Thema: Konsum, Handel, Artenvielfalt

Pflanzen machen Politik: Neues Bildungsprojekt am Tropengewächshaus

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Viel mehr als nur grün: Martina Hethke (links) und Eva Maria Kohlmann zeigen im Tropengewächshaus Witzenhausen ein Beispiel für eine „politische Pflanze“ –Tetradenia riparia („Ingwerbusch“). In Südafrika ist umstritten, wer die wild wachsende Heilpflanze in welcher Menge sammeln und nutzen darf. Fotos: Katja Rudolph

Kennen Sie politische Pflanzen? Denn darum geht es in dem neuen Projekt „Konsum, Handel, Artenvielfalt: Auch Pflanzen sind politisch“, an dem die Universität Kassel beteiligt ist.

Anders als bei documenta13-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev, die 2012 über die politischen Absichten von Erdbeeren spekulierte, geht es dabei nicht um einen vermeintlich eigenen Willen des Grünzeugs. Es beschäftigt sich stattdessen mit den Auswirkungen, die Wild- und Nutzpflanzen auf unterschiedlichste Lebensbereiche haben – und die vielen Menschen gar nicht bewusst sind.

Martina Hethke, Kustodin des Tropengewächshauses in Witzenhausen, erklärt das am Beispiel von Kaffee: Da kann man sich mit dem Aussehen, idealen Standort, Wasserbedarf und Pflanzenwachstum beschäftigen – ein Fall für Biologen. Historiker könnten erklären, wie sich der Kaffee von Äthiopien aus weltweit verbreitete, Ernährungswissenschaftler, wie er heute genutzt wird.

Es gibt auch einen politischen Blick auf Kaffee, so Hethke: Wer baut ihn an? Unter welchen Bedingungen, zu welchen Löhnen? Die wirtschaftliche Dimension: Welche Folgen hat es für Handel und Logistik, wenn die weltweite Nachfrage steigt? Auch eine juristische „Brille“ ist möglich: etwa, wenn man untersucht, wer Eigentumsrechte an den Plantagen hat, welche rechtlichen Vorgaben für Bio-Kaffee-Siegel gemacht werden und wie deren Einhaltung kontrolliert wird.

„Wenn es um Bildung für nachhaltige Entwicklung geht, muss man von allen Seiten auf ein Phänomen schauen“, sagt Hethke. Das soll das neue Projekt verbessern: Es bringt Botanische Gärten und Naturschutz-Akademien aus acht Bundesländern zusammen, die ganz unterschiedlichen Zielgruppen Wissen zum Artenschutz vermitteln. Sie sollen gemeinsam neue Bildungsformate rund um die Vielfalt der Pflanzen und ihre politischen Aspekte entwickeln.

Das können Diskussionsreihen, Schülerakademien oder Workshops sein, aber auch Veranstaltungen, die ganz unterschiedliche Menschen an einen Tisch bringen, sagt die Witzenhäuser Biologin und Projektkoordinatorin Eva Maria Kohlmann. Ziel sei, dass die Einrichtungen einmal Methoden ausprobieren, die für sie ganz neu sind. Im besten Fall nehmen sie die neuen Bildungsformate dauerhaft in ihr übliches Angebot auf.

Prof. Dr. Andreas Eis, Politik-Didaktik

Zum Team der Uni-Kassel gehören neben Hethke und Kohlmann auch die Professoren für Didaktik der Politik, Dr. Andreas Eis und Dr. Bernd Overwien. Sie finden: „Neben dem Erwerb von Pflanzenwissen müssten ebenso wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und Verantwortung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung in das praktische Lernen einfließen.“ Dazu werden die vier Wissenschaftler mit dem Naturschutzzentrum Wetzlar, dem Wissenschaftsgarten Frankfurt und Prof. Dr. Volker Wenzel von der Didaktik der Biowissenschaften der Uni Frankfurt kooperieren.

Prof. Dr. Bernd Overwien, Politik-Didaktik

Die Auftaktveranstaltung für alle acht Teams findet am 13. und 14. Januar in Witzenhausen statt. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt unterstützt das dreijährige Projekt mit 298 000 Euro.

Neue Wege für Umweltbildung

Das Projekt „Konsum, Handel, Artenvielfalt: Auch Pflanzen sind politisch“ betritt in zweifacher Hinsicht Neuland: . 1. Politische Bildung und das Wissen über Artenvielfalt sollen in einfach zugänglichen Formaten zusammengeführt werden. So sollen Menschen motiviert werden, sich aktiv für Artenschutz und nachhaltige Entwicklung einzusetzen und dabei viele Aspekte zu berücksichtigen, sagt Marina Hethke. . 2. Während Botanische Gärten oft auf Führungen für die Allgemeinheit setzen, wenden sich Naturschutz-Akademien zumeist an ein Fachpublikum. Jetzt sollen beide Gruppen, die sonst kaum Kontakt haben, von- und miteinander lernen.

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