Aus Neugier ins Gefängnis

Pfarrer Ernst-Dieter Blumenstein aus Ermschwerd wird Seelsorger im Gefängnis

Freut sich auf die Aufgabe als Gefängnis-Seelsorger: Pfarrer Ernst-Dieter Blumenstein verlässt den Kirchenkreis Werra-Meißner. Sein Zuhause wird das Pfarrhaus in Ermschwerd bleiben, wo seine Ehefrau Luise Ubbelohde Gemeindepfarrerin ist.
+
Freut sich auf die Aufgabe als Gefängnis-Seelsorger: Pfarrer Ernst-Dieter Blumenstein verlässt den Kirchenkreis Werra-Meißner. Sein Zuhause wird das Pfarrhaus in Ermschwerd bleiben, wo seine Ehefrau Luise Ubbelohde Gemeindepfarrerin ist.

Pfarrer Ernst-Dieter Blumenstein aus Ermschwerd ist nicht nur Pfarrer, sondern auch Seelsorger. Jetzt betreut er Menschen in der Justizvollzugsanstalt in Kassel.

Ermschwerd – Ob Jugendliche, Senioren, Patienten oder Gefangene – Pfarrer Ernst-Dieter Blumenstein aus Ermschwerd ist ein Fachmann für „Sonderseelsorge“. Er ist nicht verantwortlich für eine Kirchengemeinde, sondern steht Gruppen bei, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden. Heute ist sein letzter Arbeitstag als Witzenhäuser Altenheim-Seelsorger, ab morgen betreut er in der Justizvollzugsanstalt Kassel mit einer halben Stelle Verbrecher – auch Sexualstraftäter und Sicherungsverwahrte.

Egal, was ein Mensch getan habe, er bleibt ein Geschöpf Gottes und verliert seine Würde nicht – davon ist der Pfarrer überzeugt: „Das relativiert aber nicht die Schuld. Damit muss der Täter leben.“ Dabei wird Blumenstein Gefangene begleiten. Nicht zu seinen Aufgaben gehört dagegen, Menschen zu bekehren, betont er. Die Taufe von Menschen in Krisen lehnt er ab.

Blumenstein ist gespannt, freut sich aber auf die Herausforderung. Er hat sich weitergebildet – zum Klinik-Seelsorger und Musiktherapeuten. „Meine Erfahrung hat mich ermutigt“, sagt der 59-Jährige. Seit Dezember 2012 ist er mit einer halben Stelle Seelsorger in der Psychiatrie im Klinikum Kassel. „Hier habe ich den vorsichtigen Umgang mit Menschen gelernt.“ Dass er mal im Gefängnis arbeiten würde, damit hatte der gebürtige Kasseler nicht gerechnet. Er wuchs in Trendelburg auf und studierte nach Abitur und Wehrdienst zunächst Physik.

Doch das passte nicht zu Blumensteins Liebe für Musik. Schon als Jugendlicher hatte er Orgelunterricht, begleitete Gottesdienste. Motiviert durch einen Freund wechselte er zur Theologie. Er studierte in Marburg, Göttingen und Bern und genoss das vielseitige Studium, den geisteswissenschaftlichen Austausch, Fragen nach Gott und Ethik.

Ich möchte Seelsorger sein

Pfarrer Ernst-Dieter Blumenstein

Und entdeckte seine Neugier für Menschen und ihren Lebensweg. Blumenstein merkte: „Ich möchte Seelsorger sein.“ Nach dem Vikariat in Fulda ist seine erste Pfarrstelle ab 1994 in Weißenborn-Rambach. 2004 zieht er mit seiner Frau, Pfarrerin Luise Ubbelohde, nach Ermschwerd, sie teilen sich eine Stelle. Hinzu kommt der Zusatzauftrag für die Seelsorge in Haus Salem in Witzenhausen. Hier im Seniorenheim wird der Theologe mit einer ganz anderen Form von Frömmigkeit konfrontiert – nämlich dass sich viele Menschen tief und bedingungslos Gott anvertrauen. „Da habe ich viel gelernt“, sagt Blumenstein.

Ebenso von Patienten, die sich ihre Lebensqualität hart erarbeiten müssen. In der Psychiatrie sei es nicht nur leidvoll, weiß der Pfarrer. „Es gibt auch schöne, fröhliche Erlebnisse.“ Das begleiten zu dürfen, ist für ihn ein Geschenk, das ihn aufmerksamer auf sein eigenes Leben blicken lässt.

Ein guter Seelsorger muss zuhören können

Blumenstein wird häufig mit Leid und Tod konfrontiert. Mit Patienten, über deren Schicksal er nach dem Ende ihrer Zeit in der Psychiatrie nichts mehr erfährt. Mit Menschen, die wütend sind auf Gott und das Leben. Dafür gibt es keine Standardantwort, sagt er. Zuhören und aushalten müsse ein guter Seelsorger können.

Die Wut nicht auf sich beziehen, professionell bleiben. Blumenstein nutzt Supervision und ein Gebet: „Gott, pass gut auf die Menschen auf“, sagt er sich dann. „Damit kann ich ganz gut loslassen.“ Beim Abschalten wie im Arbeitsalltag hilft ihm die Musik. „Singen ist DAS Mittel, um mit Menschen in Kontakt zu kommen“, sagt der Pfarrer, der Klavier, Gitarre, Tuba und Euphonium spielt und in Witzenhäuser Altenheimen Gottesdienste für Demenzkranke anbot.

Blumenstein war ab 2007 Kreisjugendpfarrer und Beauftragter für Kirchenmusik, brachte 2012 mit Kantor Christopher Weik die „Ruller-Passion“ als Musikprojekt auf die Dörfer. Zudem leitete er Singkreis und Posaunenchor. Ohne Musik geht für ihn nichts: „Mal sehen, ob sich das im Gefängnis auch bewährt.“ (Friederike Steensen)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.