Steuerungsgruppe des Projekts zieht Bilanz

„Gesunde Stadtteile für Ältere“: Senioren waren sechs Jahre auch Forscher

Botschafter der Stadt: Bei einem Kolloquium des Forschungsverbundes PartKommPlus stellten Georg Gries (von links), Katja Eggert, Birgit Werner, Christina Kühnemund und Herbert Holz im Jahr 2019 in Fulda das Witzenhäuser Projekt vor.
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Botschafter der Stadt: Bei einem Kolloquium des Forschungsverbundes PartKommPlus stellten Georg Gries (von links), Katja Eggert, Birgit Werner, Christina Kühnemund und Herbert Holz im Jahr 2019 in Fulda das Witzenhäuser Projekt vor.

Wie kann man Witzenhausen und seine Ortsteile für die ältere Generation lebenswerter gestalten, wie Senioren besser einbinden? Das wurde sechs Jahre lange in einem besonderen Projekt erforscht.

Witzenhausen – „Es ist ein Projekt, das die Stadt nichts kostet, uns aber unheimlich viel bringt“, sagt Witzenhausens Hauptamtsleiter Michael Zimmermann über „Age 4 Health - Gesunde Stadtteile für Ältere“. Sechs Jahre lang erforschte die Stadt mit Wissenschaftlern der Hochschule Fulda, wie man die Bedürfnisse von Senioren besser ins Stadtleben einbeziehen, ihre Gesundheit verbessern und gegen Altersarmut vorgehen kann.

Weil die Abschlussveranstaltung wegen der Pandemie vorerst nicht stattfinden kann, haben die Beteiligten mit der HNA Bilanz gezogen. Zentrale Erkenntnisse:

1. Offenheit als Schlüssel

Die ersten Gespräche seien für viele Senioren überraschend gewesen, erinnert sich Christina Kühnemund (Hochschule Fulda). Mit der Frage „Was ist Ihnen wichtig“ hätten sie nicht gerechnet, eher Fragenkataloge der Forscherin erwartet. Doch langsam hätten viele Vertrauen gefasst und offen aus ihrem Alltag berichtet. Sie seien viele Kilometer durch die Dörfer gelaufen und hätten viele Stunden zugehört, sagt Kühnemund. Die Grundlage für passende Angebote.

2. Großer Bedarf

Wie unterschiedlich die Lebenssituation der 5000 Witzenhäuser über 60 Jahren ist, habe erst das Projekt zu Tage gefördert, sagt Gleichstellungsbeauftragte Katja Eggert. Durch das Projekt sei die Arbeit des Seniorenrates professioneller geworden, bestätigt Herbert Holz (Seniorenrat). Die Stadt brauche eine Anlaufstelle und gute Seniorenarbeit, „das Projekt hat uns neue Perspektiven dafür gezeigt.“ Es sei immer schwer Zugang zu isolierten oder bedürftigen Menschen zu finden, schränkt Projektleiterin Prof. Dr. Susanne Kümpers (Hochschule Fulda) ein. „Man kann nie alle erreichen.“

3. Vielfalt hilft

Ab 2015 organisierte die Steuerungsgruppe – Vertreter von Seniorenrat, Hochschule und Stadt – viele leicht zugängliche Angebote: Eine Messe für Senioren, ein Erzählcafé oder Spaziergänge, bei denen die Teilnehmer ihren Blick auf die Stadt schilderten. Ein großer Erfolg war das einwöchige Programm „Schlemmen und Schnuddeln“ (2019), das mit Unterhaltung und Essen Senioren aus vielen Orten zusammenbrachte. Viel Resonanz gab es für die Sammlung von Fotos und Texten, mit denen Senioren von früher berichten. Sie kam wegen Corona ins Stocken. Es soll aber noch eine Erinnerung für die Teilnehmer gestaltet werden, sagt Kühnemund.

4. Netzwerke sind wichtig

Es gibt viele informelle Gruppen und Netzwerke für Senioren. Sie zusammenzuführen, habe sich in der Pandemie ausgezahlt, so Eggert. Dank früherer Kooperation bei „Age 4 Health“ hätten sich schnell Hilfsangebote für Senioren organisieren lassen.

5. Es bleibt viel

„Schlemmen und Schnuddeln“ soll wiederholt werden, ebenso die Seniorenmesse. Zudem will Eggert den Runden Tisch „Älter werden“ um Menschen mit Migrationshintergrund erweitern, um besser auf deren Bedürfnisse eingehen zu können. Auch ein lockeres Bewegungsprogramm „Fit vor 12“ ist geplant. Die Abschlussveranstaltung des Projekts wird nachgeholt.

6. Keine Patentrezepte

Zum Abschluss will die Hochschule Fulda ein Handbuch für die partizipative Seniorenarbeit erstellen. Darin werden auch Erfahrungen aus Witzenhausen vorgestellt, sagt Kümpers. „Aber: Wir können kein Patentrezept liefern.“ Es komme sehr stark auf die Beteiligten und die Bedingungen vor Ort an. Die partizipative Forschung – also mit den Senioren statt über sie – habe geholfen, die Wissenschaft näher an die Lebenswirklichkeit zu holen, bilanziert Zimmermann. (Friederike Steensen)

Teil von bundesweitem Projekt

Das Projekt „Age 4 Health - Gesunde Stadtteile für Ältere“ untersuchte anhand eines ländlichen und eines städtischen Beispiels (Witzenhausen und Kassel-Bettenhausen) Formate zur Beteiligung von Senioren. Start war 2015, im Jahr 2018 wurde es um weitere drei Jahre verlängert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte es mit 615 000 Euro – der Großteil wurde laut Projektleiterin Prof. Dr. Susanne Kümpers (Hochschule Fulda) für die Personalkosten der Wissenschaftler genutzt.

„Age 4 Health“ ist Teil des Forschungsverbunds „PartKommPlus“. Er untersucht, wie Kommunen mit Präventionsangeboten für mehr Gesundheit sorgen, die Bürger besser einbeziehen und soziale Ungleichheiten abbauen können. Es gab sieben Teilprojekte mit insgesamt elf Fallstudien in fünf Bundesländern. Beteiligt waren Kommunen, Hochschulen, Forschungsinstitute und sowie internationale Experten für Gesundheitsforschung. (fst)

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