Als die Russen einmarschierten - Erinnerungen nach 70 Jahren

Rüstige Seniorin: Lieselotte Isecke (93) auf ihrem Hof in Neuseesen. Als Zeitzeugin verfügt sie über ein umfangreiches Archiv. Foto: Keller

Neuseesen / Werleshausen. Vor 70 Jahren wurden die heutigen Witzenhäuser Stadtteile Werleshausen und Neuseesen von russischen Truppen eingenommen. Sie blieben nur gut zwei Monate, nach ihrem Abzug wechselten die eigentlich Thüringer Ortschaften nach Hessen. Eine Rückkehr ist unwahrscheinlich.

Als im Januar der ZDF-Dreiteiler „Tannbach“ über die Bildschirme lief, weckte die Geschichte vom geteilten Mödlareuth an der thüringisch-bayerischen Zonengrenze in Werleshausen und Neuseesen Erinnerungen an düstere Zeiten. Beide Dörfer wurden nach Kriegsende zum Spielball der Siegermächte.

Im Juli ist es 70 Jahre her, dass sie für knapp drei Monate von den Russen besetzt wurden. Zankapfel war die nahe Bahnlinie, die die US-Army unbedingt allein kontrollieren wollte.

Lieselotte Isecke (93) aus Neuseesen dürfte die letzte noch lebende Zeitzeugin der dramatischen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sein. Ob sie sich noch an den Tag des Einmarsches erinnern könne, wollen wir von der rüstigen Frau wissen, die bis vor wenigen Jahren noch mit Hilfe ihres Sohnes den Höhlehof am Ortsausgang Richtung Landesgrenze bewirtschaftete. Die Antwort kommt prompt: „Das vergisst man nicht, das ist gespeichert.“

Es waren keine Siegertypen, die an einem Hochsommertag im Juli 1945 von Bornhagen her in das Dorf einzogen. Nach sechs Jahren Krieg machten sie einen abgerissenen Eindruck, die Uniformen waren zerschlissen: „Junge Kerle, zwischen 20 und 30 Jahre alt, alle mit kurz geschorenen Haaren.“ Die Truppe kam zu Fuß, ohne Lastwagen und Geschütze.

Kurzerhand strebten der Kommandeur, sein Bursche und ein Dolmetscher dem ersten Hof im Ort zu: Hier sollte ihre Kommandantur sein. Das Ehepaar Höhle mit zwei Töchtern, darunter Lieselotte, verheiratete Isecke, musste zusammenrücken. Über das Datum des Einzugs gibt es unterschiedliche Angaben, in einigen Dokumentationen wird der 9. Juli 1945 genannt, die 93-Jährige ist sich sicher, dass es der 16. Juli war.

Die Mannschaft (insgesamt war der Trupp 32 Männer stark) nahm im Rühlingschen Bauernhof gegenüber Quartier. Wohl als Sichtschutz wurden Palisaden errichtet. Lieselotte Isecke: „Wie die Soldaten ihren Tag verbrachten, das entzog sich unseren Blicken.“ Man bekam jedoch mit, dass sie sich morgens im Siesterbach wuschen.

Der Kommandeur hatte die Angewohnheit, mit seiner Pistole unterm Kopfkissen zu schlafen. Bis Lieselotte ihm die Waffe mal spaßeshalber entwendete. Von da ab verwahrte er sie an sicherem Ort.

Immer wieder machten Gerüchte die Runde, dass die Russen abziehen würden und die Amerikaner kommen. Das passierte tatsächlich. Am 19. September 1945, zwei Tage nach Unterzeichnung des Wanfrieder Abkommens, das den Gebietsaustausch besiegelte, zogen die Besatzer ab: „Für uns endete eine Zeit der Drangsal“, heißt es in einer Dokumentation des Grenzmuseums Schifflersgrund zum Wanfrieder Abkommen.

Lieselotte Isecke im Blick zurück: „Es war ein stiller Abzug, kein Freudenfest.“

Warum Neuseesen und Werleshausen zum Spielball der Siegermächte wurden, steht in unserer gedruckten Donnerstag-Ausgabe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.