Tropenökologe Dr. Christoph Steiner: Orchideen sind in Gefahr

Zierde auf jeder Fensterbank: Dr. Christoph Steiner, Tropenökologe und Agrarwissenschaftler, hält am Sonntag im Tropengewächshaus einen Vortrag über Orchideen. Foto: Privat

Witzenhausen. Vor allem durch Abholzen tropischer Regenwälder und deren Umwandlung in Kaffee-, Kakao-, Guarana- und Ölpalmenplantagen sind Orchideen bedroht.

Das sagt der Tropenökologe Dr. Christoph Steiner. Sie sind winzig, riesig, duftend, stinkend und viele sind vom Aussterben bedroht: Die Rede ist von Orchideen. Über den blühenden Dauergast auf unseren Fensterbänken hält Dr. Christoph Steiner, Tropenökologe und Agrarwissenschaftler an der Universität Kassel-Witzenhausen, am kommenden Sonntag einen Vortrag. Wir haben ihm vorab einige Fragen gestellt.

Herr Dr. Steiner, viele kennen die Orchidee nur als Zimmerpflanze. Ist sie dafür eigentlich geeignet - oder tun Sie Ihnen als Wohnzimmerblumen eher leid? 

Dr. Steiner: Eigentlich nicht. Einige Orchideen, wie Phalaenopsis eigenen sich gut fürs Zimmer, wo es das ganze Jahr warm ist. Was mir weh tut ist eher, dass die Orchidee in unserer Gesellschaft ein Wegwerf-Artikel geworden ist.

Wie meinen Sie das? 

Dr. Steiner: Für wenig Geld ist die Tropenpflanze heute in jedem Supermarkt zu haben. Dabei handelt es sich nicht um Naturpflanzen, sondern um Hybriden, die hier massenhaft in Gewächshäusern gezüchtet werden. Dennoch ist mir nicht klar, wie dies so günstig geschehen kann. Selbst die Drei-Euro-Orchidee ist bis zur ersten Blüte mindestens fünf Jahre alt.

Viele werfen ihre Orchideen ja nur deshalb weg, weil sie eingehen. Was sind denn die typischen Pflege-Fehler? 

Dr. Steiner: Der Tod der Orchidee ist zu viel Wasser, vor allem Staunässe. Am besten ist es, die Pflanze zu tauchen. Einfach den Übertopf bis oben mit Wasser auffüllen und es nach zehn Minuten wieder abgießen. Viele Orchideen mögen auch keine Zugluft, sehr kalkhaltiges Wasser, starke Temperaturschwankungen und reifes Obst in ihrer Nähe.

Reifes Obst? 

Dr. Steiner: Ja genau. Äpfel, Birnen und andere Früchte sondern Äthylen-Gas ab. Dadurch altern die Blüten schneller und die Knospen werden oft abgeworfen.

Sollen die Phalaenopsis-Stängel abgeschnitten werden, wenn die Blüten verblüht sind? 

Dr. Steiner: Die Stängel sollten stehen bleiben, so lange sie grün sind. Man kann sie kürzen, am besten über den untersten zwei Nodien. Das sind die knotig verdickten Ansatzstellen der Blätter. Manchmal bilden sich dann neue Blüten. Zum Schneiden unbedingt sauberes Werkzeug nehmen, sonst fängt sich die Pflanze schnell Pilze, Viren oder Bakterien ein.

Was wir als Orchidee kennen, ist nur ein kleiner Ausschnitt der Artenvielfalt. Wie viele Sorten gibt es? 

Dr. Steiner: Es gibt etwa 30.000 bekannte Orchideen-Arten. Die Unterschiede im Aussehen sind groß. Nicht jede ist auf den ersten Blick als Orchidee zu erkennen.

Worin liegen denn die Unterschiede? 

Dr. Steiner: Einige sind sehr groß, zwei bis drei Meter, andere sehr klein, mit stecknadelkopfgroßen Blüten. Einige duften fantastisch, andere stinken fürchterlich. Die Duftstoffe sollen ja Bienen und andere Insekten anlocken. Bei den nach Fäulnis riechenden Exemplaren ist die Aasfliege der Bestäuber. Bei den Hybriden, die im Gewächshaus vermehrt werden, ist der Duft oft verloren gegangen.

In Ihrem Vortrag deuten Sie an, dass der natürliche Lebensraum der Pflanze zunehmend bedroht ist. Wodurch? 

Dr. Steiner: Vor allem durch Abholzen tropischer Regenwälder und deren Umwandlung in Kaffee-, Kakao-, Guarana- und Ölpalmenplantagen. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass in Ländern wie zum Beispiel China Orchideen als Arzneipflanzen gesammelt werden. Viele Arten sind bereits von der Ausrottung bedroht.

Was kann der Käufer von Orchideen tun, um die Artenvielfalt der Orchideen zu erhalten? 

Dr. Steiner: Hier muss es politische Lösungen geben. Zum Beispiel Gesetze, welche die Abholzung verbieten. Ich halte nichts davon, die Verantwortung auf die Konsumenten abzuwälzen. Zur Person Info: Vortrag „Plantagen - Ein Lebensraum für Orchideen?“, Sonntag, 18. Januar, 14 Uhr, Tropengewächshaus, Steinstr. 19, Witzenhausen, Eintritt: fünf Euro

Von Kathrin Bretzler

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.