Besondere nächtliche Kunstaktion ist auf Pflaster zu sehen

Tanz auf Marktplatz von Witzenhausen hinterlässt Spuren

Filmer Barak Ben Dov, Tänzerin Marielle Gerke und Sprayerin Pauline Reichardt stellen ihre künstlerische Aktion auf dem Witzenhäuser Marktplatz aus der Nacht nach.
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Am Morgen danach: Filmer Barak Ben Dov, Tänzerin Marielle Gerke und Sprayerin Pauline Reichardt stellen ihre künstlerische Aktion auf dem Witzenhäuser Marktplatz aus der Nacht fürs

Rätselhafte Kreidespuren in Pink, Blau und Neongelb schlängen sich seit Samstagnachmittag über den Witzenhäuser Marktplatz. Sie zeichnen für ein paar Tage den „unsichtbaren Tanz“ der Performance-Künstlerin Marielle Gerke nach.

Witzenhausen – Nachts um 3 Uhr traf sich Gerke mit Sprayerin Pauline Reichardt und Filmer Barak Ben Dov zu dem corona-konformen Tanzprojekt. Von der Tänzerin und Choreografin Elisabeth Schilling stammt das Konzept. Ohne Zuschauer soll der „Invisible Dance“ im öffentlichen Raum stattfinden. Eine „Tracerin“ genannte Nachzeichnerin verfolgt dabei die Tänzerin in gebührendem Abstand, dokumentiert die Bewegungen ihrer Füße mit der Spraydose auf dem Pflaster. So können Kunstfreunde später den Tanz nachvollziehen, können ihn selbst tanzen. Die nächtliche Aufführung wird gefilmt und das Video später online gestellt.

Künstler, die sich bei Elisabeth Schilling beworben haben, setzten das Projekt in Städten wie Sydney und Amsterdam, Neu-Delhi und London um. Auch 15 deutsche Kleinstädte beteiligen sich, darunter Kaufungen und Witzenhausen.

Auch Marielle Gerke bewarb sich. Sie lebt seit zehn Jahren in der Kirschenstadt und hat dort Ökologische Agrarwissenschaften studiert, sich dann aber für die Kunst entschieden. Heute arbeitet sie als Dozentin für Zeitgenössischen Tanz und Contact Improvisation, eine Kunstform, bei der die Tänzer in ständigem Körperkontakt miteinander ihre Bewegungen spontan in jedem Moment neu aushandeln. Gerke kennt Pauline Reichardt und Barak Ben Dov aus ihren Kursen.

Für das Tanzprojekt hatte die vorher um Genehmigung ersuchte Stadtverwaltung die nächtliche Adventsbeleuchtung auf dem Marktplatz für das Projekt brennen lassen. Eingehüllt in einen dicken Mantel und geschützt mit Handschuhen bewegte sich die gebürtige Berlinerin Gerke über den Platz, drehte sich an den Laternen, krabbelte über die Steinbänke unter den Platanen, hüpfte und rollte über den Boden.

Die junge Frau schmiegte sich an die steinerne Figur von Jacob Grimm, schaute neugierig in das Buch in dessen Händen. Sie verschwand unter dem Weihnachtsbaum und ließ sich kurz darauf in den Kump-Brunnen fallen.

Sprayerin Reichardt war ihr dicht auf den Fersen, zeichnete mal zeitversetzt Gerkes Bewegungen nach, mal sprühte sie das wasserlösliche Kreidespray zeitgleich um anderthalb Meter versetzt zum Tanzverlauf auf den Boden. Von der Kälte spürten die Frauen nichts, so waren sie im Flow.

Barak Ben Dov folgte den beiden. Zwei Kameras – eines mit Weitwinkel-, eines mit Zoom-Objektiv – sowie einen Scheinwerfer hielt er in den Händen. Marielle Gerke hatte viel Freude: „Ich hätte gerne noch weiter getanzt, aber nach einer guten halben Stunde waren die drei Spraydosen leer.“

Info: Das Video von der nächtlichen Tanzperformance wurde bereits ins Internet gestellt: zu.hna.de/wiztanzspuren

(Michael Caspar)

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