Der Schlachter kommt zum Rind

"Extrawurst": Neues Projekt gegen Tiertransporte aus Witzenhausen

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So sah die erste Schlachtung eines Rinds im neuen Verfahren aus: Das Angus-Rind wurde im November auf Gut Fahrenbach in einem Metallstand fixiert, später von Schlachter Jörg Rohde aus Ermschwerd (rechts) mit einem Bolzenschuss betäubt und im Schlachtanhänger links entblutet.

Landwirte und Schlachter aus dem Raum Witzenhausen haben ein neues Schlachtverfahren mitentwickelt, das Rindern den stressigen Transport zum Schlachthof ersparen soll.

Aktualisiert um 15.30 Uhr - Stattdessen werden die Tiere in der vertrauten Umgebung des heimischen Hofs betäubt und dort in einem speziellen Anhänger getötet. Die weitere Verarbeitung findet dann wie bisher im Schlachthaus und bei einem Metzger statt.

Zwei erfolgreiche Schlachtungen auf Gut Fahrenbach (Witzenhausen) und im Wetteraukreis haben schon stattgefunden, die nötige EU-Zulassung wurde erteilt – jetzt wurde das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt. „Ein enormer Fortschritt für eine tiergerechtere, schonendere Schlachtung und mehr Arbeitsschutz“, sagt Dr. Veronika Ibrahim, Kreisveterinärin aus dem Wetterau-Kreis, und berichtet von anderen Schlachtungen, bei denen der Transport und das Entladen der Rinder für Mensch und Tier äußerst stressig gewesen seien. Schlachtreife Rinder wiegen lebend zwischen 450 und 800 Kilo. Wenn sie aufgeregt sind, sei der Umgang mit ihnen für das Personal im Schlachthof gefährlicher als bei kleineren Tieren wie Schweinen, sagt Ibrahim. Kleine Schlachtbetriebe, Rinderhalter und Direktvermarkter erhoffen sich von dem neuen Verfahren einen Wettbewerbsvorteil, weil die Verbraucher sich mehr fürs Tierwohl interessieren und bereit sind, dafür mehr zu zahlen.

Knackpunkt waren die EU-Vorgaben für die Schlachtung, nach denen das Tier lebend im Schlachthaus ankommen muss. Da der eigens entwickelte Schlachtanhänger von den Behörden quasi als „mobile Außenstelle des Schlachthauses“ angesehen wird, ist der Rechtslage Genüge getan worden.

So läuft die Schlachtung ab

Eine kleine Gruppe Rinder wird durch einen Gang getrieben, denn in der Gruppe haben sie weniger Angst, erklärt Amtstierärztin Dr. Veronika Ibrahim. Das letzte Tier wird am Hals in einem Gatter fixiert und mit einem Bolzenschussgerät vom Schlachter betäubt. Dann wird der Stand seitlich geöffnet und das zusammengesackte Tier mit einer Winde in den bereitgestellten Schlachtanhänger gezogen, wo der Schlachter es mit einem tiefen Stich in die Brust durch Entbluten tötet. 

Sie - und viele andere - haben zwei Jahre lang an dem Projekt "Extrawurst" zur tierfreundlicheren Schlachtung von Rindern gearbeitet: Dr. Veronika Ibrahim (Kreisveterinärin Wetterau-Kreis, von links), Dr. Ingo Franz (RP Kassel), Dr. Andrea Fink-Keßler (Büro Die Landforscher), Hans-Jürgen Müller (Verband der Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung, Dohrenbach), Sven Lindauer (Betriebsleiter Gut Fahrenbach) und Jörg Rohde (Schlachter aus Ermschwerd).

„Das muss in der gesetzlich vorgesehenen Frist von 60 Sekunden geschehen“, sagt Müller. Das getötete Tier wird im Anhänger – laut gesetzlicher Vorgabe binnen 60 Minuten – ins Schlachthaus gebracht, wo es ausgenommen und weiterverarbeitet wird. Lange sei unklar gewesen, ob man diese beiden engen Zeitfenster einhalten könne, so Müller. „Aber es klappt.“

Extrawurst - Projekt gegen Tiertransporte von EU gefördert

Das Projekt mit dem Namen „Extrawurst – Entflechtung der Schlachtverfahren für Rinder und kleine Wiederkäuer“ wurde 2017 als Europäisches Innovationspartnerschaftsprojekt (EIP) gestartet. Bislang wurden rund 100.000 Euro für die Entwicklung des neuen Verfahrens ausgegeben. Die Kosten für Bau und Entwicklung des Schlachtanhängers durch eine Firma aus Südhessen in Höhe von etwa 30.000 Euro trägt die Gerty-Strohm-Stiftung, die den zweiten beteiligten Hof in der Wetterau betreibt. Den Fixierstand, in dem das Rind betäubt wird, stellte die Stalltechnik-Firma Patura (Bayern). 

Am Projekt haben 20 Personen mitgearbeitet – Landwirte, Schlachter, Anlagenbauer, Tierärzte, Direktvermarkter, die Universität Kassel, die Ökomodellregion Werra-Meißner und der Kreisbauernverband.

Wie das Projekt zustande kam, welche Schwierigkeiten es gab und welche Vorteile das neue Verfahren für Verbraucher bieten soll, lesen Sie in der gedruckten Dienstagsausgabe der HNA-Witzenhäuser Allgemeinen.

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Kommentare

GustchenAntwort
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Dann sind es vergehen, die bei Bekanntwerden geahndet werden.

FaßhauerAntwort
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Das eine zieht quasi das andere nach. Gerade bei der letzten großen Reform als die Vorschriften massiv verschärft wurden, haben viele Betriebe das Töten eingestellt. Da gingen Investitionen in fünfstelliger Höhe für die Umsetzung einher bei oft ungewisser Zukunft. Zumal die Politik da mittlerweile keinerlei Planungssicherheit mehr gewährleistet. Was heute noch Stand der Dinge ist, kann in einem Jahr schon verboten sein und muss erneuert werden. Da überlegt sich ein kleiner Handwerksbetrieb schon, ob sich die Investition lohnt oder nicht.

Ebenso als Landwirt. Da muss der Wert eines Kleinwagen investiert werden, um die eigenen Tiere töten, verarbeiten und verkaufen zu dürfen. Für ein paar Tiere im Jahr lohnt sich das nicht. Da arbeitet man dann nur fürs Schlachthaus. Hier wäre mal ein Reform mit Erleichterungen für Kleinbetriebe dringend nötig.

motzzzAntwort
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Die Herstellung (Weg vom Schwein zur Wurst) durfte ich schon bei Opas Hausschlachtungen miterleben. Hat mich als Kind schon dermaßen *begeistert*, dass ich anschließend wochenlang Vegetarier war (da gab's das Wort noch gar nicht). Zu bewusstem Fleischkonsum muss mich deshalb Niemand anhalten. Allerdings möchte ich auch nicht bei jedem Steak oder jeder Scheibe Wurst die exakte Tötungsmethode vor Augen haben.

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