Besitzer vermutet Asche aus Kraftwerk

Rätsel um Glitzer im Kies auf einem Hof in Witzenhausen

Dohrenbach. Auf dem Hof von Klaus Anduschus in Dohrenbach glänzt und glitzert es. Zwischen den Pflastersteinen erkennt man Glasklümpchen und Keramikteile.

Das Problem: Der Splitt, mit dem die Steine verfugt sind, enthält offenbar Bettasche - Verbrennungsrückstände aus dem Ersatzbrennstoffkraftwerk Witzenhausen, die von der Recyclingfirma Speck mit Kalkschotter vermischt und als Baumaterial verkauft werden.

Bislang waren die Witzenhäuser Stadtverordneten davon ausgegangen, dass diese Mischungen nur - vor Auswaschungen geschützt - im Straßenbau verwendet werden. Dass das Material jetzt offen auf einem Hof liegt, ist für den Grünen-Parlamentarier Anduschus, der Mitglied im Aufsichtsrat der Stadtwerke und Mitglied der Betriebskommission der Wasserver- und Entsorgung ist, ein starkes Stück. Er hat die Stadtwerke Witzenhausen aufgefordert, zu prüfen, woher der Splitt kommt und ob er überhaupt offen verwendet werden darf.

Jetzt muss nachgeprüft werden, ob das Material überhaupt so rein verkauft werden darf.

Erstaunt über Fund auf dem eigenen Hof: Stadtverordneter Klaus Anduschus zeigt den Splitt, den eine von den Stadtwerken beauftragte Firma zur Wiederherstellung des Pflasters nach einem Wasserrohrbruch benutzt hat. Sein Verdacht: Im Kies finden sich Reste von Bettasche. Foto: Steensen

Die Kalkschottermischung war zur Wiederherstellung des Pflasters genutzt worden, nachdem im August ein Wasserrohr geborsten war, berichtet Anduschus, der damals im Urlaub war. Der Notdienst der Stadtwerke hatte die Leitung abgestellt und eine Firma damit beauftragt, sie freizulegen, bestätigt Stadtwerkechef Thomas Meil auf Anfrage. Nach der Reparatur hätte die Firma das Loch wieder aufgefüllt und das Pflaster erneuert.

Beim Anblick der Glas- und Keramikstücke traute Klaus Anduschus seinen Augen kaum. Denn er hatte dieses Material schon einmal gesehen - bei einem Ortstermin des Bauausschusses im Juli auf der Recyclinganlage auf dem Burgberg, als die Firma Speck den Stadtverordneten die Weiterverarbeitung der Bettasche zeigte. „Jetzt muss nachgeprüft werden, ob das Material überhaupt so rein verkauft werden darf“, sagt Anduschus.

Er hat Widerspruch gegen die Rechnung für die Reparatur eingelegt und fordert einen Austausch des belasteten Materials, falls sich herausstellen sollte, dass es ohne Genehmigung verwendet worden sei.

Nach Angaben von Thomas Meil haben die Stadtwerke die Herkunft des Materials geprüft: „Der Splitt der verwendet wurde hat die Firma Speck von Sofero Bau bezogen und ist laut Gutachten zugelassen.“ Der Splitt werde aber ausgetauscht, weil nur „Normaler“ Splitt und kein Recycling-Splitt im Leistungsverzeichnis der Stadtwerke für das Jahr 2014 angegeben ist. (fst/alh)

Das sagt das RP: Der Betrieb wird regelmäßig überprüft

Die Firma Speck darf nach Angaben des RP-Sprechers Michael Conrad bettaschhaltige Recyclingmaterialien mit Kalkschotter mischen und an gewerbliche sowie private Kunden abgeben. Ein bestimmtes Mischungsverhältnis sei nicht vorgegeben. Für den weiteren Verwertungsweg sei aber maßgebend, welchen Belastungsgrad die Bettasche vor der Vermischung aufweist. Sollte ein Unternehmen gegen diese Vorgaben verstoßen, kann die Behörde ein Zwangsgeld/Ersatzvornahme erheben. Verstöße gegen die Betriebserlaubnis gelten als Ordnungswidrigkeit.

„Auf der Anlage der Firma Speck dürfen nur gering belastete Bettaschen angenommen werden, die als nicht wassergefährdende Stoffe einzustufen sind“, sagt Conrad. An solchen Stoffe seien zunächst keine besonderen wasserrechtlichen Anforderungen zu stellen. Die Recycling-Materialien dürften im Freien hergestellt und gelagert werden. Ein offener Einsatz bettaschehaltiger Recycling-Materialien im Bereich von Kinderspielflächen sei dagegen schon aus Vorsorgegesichtspunkten unzulässig. Üblicherweise würden in einem Vorgarten keine technischen Bauwerke errichtet, sodass bettaschehaltige Recycling-Materialien dort nicht eingesetzt werden.

Denkbar sei aber eine Verwendung auf einem Privatgrundstück als Tragschicht bei einer Garagenzufahrt unter einer Asphaltabdeckung. Die Anlage der Firma Speck werde regelmäßig überwacht. Bei der letzten Prüfung im Jahr 2013 habe es keine Beanstandungen gegeben. (alh)

Das sagt die Firma Speck: Material wird auch weiterverkauft

Anlagenbetreiber Markus Speck bestätigt, dass die ausführende Tiefbau-Firma den Kalkschotter für die Arbeiten auf dem Hof von Klaus Anduschus bei der Firma Speck geholt hat. Generell würden vor allem Straßenbau- und Tiefbaufirmen aus der Region den Kalkschotter kaufen, der mit der entschrotteten Bettasche aus dem Ersatzbrennstoff-Kraftwerk in Witzenhausen gemischt ist, erklärt Speck. Die Firmen würden den Schotter selbst verbauen, aber auch weiterverkaufen. Nur große Lieferungen würden dokumentiert, so Speck, nicht aber Kleinstmengen, die Privatleute etwa zum Pflastern kaufen. „Den Strom des Materials kann man zu 95 Prozent nachverfolgen.“

Sorgen müsse man sich wegen des Schotters aber nicht machen, so Speck. Das Material sei ähnlich unproblematisch wie Bauschutt. Die Mischung werde mit dem Zuordnungswert Z 1.1 klassifiziert, sagt Speck. Laut der Lagerrichtlinie der Länderarbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) dürfe sie im Straßen- und Wegebau, bei begleitenden Erdbauarbeiten, auf Industrie-, Lager- oder Gewerbeflächen verbaut werden. In Wasservorranggebieten, Wasser- und Naturschutzgebieten sowie an Orten, wo Kinder spielen, darf die Mischung nicht eingesetzt werden. Zudem sollte das Material bedeckt verbaut werden, etwa unter einer Straßendecke oder unter Pflaster, so Speck. Es könne sein, dass bei der Entschrottung nicht alle Schrottreste aus der Asche gesiebt würden. (fst)

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