Gebeine sollen zurückgegeben werden

Schädel einer Afrikanerin liegt seit 110 Jahren in Witzenhausen

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Forschungen dokumentiert: Marion Hulverscheidt zeigt die Broschüre „Die Spur des Schädels“ vor dem Erinnerungsobjekt im Witzenhäuser Völkerkundlichen Museum

Witzenhausen. „Die Spur des Schädels“ – so heißt eine Publikation zu den umfangreichen Forschungen zu einem merkwürdigen Objekt im Magazin des Witzenhäuser Völkerkundlichen Museums.

Auf dem Dachboden hatte 2013 eine Studentin beim Recherchieren für ihre Masterarbeit einen menschlichen Schädel unter einem Glassturz gefunden. Im alten Inventarverzeichnis wird er als „Hottentottenschädel“ bezeichnet.

Schnell war Christian Hülsebusch, Geschäftsführer des „Deutschen Instituts für tropische und subtropische Landwirtschaft“ (DITSL), und der promovierten Ärztin und studierten Wissenschaftshistorikerin Marion Hulverscheidt klar, dass damit ein heikles Thema aufgetaucht war. Im Gegensatz zu anderen Museen, die nur zögerlich an die „human remains“ genannten Objekte – Schädel, Schrumpfköpfe, Skalps – herangingen, war man sich an der Werra einig, das Ganze „sauber zu beforschen“.

Nachdem die namibische Botschaft signalisiert hatte, dass der Schädel repatriiert werden sollte, fand sich mit der Thyssenstiftung eine Partnerin, die das etwa 12 000 Euro teure Projekt mit 8000 Euro unterstützte. Die historische Recherche hatte der Berliner Afrikaforscher und Spezialist für „human remains“ Holger Stoecker übernommen.

Nun weiß man, dass der Schädel von dem ehemaligen Kolonialschüler Harry von Schoenermarck 1907 aus dem damaligen „Deutsch-Südwest“ mitgebracht wurde. Dieser ließ ihn wahrscheinlich in Berlin präparieren und schenkte ihn dann der Deutschen Kolonialschule für ihre Lehrsammlung. Ernst Albert Fabarius, Gründer und Leiter der Schule, hatte die ehemaligen Schüler um solche Exponate gebeten.

Die anthropologische Untersuchung ergab, dass der Schädel einer jungen afrikanischen Frau gehörte, die im Alter von 19 oder 20 Jahren verstorben ist. Man geht davon aus, dass es sich um eine Angehörige der Nama handelte. Genauere Umstände ihres Todes sind nicht bekannt. Auch die Umstände, unter denen von Schoenermarck in den Besitz kam, sind nicht endgültig zu rekonstruieren. Die genauen Recherchen lesen sich jedoch teilweise wie ein Kriminalroman, dessen endgültige Lösung aber offen bleibt.

„Auf eine DNA-Bestimmung und eine Bestimmung mit der Radiokarbon-Methode haben wir verzichtet“, erklärt Marion Hulverscheidt, hält diese auch für unnötig. Denn der „Unrechtskontext“ sei deutlich. So nennt sie die Umstände, die den Schädel der jungen Frau vor 110 Jahre aus Namibia an die Werra gebracht haben. „Wir haben alles fertig“, berichtet Christian Hülsebusch. Er wartet nun auf die Mitteilung, wann der Schädel zusammen mit Gebeinen aus anderen Museen nach Namibia zurückgeführt werden soll. „Ein würdiges, von einem örtlichen Schreiner angefertigtes Transportbehältnis haben wir schon“, sagt er.

Broschüre informiert über die "Spur des Schädels"

Ein Foto für die Zeitung oder in der Ausstellung? „Das geht gar nicht!“ Die Antwort von Marion Hulverscheidt ist deutlich. In Namibia würde man einen solchen Umgang mit menschlichen Überresten nicht verstehen. Dennoch erinnert man in der afrikanischen Abteilung des bis April geschlossenen Völkerkundemuseums auf besondere Weise an den Knochen, der zu einer Art Trophäe transformiert wurde: Unter der ursprünglichen Glashaube ist der Abdruck des Oberkiefers in roter namibischer Erde zu sehen. Die Stahlfedern, die der Präparator angebracht hat, liegen daneben. Die ehemalige Bodenplatte ist an der Wand befestigt. „Diese Dinge sind Relikte unserer kulturellen Geschichte und ihrer Aneignung“ – so erläutert die Broschüre das Erinnerungsobjekt. 

„Die Spur des Schädels“ ist zum Preis von fünf Euro (zuzüglich eventueller Versandkosten) in der Bibliothek des Deutschen Instituts für tropische und subtropische Landwirtschaft, Steinstraße 19, Telefon 0 55 42 / 60 7 13, erhältlich. 

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