Debatte über den Umgang damit

Sexuelle Übergriffe von Kindern in der Kita: Eine Geschichte von Angst und Vorwürfen

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Spielerisch die Welt erkunden: Für Kinder gehört dazu nicht nur, mit Duplo Türme zu bauen, sondern auch sich selbst und ihre Sexualität kennenzulernen.

Witzenhausen. In einer Witzenhäuser Kindertagesstätte ist es zu sexuellen Übergriffen von Kindern auf andere Kinder gekommen. Über den richtigen Umgang damit gibt es eine lebhafte Debatte.

Dies ist eine Geschichte von Angst und Vorwürfen. Eine Geschichte darüber, wie Kindergartenkinder ihre Sexualität erkunden - nachdem eines von ihnen Dinge mit einem Erwachsenen erlebt hat, die es nie hätte erleben sollen. Was zwischen den Kindern geschah, kann kaum ermittelt werden. Deshalb ist dies eine Geschichte über die Folgen der Ungewissheit.

Alles begann 2015 mit Gerüchten, erinnert sich Mutter Anna B.*: Ein Junge soll in einem Witzenhäuser Kindergarten einen anderen Jungen genötigt haben, seinen Penis anfassen zu lassen, von Oralverkehr ist die Rede. „Doktorspiele“, denkt Anna B. „Kinder entdecken ihre Sexualität.“ Im Frühjahr 2016 sieht die Sache für sie plötzlich anders aus: Eine Erzieherin ertappt zwei Jungs bei sexuellen Handlungen. Bei einer Befragung versteht der übergriffige Junge die Welt nicht mehr: „Das hat der Mann mit mir doch auch gemacht!“ soll er gesagt haben. So kommt der sexuelle Missbrauch durch einen Erwachsenen ans Licht. Die Eltern des Fünfjährigen fallen aus allen Wolken: Er hatte sich niemandem anvertraut. Aber er versuchte, das Erlebte zu verarbeiten - und verlangte von anderen Kindern das, was der Erwachsene von ihm verlangte. Überschritt dabei Grenzen, so wie bei ihm Grenzen überschritten worden waren.

Sie kenne solche Situationen unter Kindern, sagt Maren Kolshorn vom Frauennotruf Göttingen, wenn man nach ihrer Expertenmeinung fragt. Kolshorn arbeitet seit 30 Jahren mit Missbrauchsopfern und weiß: Auch Kleinkinder zeigen sexualisiertes Verhalten, probieren sich aus. Erst, wenn ein Kind bei Doktorspielen nicht mitmachen will, wird es ein sexueller Übergriff.

Anna B. dagegen ist schockiert. Sie will, dass den Kindern geholfen wird: „Schließlich sind beide Opfer.“ Und sie sorgt sich um die anderen Kinder: Was, wenn es weitere Übergriffe gibt? Wie kann man die Kinder schützen? Mitte Mai 2016 beschließt der Elternbeirat, sich an den Träger der Kita zu wenden. Er will, dass alle Eltern über die Vorfälle informiert werden, damit sie ihre Kinder schützen können. Im Gespräch am nächsten Tag sagt der Träger einen Elternbrief zu. Er fällt nicht so aus, wie sich die Eltern das wünschen. Andere Eltern schreiben an das Bistum Fulda, dem die Kita zugeordnet ist, und fordern Aufklärung über die Vorfälle. Sie erhalten keine Antwort.

Unterdessen zieht die Kita-Leitung - weitgehend unbemerkt von den Eltern - wichtige Hebel: Sie informiert das Jugendamt und eine Beratungsstelle, spricht mit den Eltern der Jungen und der Präventionsstelle des Bistums. An einer Präventionsschulung hat sowieso jeder Mitarbeiter teilgenommen, das ist Vorgabe des Bistums. Das Team der Kita wird verstärkt. Im Juli wird über einen Elternbrief der Elternabend „Ich und meine Gefühle“ angekündigt. Viele Eltern können sich darunter nichts vorstellen. Es ist Sommer, man hat andere Dinge vor. Die Kita-Leitung sagt: „Es geht bei allen Grenzüberschreitungen um Gefühle.“ Der Abend soll den Eltern helfen, ihren Kindern beizubringen, „Nein“ zu sagen - und das „Nein“ anderer zu respektieren. Rund 20 Eltern kommen, dabei betreut die Kita bis zu 70 Kinder. Teilnehmer kritisieren, dass die Leitung ausweichend auf Fragen zu den sexuellen Übergriffen geantwortet habe. Sie fühlen sich mit ihren Sorgen nicht ernstgenommen.

Das Team der Kita steckt derweil in einer Zwickmühle: Es muss abwägen zwischen dem Schutz der betroffenen Kinder und dem Wunsch der übrigen Eltern. „Wir wollen das Kind nicht an den Pranger stellen“, sagt ein Vertreter des Trägers. „Das übergriffige Kind muss eine Möglichkeit haben, wieder Teil der Kindergartengemeinschaft zu werden.“ Birgit Schmidt-Hahnel, die Präventionsbeauftragte des Bistums fragt, ob die kritischen Eltern auf die Information aller Mütter und Väter bestanden hätten, wenn ihr eigenes Kind betroffen gewesen wäre. Manche Eltern bejahen das. Andere wollen nicht mit der Presse reden. Was will die Mehrheit?

Fest steht, dass das Thema noch nicht beendet ist: Im November gibt es neue Fälle, mehrere Kinder offenbaren sich. Die Eltern sind entsetzt: „Wie konnte das passieren?“ Die Kita entscheidet sich für mehr Offenheit: In einem Elternbrief berichtet sie vom Missbrauch durch den Erwachsenen, der den Stein ins Rollen brachte, fügt das Schutzkonzept der Kita gegen Kindeswohlgefährdungen und weiteres Infomaterial bei - 21 Seiten. Von sexuellen Übergriffen im Kindergarten ist in dem Brief keine Rede.

„Es gibt immer Grenzverletzungen unter Kindern, das ist ganz normal“, betont die Kita-Leiterin. Dazu gehöre das Wegnehmen von Spielzeug, aber auch der Blick in die Hose der anderen. Man könne die Sorgen der Eltern verstehen, heißt es von Kita und Träger. Schließlich seien jüngst viele Fälle von Missbrauch ans Licht gekommen. Hier gehe es aber nur um Grenzverletzungen, wie sie im Kita-Alltag vorkommen. Soll heißen: Die Sorge der Eltern schießt übers Ziel hinaus.

Es gibt einen weiteren Elternabend. Jetzt geht es explizit um sexuellen Missbrauch, es gibt fast nicht genug Stühle für alle Eltern. Man habe eine große Verunsicherung gespürt, sagt Schmidt-Hahnel, die den Abend leitet. Sie bietet im Januar einen weiteren Workshop an, 13 Personen nehmen teil. Künftig soll es regelmäßig Info-Angebote über kindliche Sexualität sowie das kindgerechte Präventionsprogramm Papilio geben. Eltern sollen der Kita weiter Kinder anvertrauen können. Das machen nicht alle: Mehrere Eltern nehmen ihre Kinder aus der Kita - zum Teil, ohne neue Betreuungsmöglichkeiten zu haben. „Es gibt Geschichten, da gibt es nur Verlierer“, sagt Ilona Friedrich, Leiterin des Jugendamts. Dies ist so eine.

* Name von der Redaktion geändert

Tipps von Experten im Umgang mit kindlicher Sexualität sowie ein Interview mit einem Kindergynäkologen lesen Sie in der gedruckten Samstagsausgabe der HNA-Witzenhäuser Allgemeinen.

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