Die Ausstellung "Gegen Sumpf und Fäulnis - leuchtender Menschheitsmorgen" auf Burg Ludwigstein

Schnittstellen von Lebensreform und Jugendbewegung

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Leinenhemd vom Meißnertreffen 1913: Felix Linzner zeigt eines der Exponate, das in der Ausstellung zu sehen ist.

Ludwigstein. Im Archiv der deutschen Jugendbewegung wurde eine neue Ausstellung eröffnet.

Jugend soll erneuern, sich befreien aus dem engen Korsett von Tradition und Industrialisierung. Das wünschten sich die Lebensreformer Anfang des 20. Jahrhunderts. Welche Schnittmenge es dabei zur Jugendbewegung gab, zeigt die neue Ausstellung im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein, die am Freitag eröffnet wurde.

„Gegen Sumpf und Fäulnis - leuchtender Menschheitsmorgen“, unter diesem Titel hat Felix Linzner mit Archivleiterin Dr. Susanne Rappe-Weber eine Ausstellung geschaffen, die durch die verschiedenen Themen der Lebensreform führt. Angefangen bei Tafeln mit Zeitschriftentiteln, an denen die sehr große Bandbreite der Lebensreform dargestellt wird. Sei es die „Vegetarische Warte“, eine frühe Veröffentlichung des heute noch existenten Vegetarierbundes, aber auch die „Deutsche Leibeszucht - Blätter für naturnahe und arteigene Lebensgestaltung“.

Himbeersäftchen, Birne und Möhre: Eine frühe Fahne der Vegetarier-Bewegung.

Der archaische Ausstellungstitel ist ein Zitat des linkspolitisch orientierten Künstlers Robert Budzinski, der die Jugend zum Aufbruch und zu einer Gegenbewegung aufrief. Mit: „Die im Blick erkennbare Lebenskraft wird siegen, mit ihr wird der Geist wachsen ...“ wird er auf einer Schautafel der Ausstellung zitiert. Ebenfalls thematisch aufgegriffen wird etwa der neue Begriff von Körperlichkeit. Eine Tendenz der Lebensreform sei gewesen, auch die Kleider zu reformieren, „vom Korsett hin zum Leinenkittel“, so Felix Linzner.

Der Ausstellungsmacher Linzner ist 29 Jahre alt und promoviert gerade in Marburg. Etliche Besuche im Archiv und rund 80 Stunden Arbeit allein für die Schautafeln waren nötig, um seine erste Ausstellung auf die Beine zu stellen. Herausgekommen ist eine in sich stimmige, informative Ausstellung, die auch die dunklen Seiten von Jugendbewegung und Lebensreform nicht ausklammert. Sei es die Überhöhung der arischen Rasse durch nationalistisch geprägte Gruppen oder der pädagogische Eros bei Minderjährigen. Gerade im Hinblick auf Diskussionen zu rechten Tendenzen in Jugendbünden und sexuellem Missbrauch ein mutiger Schritt, den Linzner konsequent wissenschaftlich umsetzt.

Zum Schluss erfahren die Besucher, was von der Lebensreform übrig blieb - und das ist viel: etwa ökologische Nahrungsmittel- und Kosmetik-Marken. Wobei hier das Ideologische wohl eher in den Hintergrund getreten sei, vermutet Linzner. Es sei heute eher Ausdruck eines Lebensstils.

Die Ausstellung wird ein Jahr lang im Archiv der deutschen Jugendbewegung zu sehen sein, danach wechselt sie an die Uni Marburg.

Info: Die Ausstellung ist montags bis freitags von 8.30 bis 11.45 Uhr im Archiv der deutschen Jugendbewegung zu besichtigen. Anmeldung unter Tel. 0 55 42 / 50 17 20.

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