Sie lesen und diskutieren Bücher

Literaturkreis der Volkshochschule Witzenhausen besteht seit 25 Jahren

Begeistern sich für moderne Literatur: Irma Bender (von links), Helga Schmedes, Charlotte Burckhardt, Gertrud Hofmeister, Barbara Grande, Kerstin Kampert und Margrit Tempel vom Literaturkreis Witzenhausen.
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Begeistern sich für moderne Literatur: Irma Bender (von links), Helga Schmedes, Charlotte Burckhardt, Gertrud Hofmeister, Barbara Grande, Kerstin Kampert und Margrit Tempel vom Literaturkreis Witzenhausen.

Sie lesen Bücher, die sie von sich aus nie gekauft hätten, verteidigen Geschichten, die von anderen in der Gruppe zerrissen werden: Seit 25 Jahren besteht der Literaturkreis der Volkshochschule Witzenhausen.

Witzenhausen – „Ich freue mich den ganzen Monat lang auf unser Treffen“, sagt Kerstin Kampert. Alle vier Wochen kommt sie aus Kassel in die Kirschenstadt, um mit den anderen Teilnehmerinnen über ein neues Buch zu diskutieren. Im Oktober liegt der Roman „Americanah“ der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie auf den Tischen. Um ein afrikanisches Liebespaar geht es in dem 2013 erschienenen Buch. Weil die herrschende Militärdiktatur die beiden an der Verwirklichung ihrer Träume hindert, wandern sie aus, sie in die USA, er nach Großbritannien. Beide erleben Rassismus, lassen sich mit Weißen ein, um im Land bleiben zu können. Am Ende kehren sie nach Afrika zurück und kommen wieder zusammen.

„Ziemlich spannend“ findet Charlotte Burckhardt das. Die 82-jährige Witzenhäuserin gehört dem Literaturkreis seit 15 Jahren an. „Ich war schon immer eine Leseratte“, bekennt die gebürtige Schweizerin.

Kursleiterin Irma Bender bereitet die anderthalbstündigen Treffen gründlich vor, sucht Informationen über die Autoren zusammen, wählt Textpassagen aus, die im Kurs gelesen werden. Jeder kann seine Meinung äußern. „Ganz neue Aspekte tun sich da auf“, erzählt Helga Schmedes. Eine Freundin hat sie vor zwei Jahren auf den für neue Mitglieder immer offenen Kurs aufmerksam gemacht. Das eine oder andere Buch, das Schmedes am Anfang „unmöglich“ fand, hat sie nach dem Treffen doch zu Ende gelesen. „Andere Meinungen zu hören und sich umstimmen zu lassen“, darin sieht auch Margrit Tempel den Reiz des Literaturkreises.

Jede Teilnehmerin darf zu Beginn des Semesters Bücher vorschlagen. Dann wird abgestimmt, was auf die Leseliste kommt. So nahmen die Frauen vor einiger Zeit ein Buch zur Hand, das Ute Schneider gut gefallen hat – Alina Bronskys „Baba Dunjas letzte Liebe“. Die Geschichte handelt von alten Menschen, die das Heimweh in ihre Heimatdörfer rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl zurückgetrieben hat. „Meine Tochter hat es mir geschenkt“, erzählt Schneider.

Mit solchen Büchern hatte Kursleiterin Bender nichts am Hut, als sie vor 25 Jahren vom damaligen VHS-Leiter, Jürgen Herwig, angesprochen wurde. Die eigentlich eingeplante Dozentin war kurzfristig ausgefallen. Krimileserin Bender ließ sich überreden, für die Kollegin einzuspringen. In der ersten Stunde stellten die Teilnehmerinnen dann unmissverständlich klar, dass sie Kriminalromane auf keinen Fall als Lektüre akzeptieren würden.

„In den ersten Jahren lasen wir oft Klassiker“, erinnert sich Bender. Heute kommt überwiegend moderne Literatur auf den Tisch. „Ich habe in den Kursen unglaublich viel gelernt“, sagt die Leiterin. Ihr seien eigene Vorurteile bewusst geworden. Sie habe Toleranz gegenüber anderen Meinungen entwickelt. Früher hätten sie sich alle 14 Tage getroffen und so zehn Bücher im Semester geschafft. Heute seien es fünf Bücher pro Halbjahr.

Kontakt: Die Frauen treffen sich derzeit im VHS-Gebäude an der Steinstraße. (Von Michael Caspar)

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