Witzenhäuser Suchthilfe-Verein

Nach dem Tod der Gründerin: Wohngruppen des Witzenhäuser Suchthilfe-Vereins sollen bleiben

Zwei Männer stehen vor einem weißen Gebäude, einer hält einer Schild mit der Aufschrift Die Chance in den Händen
+
Sind auch in Zukunft für Menschen da, die abstinent leben wollen: Thorsten Helfrich (links) und Alexander Schlauch vor der Wohngemeinschaft an der Mündener Straße 38.

Elke Bölling hat den Witzenhäuser Suchthilfe-Verein „Die Chance“ gegründet. Die beiden Wohngruppen für Suchtkranke sollen auch nach ihrem Tod bestehen bleiben.

Witzenhausen – Alexander Schlauch (50) will die beiden Wohngemeinschaften des Witzenhäuser Vereins „Die Chance“ weiterführen. Seine Mutter, Gründerin Elke Bölling, ist im vergangenen Dezember im Alter von 73 Jahren gestorben.

„An die 3000 Menschen haben seit Gründung der Witzenhäuser Anonymen Suchthilfe 1995 in unseren Räumen gelebt“, schätzt Schlauch. „Manche hielten es nur ein paar Stunden bei uns aus, andere haben hier bis zu ihrem Lebensende gewohnt“, ergänzt Hausleiter Thorsten Helfrich (46).

Der Verein kümmert sich vor allem um Menschen, die alles verloren haben: Arbeit und Auto, Wohnung und Familie. Viele Bewohner sind verschuldet.

Suchthilfe-Verein Witzenhausen: Klare Regeln

„Ich war selbst ganz unten, als ich hier einzog“, erzählt Helfrich, der – so wie Bölling es war – ein trockener Alkoholiker ist. Der gelernte Kaufmann war abgestürzt, nachdem er seine Arbeit verloren hatte. Damals machte er sich bereits morgens das erste Bier auf.

Das akzeptierte seine Frau nicht. Helfrich kam bei einem Freund unter, der ihn am Ende auch vor die Tür setzte. Anderthalb Jahre lebte er auf der Straße. Danach war er zu allem bereit, um nur endlich wieder in einem eigenen Bett schlafen zu können.

„Wer bei uns einziehen will, muss auf den Konsum von Alkohol und anderen Drogen verzichten“, nennt der Hausleiter die Bedingungen. Wer zu tricksen versucht, etwa heimlich Flaschendepots anlegt oder etwas in der Stadt konsumiert, muss gehen.

Suchthilfe-Verein Witzenhausen: „Nicht jeder hält durch“

Helfrich und sein Team, auch sie abstinente Abhängige, kennen die Tricks und Ausreden. Um das Abstinenzgebot durchzusetzen, führen sie unangekündigt Atem- und Urinkontrollen durch.

„Nicht jeder hält durch“, weiß der Hausleiter. Nur 15 bis 20 Prozent der Bewohner schaffen es, dauerhaft ohne Suchtmittel auszukommen. Doch selbst, wer Jahre oder gar Jahrzehnte lang nüchtern war, ist nicht vor einem Rückfall gefeit.

„Wir hatten schon Mitbewohner mit den besten Prognosen, die drei Stunden nach ihrem Auszug von der Polizei sturzbetrunken auf dem Marktplatz aufgegriffen wurden“, erinnert sich Helfrich. Der Verein legt daher Wert darauf, dass Bewohner eine Therapie machen.

Suchthilfe-Verein Witzenhausen: „Weil ihnen Liebe oder Anerkennung fehlen“

„Einige Abhängige konsumieren, weil ihnen Liebe oder Anerkennung fehlen“, weiß der Hausleiter. Andere sind dünnhäutig und lassen sich durch eine abfällige Bemerkung aus der Bahn werfen. Wieder andere betäuben seelische Schmerzen. Nur wer sich seinen Schwächen stellt, schafft es, dauerhaft abstinent zu leben. Eine Selbsthilfegruppe wirkt dabei stabilisierend.

„Nur wenige unserer Bewohner sind berufstätig“, berichtet Helfrich. Etwa die Hälfte verfügt über keinen Berufsabschluss. Viele haben aufgrund ihrer Abhängigkeit jahrelang nicht gearbeitet.

Selbst für eine Helfertätigkeit ein paar Tage lang morgens pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen und dann bis nachmittags durchzuhalten, ist für sie eine große Herausforderung. Körperliche Gebrechen und kognitive Einschränkungen erschweren die Arbeitssuche. (Michael Caspar)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.