. Und die Leichenhallen haben meist ein Vordach, das nachts vor Regen schützt.“ Misstrauen schlug dem Pilger mit Handkarre selten entgegen. „Eher Neugier. Viele Menschen fanden meine Art des Reisens mit Handwagen interessant und wollten mehr darüber erfahren. Manchmal wurde ich sogar abends zum Essen eingeladen!“ Auch Polizisten, die ihn anhielten und seine Personalien kontrollierten, erzählte er seine Geschichte. „Das waren sehr nette Gespräche. Natürlich hatte ich auch immer ein paar HNA-Artikel über mich dabei, die ich in solchen Fällen vorzeigen konnte.“

Ein ganzes Jahr wollte Folke Ludewig eigentlich wegbleiben. Früher zu Hause ist er aber nicht, weil ihm die Puste ausgegangen wäre. Nein, der Winter stand vor der Tür. Keine gute Zeit, um auf dem Weg nach Spanien die Pyrenäen zu überqueren. Außerdem hätte er in der kalten Jahreszeit unterwegs schwer Arbeit gefunden. Vorübergehend wohnt er bei Freunden in Röhrig (Thüringen), doch im Frühjahr will er wieder los. Start soll dann in Gibraltar im Süden Portugals und Ziel Bad Sooden-Allendorf sein.

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