Therapeut berichtet von seinen Erfahrungen

Corona-Pandemie verstärkt Probleme bei Menschen im Werra-Meißner-Kreis

Matthias Heintz sitzt in einem Stuhl
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Matthias Heintz, Diplom-Pädagoge und Systemische Familientherapeut, arbeitet für die Kirchliche Allgemeine Sozial- und Lebensberatung (KASL) der Diakonie im Werra-Meißner-Kreis – eine kostenfreie Anlaufstelle für Menschen aller Altersklassen.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Arbeit von Beratungsstellen ausgewirkt? Danach haben wir uns bei Matthias Heintz erkundigt. Der Diplom-Pädagoge und Systemische Familientherapeut arbeitet für die Kirchliche Allgemeine Sozial- und Lebensberatung (KASL) der Diakonie im Werra-Meißner-Kreis – eine kostenfreie Anlaufstelle für Menschen aller Altersklassen.

Werra-Meißner – Beobachtungen aus dem Corona-Jahr:

Corona als Brennglas

Auch die vorherigen Nöte seien geblieben, sagt Heintz. Der Beratungsbedarf steige seit Jahren, immer mehr Menschen wenden sich an Einrichtungen wie die KASL – mit Beziehungs-, Erziehungs- und psychischen Problemen, Ärger im Job. In Corona-Zeiten steige bei vielen der Druck. „Jetzt zeigt sich, wie sehr in Deutschland am Hilfesystem seit zwei Jahrzehnten gespart worden ist“, so Heintz. Viele Menschen empfänden eine zunehmende soziale Verhärtung und könnten dem nicht standhalten. „Corona wirkt wie ein Brennglas: Es macht bestehende Probleme sichtbarer.“

Ausweichorte fehlen

Derzeit sind viele Ausweichräume versperrt, Treffen mit Freunden sind erschwert. Im Lockdown verbringen Paare und Familien viel Zeit miteinander, konzentrieren sich auf wenige Personen. Was die einen genießen, kann für die anderen häufiger zu schwierigen Situationen führen als sonst, sagt Heintz. Folgen mehr Trennungen? „Das kann passieren, aber eher nach der Pandemie.“

Senioren bevormundet

In der Pandemie sei zu viel über Senioren geredet worden und zu wenig mit ihnen, findet Heintz. Die einen zögen sich zum Selbstschutz zurück, die anderen würden von ihren Familien dazu ermuntert. Insgesamt sei die Angst von Kindern und Enkelkindern um die Gesundheit der Senioren oft höher als bei den Betroffenen selbst.

Gleichzeitig sinke die Bereitschaft nachzufragen, wie es den Senioren mit der Situation genau geht, zu sehr sei man mit den Corona-Folgen für Kitas, Schulen, Job und Wirtschaft beschäftigt. Jetzt räche sich auch der Fachkräftemangel: Altenpfleger hätten wegen der vielen Schutzmaßnahmen und Ausfälle noch weniger Zeit, sich emotional um die Betreuten zu kümmern. „Der Schutz der Gesundheit von Hochbetagten kommt zu einem hohen Preis: Vereinsamung“, sagt Heintz, der mehr Fälle von Altersdepression befürchtet.

Für 2021 wünscht er sich, dass die Senioren mehr in den Blick geraten: „Das sind mündige Menschen, die selbst über ihr Leben entscheiden können.“ Auch hofft er, dass innerhalb der Corona-Regeln Spielräume für eine sichere Begegnung besser genutzt werden. „Dabei sollte man nicht zu sehr auf die Gesamtzahl der Infizierten schauen, sondern auf die Situation vor Ort.“

Blick auf Weihnachten

Wie die Menschen auf Weihnachten blicken, ist laut Heintz unterschiedlich. Man kann seine Beobachtungen in vier Typen zusammenfassen:

.   Die Enttäuschten: Bei ihnen steht die Trauer im Vordergrund, dass sie nicht wie gewohnt feiern können.

. Die Resoluten: Viele Senioren würden mit der Einstellung „Es ist wie es ist“ an das diesjährige Weihnachten herangehen, so Heintz. Sie hätten im Leben schon viele Krisen durchgestanden und könnten die Lage besser annehmen.

.   Die Hinterfrager: Viele junge, aber auch viele ältere Menschen würden jetzt Weihnachten und den Konsumraum der vergangenen 20 Jahre hinterfragen, sagt Heintz: „Was ist wirklich wichtig?“ So könnten sie etwas Positives aus der Pandemie mitnehmen.

. Die Verweigerer: Sie halten sich ohnehin nicht an die Einschränkungen und wollen Weihnachten feiern wie sonst. (fst)

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