Pfarrer Hans-Jürgen Wenner im Interview

Interview mit Pfarrer: Ist Ostern zu grausam für Kinder?

Vorbereitung aufs Osterfest: Vorigen Freitag brachen Kinder des ökumenischen Kinderhauses St. Jakob zu einer Palm-Prozession in den Witzenhäuser Stadtpark auf. Mit geschmückten Buchsbaumzweigen erinnerten sie an den Einzug Jesu in Jerusalem. Foto: Bülau

Witzenhausen. Der religiöse Hintergrund des Osterfestes wird aus Rücksicht auf Kinder häufig weggelassen. Darüber sprachen wir mit Hans-Jürgen Wenner, Pfarrer der Gemeinde „Zum göttlichen Erlöser“ in Witzenhausen.

Herr Wenner, jedes Jahr aufs Neue stehen Eltern und Erzieherinnen vor der Frage: Kann man Kindern die durchaus brutale Ostergeschichte überhaupt zumuten? 

Hans-Jürgen Wenner: Ja, wenn man die Botschaft des Abschiednehmens, des Trauerns und der Auferstehung in den Vordergrund stellt. Es geht ja nicht darum, Kindern vor spitzen Nägeln, die durch Hände geschlagen werden, und dunklen Grabkammern Angst zu machen. Nein, die Ostergeschichte soll eine frohe und hoffnungsvolle Botschaft vermitteln: Das Leben und die Liebe sind stärker als der Tod. Das was mir lieb ist, wird auch durch den Tod nicht getrennt.

Sollen Kinder denn überhaupt schon mit Tod und Trauer konfrontiert werden? 

Wenner: Es ist sogar sehr wichtig, dass Kindern lernen mit Abschied, Tod und Trauer als Teil des Lebens umzugehen. Dabei brauchen sie natürlich liebevolle Begleitung. Leider haben viele Menschen einen ablehnenden Umgang mit diesen Themen. Heute werden Tote zum Beispiel schnell weggebracht, während es früher üblich war, sich am Totenbett in aller Ruhe von Verstorbenen zu verabschieden. Ich finde, das ist ein schönes Ritual. Immerhin haben diese Menschen in unserer Mitte gelebt und Spuren hinterlassen.

Wenn Eltern oder Erzieherinnen sich dafür entscheiden, Kindern die Ostergeschichte zu erzählen: Wie machen sie das am besten? 

Hans-Jürgen Wenner

Wenner: Es gibt wunderbare Literatur für Kinder, die sich damit in einfachen Worten und Bildern befasst. Darin wird der Leidensweg Jesu zwar nicht ausgespart, vor allem wird aber von der starken Liebe zwischen Jesus und seinem Gott berichtet. Und auch von der Liebe der Anhänger Jesu, von ihrer Trauer über seinen Tod und der Freude über seine Auferstehung. Das Grab ist leer, als die Frauen kommen, um den Leichnam einzubalsamieren. Jesus ist nicht da, er lebt! Das ist die Botschaft.

Könnten Kinder nicht auf die Idee kommen, Opa oder Oma steigen aus dem Grab wieder heraus wie Jesus aus seiner Höhle? 

Wenner: Stimmt, das kann passieren. Ich erkläre den Kindern dann immer, dass der Körper von Jesus nicht mehr da ist, weil er ihn nicht mehr braucht. Auferstehung bedeutet ja nicht Wiederbelebung. Auferstehung bedeutet auch nicht Wiedergeburt. Das Leben Jesu auf der Erde ist vorbei. Aber sein Geist, seine Seele, das was ihn ausmachte lebt weiter. Das ist die Antwort, die Gott uns Menschen auf den Tod gibt.

Was ist mit der Folter und Verurteilung von Jesus – sollten Kinder davon erfahren oder sollte man sie schützen?

Wenner: Die kirchliche Literatur für Kinder geht damit natürlich behutsam um. So werden beispielsweise die Kreuze oft nur symbolhaft, also leer gezeigt. Dennoch wird deutlich gesagt, dass Jesus geschlagen, verurteilt und gekreuzigt wurde. Wichtig ist doch aber, wie Jesus darauf reagiert. Obwohl ihm Unrecht getan wird, verurteilt er die Menschen nicht, sondern verzeiht. Auch das ist eine wichtige Botschaft für Kinder: Ich darf Fehler machen und werde trotzdem geliebt. Ich bekomme eine neue Chance. Schützen können wir Kinder weder vor menschlichen Ungerechtigkeiten noch vor Brüchen im Leben, zum Beispiel durch Krankheit und Tod naher Angehöriger.

Wie helfen Sie Kindern als Pfarrer, mit dem Tod und mit dem Sterben umzugehen?

Wenner: Indem ich Kinder in ihrer Trauer begleite und ihnen sage: Es ist okay, dass du traurig bist, weil du einen lieben Menschen vermisst. Ich erinnere mich an einen Achtjährigen, der sehr unter dem Tod seines Opas litt. Er wollte ihm noch so viel sagen. Ich riet ihm, seinem Opa einen Brief zu schreiben, mit all seinen Gedanken. Wir legten den Brief dann mit ins Grab. Das hat den Jungen unheimlich beruhigt. Ich sagte zu ihm: Denk’ oft an deinen Opa und freu’ dich, denn du wirst ihn wiedersehen, weil du ihn liebst!

Glauben Sie wirklich daran, liebe Verstorbene nach dem Tod wiederzusehen? 

Wenner: Ja, ganz fest. Ich habe mich nach meinem Tod sogar schon mit Menschen verabredet, die ich beim Sterben begleitet habe. Was wäre das für ein grausamer Gott, wenn er die Menschen trennt?

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