Neues Promotionskolleg

Nachhaltigkeit von Lebensmitteln: Öko allein reicht nicht für gute Bilanz

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Bio, aber üppig in Plastik verpackt: Für den ökologischen Fußabdruck von Lebensmitteln spielen viele Aspekte eine Rolle. 

Witzenhausen. Nachwuchswissenschaftler der Uni Kassel nehmen die Nachhaltigkeit entlang der Lebensmittelkette in dem Blick.

Unter dem Titel „Ernährungswirtschaft und Technologie“ werden in einem gemeinsamen Promotionskolleg mit der Hochschule Fulda fünf Doktoranden zum Thema forschen. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Christian Herzig, dem Sprecher des Kollegs.

Professor Herzig, wie häufig essen Sie Fleisch?

Prof. Dr. Christian Herzig: Zwei bis drei Mal pro Woche. Ich esse gern Fleisch, aber nur aus ökologischer Erzeugung und wenn ich weiß, wo es herkommt. Ich schränke mich bewusst ein, denn nicht jeder Mensch auf der Welt kann jeden Tag Fleisch essen. Das kann global gesehen nicht funktionieren, denn unser hoher Fleischkonsum übt unter anderem aufgrund der Produktion von Futtermittel einen Druck auf die Landwirtschaftsfläche in anderen Ländern der Welt aus. Das ist ein sehr komplexes Gefüge.

Fleischkonsum polarisiert offenbar. Als die Bratwurst vom Kasseler Tag der Erde verbannt wurde, gab es heftige Debatten.

Herzig: Das Beispiel zeigt, wie wichtig eine intensive begleitende Kommunikation bei diesen Themen ist, denn dabei geht es um viel Emotion. Verbieten allein macht keinen Sinn.

Zum Beispiel: Weniger und dafür Öko-Fleisch essen und wir retten damit die Welt?

Herzig: So einfach ist es nicht. Mir persönlich ist eine ökologische Erzeugung wichtig, aber ebenso wichtig ist die regionale Herkunft. Alles Öko nutzt für den ökologischen Fußabdruck nichts, wenn die Ware aus der ganzen Welt hierher transportiert wird. Und es geht noch weiter: Denn neben der Produktion muss bei der Betrachtung die gesamte Kette betrachtet werden – also auch die Verarbeitung, der Transport, der Konsum und sogar die Entsorgung der Verpackung. Diese sogenannten Lebensmittelzyklusanalysen sind ein Teil der Arbeit in unserem Promotionskolleg.

Einer der Doktoranden wird sich mit der Lebensmittelsicherheit im Hinblick auf Gentechnik beschäftigen. Was sind die Risiken dabei?

Herzig: Ein großes Thema ist die neue biochemische CRISPR/Cas-Technologie. Dabei wird bei der Züchtung die DNA einer Pflanze zerschnitten und verändert. Bei dieser Methode scheint die Grenze zwischen natürlichen und nicht natürlichen Genveränderungen zu verschwimmen. Gerade hier in Witzenhausen wird das intensiv diskutiert, denn bei Bio-Produkten ist der Einsatz von Gentechnik prinzipiell verboten. Bis 2018 soll auf EU-Ebene entschieden werden, ob Pflanzen aus dieser Züchtung als gentechnisch verändert gelten oder nicht. Wir untersuchen dabei eher die Hintergründe: Welche Absichten verfolgen die einzelnen Akteure, und mit welcher Strategie agieren sie?

Welche Rolle spielt die Verpackung für die Ökobilanz von Lebensmitteln?

Herzig: Dieses Thema wird viel zu oft kleingeredet. Verpackungen machen einen erheblichen Anteil unserer Abfälle aus. Auch Öko-Lebensmittel sind häufig aufwendig verpackt, um sie zum Beispiel vor äußeren Einflüssen zu schützen. Dabei verspielt der Abfall unter Umständen die ökologischen Vorteile des Produktes. Wir untersuchen unter anderem, wie sich Umweltverträglichkeit, Schutz, Hygiene, Anmutung und Funktionalität vereinbaren lassen.

Sie beleuchten in dem Promotionskolleg auch unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten in Deutschland und dem Ausland.

Herzig: Neben Ernährungsstilen geht es dabei immer auch um Wertschätzung von Lebensmitteln, an der es uns heute in Mitteleuropa oft mangelt. Wir gehen zu sorglos mit Lebensmitteln um und werfen viel zu viel weg. Ich persönlich finde, dass auch zu wenig passiert, um schon Kinder und Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren. Statt in der Schule einen Teller mit anonymen Essen vom Caterer vorgesetzt zu bekommen, sollten die Kinder die Art und Herkunft der Speisen besser kennen, die Landwirte besuchen und über deren wirtschaftlichen Nöte erfahren, selbst einen Schulgarten betreiben – und auch mal gemeinsam kochen. Dann kommt die Wertschätzung für Lebensmittel fast von alleine.

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