Erste Investition muss her

Solidarische Landwirtschaft Freudenthal muss Mitgliedsbeiträge anheben

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Packen bei der Solidarischen Landwirtschaft in Freudenthal an: Stefanie Lettenmaier (links) und Jutta Verfürth (rechts) vom Gärtnerteam laden beim „Mitmach-Mittwoch“ mit den Vereins-Mitgliedern Maria Fiedler (2. von links) und Miriam Löhr unter anderem Kisten mit Kohl vom Transporter ab.

Freudenthal. Fünf Jahre nach ihrer Gründung steht die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) in Freudenthal vor einer wichtigen Veränderung.

Das einstige studentische Projekt versorgt mittlerweile 150 Mitglieder und ihre Familien das ganze Jahr über mit frischem und eingelagertem Gemüse. „Wir müssen zum ersten Mal größer investieren, um zukünftig effektiv arbeiten zu können“, sagt Stefanie Lettenmaier vom Solawi-Team. Das Problem: Die Investition klappt nur, wenn die Mitglieder des Trägervereins bereit sind, mehr zu zahlen – ohne dafür viel mehr Gemüse zu bekommen. 

Derzeit liegt der Richtwert für einen Mitglieds-Anteil bei 47,70 Euro, für 2018 könnte er auf 73,50 Euro steigen. Auf einem ähnlichen Niveau war der Beitrag schon einmal, konnte aber Anfang 2017  wegen der hohen Mitgliederzahl gesenkt werden. Jetzt blickt das fünfköpfige Solawi-Gärtnerteam mit Bangen auf die Jahreshauptversammlung am 17. Januar in der großen Aula der Universität in Witzenhausen. Die Mitglieder des Trägervereins schließen dort stets für ein Jahr einen Vertrag: Sie verpflichten sich zu einem monatlichen Beitrag und erhalten dafür Bio-Gemüse, das in Freudenthal angebaut wird. Die Gärtner wissen im Gegenzug bereits Anfang des Jahres, mit welchem Budget sie wirtschaften können, ihre Löhne sind unabhängig vom Ernteertrag und Verkäufen auf dem Markt. „Das System ist für beide Seiten solidarisch. Es basiert auf Vertrauen“, sagt Lettenmaier.

Bei der derzeitigen Größe der Solawi führt an einem eigenen gebrauchten Traktor, Bodenbearbeitungsgeräten und einer kleinen Werkstatt laut Lettenmaier kein Weg mehr vorbei. Bislang hatten sie das Gerät von befreundeten Landwirten geliehen. „Aber die Absprachen kosten immer viel Zeit und Energie.“ Spontane Planänderungen je nach Wetterbedingungen sind bisher kaum möglich. Auch sollen die Stundenlöhne der fünf Gärtner von derzeit zehn auf zwölf Euro erhöht und das Pensum an Arbeitsstunden aufgestockt werden, damit die Mitarbeiter nicht dauernd am Limit arbeiten. In den ersten Jahren erhielten die Gärtner nur fünf Euro die Stunde, die Zusammensetzung des Teams wechselte jährlich. Zwischenzeitlich wurde der Mindestlohn eingeführt, der nun sogar etwas erhöht werden soll. „Wenn die Mitglieder wollen, dass ein Team kontinuierlich hier arbeitet, muss man auch einen Anreiz bieten“, sagt Lettenmaier. 15.000 Euro mehr müssen nach derzeitiger Kalkulation aufgebracht werden.

Die Stimmung unter den Mitgliedern – zumeist Studenten, Familien, Rentner und Paare aus der Mittelschicht – sei gemischt. „Viele fürchten, dass sie sich dann keinen Anteil mehr leisten können, andere verstehen das“, sagt Lettenmaier. „Weh tut es allen.“ Das Team ist sich im Klaren darüber, dass wohl nicht alle 150 Mitglieder bleiben werden, und hofft auf neue Unterstützer. „Wir brauchen 135 Leute, damit der Plan aufgeht.“

Das ist die Idee der Solidarischen Landwirtschaft

Die Idee der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) ist es, bäuerliche Betriebe zu unterstützen und Gemüse bedarfsgerecht vor Ort zu produzieren. Die Nutzer können die Arbeit hautnah miterleben. Finanziert wird das von allen Beteiligten gemeinsam, der freie Markt bleibt außen vor. Im Werra-Meißner-Kreis gibt es Solawi-Projekte in Freudenthal, Neu-Eichenberg und Altenburschla

2012 gründeten Studierende das Projekt „Solawi Freudenthal“ als Lern- und Erfahrungsort für angehende Landwirte und Gärtner. Mittlerweile produziert der Gartenbaubetrieb auf 2,4 Hektar Freiland und in sechs Folientunneln über 50 Gemüsesorten für 150 Mitglieder. Seit 2015 ist die Solawi als Verein organisiert. Einen Chef gibt es nicht: Die fünf Gärtner organisieren sich selbst und liefern wöchentlich das Gemüse in drei Abhohlräume in Witzenhausen, Gertenbach und Freudenthal. Die Mitglieder entscheiden selbst, wie viel sie im Monat zahlen wollen. Die Idee: Wer mehr verdient, gibt mehr und unterstützt so Ärmere. 

Ab 2018 ist es möglich, einmal pro Woche für seinen Anteil auf dem Feld mitzuarbeiten. Familien und Berufstätige können jeden Mittwoch und einmal im Monat samstags lernen, wo ihr Gemüse herkommt. Um die Gemeinschaft zu stärken, gibt es Arbeitsgemeinschaften, etwa zum Obstbaumschnitt oder Gemüseeinkochen.  

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