Auch Verbrechen aus Nordhessen sind darunter

Fahndungsliste des BKA: Können Sie bei Deutschlands ungelösten Kriminalfällen helfen?

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Ein Ranking wie das amerikanische "Most Wanted" gibt es zwar nicht - aber auf der offiziellen BKA-Fahndungsliste finden sich einige prominente Fälle - auch aus Nordhessen.

Ein Ranking wie das amerikanische "Most Wanted" gibt es zwar nicht - aber auf der BKA-Fahndungsliste finden sich einige prominente Fälle - auch aus Nordhessen. Wir erzählen sie.

Eine unbekannte Männerleiche in Rotenburg an der Fulda, der verschwundene kleine Aref I. aus Wanfried im Werra-Meißner-Kreis und die Tätersuche nach einem Sexualdelikt im Taunus: In der öffentlichen Fahndungsliste des Bundeskriminalamtes finden sich auch Fälle aus Hessen - wir erzählen sie in diesem Artikel. Rund 50 Einträge umfasst die BKA-Liste im Internet. 

Einige Fahndungen laufen schon seit vielen Jahren. Es wird nach Straftätern und Vermissten - darunter viele Kinder - gesucht. Über die Liste erhoffen sich die Ermittler aber auch, dass sich Zeugen von Verbrechen melden und Menschen, die etwas über die Identität von Leichen wissen. Wer solch einen Anblick nicht verträgt, sollte sich die Fahndungsliste nicht anschauen: Neben Rekonstruktionen sind auch mehrere Tote abgebildet.

Die unbekannte Leiche aus Rotenburg

Vor mehr als zweieinhalb Jahre wurde in einem Waldstück bei Rotenburg das Skelett eines Unbekannten gefunden worden. Eine DNA-Untersuchung ergab, dass es sich um einen Mann gehandelt hat.  Gefundene Kleidungsreste (Größe 54) ließen den Rückschluss zu, dass der Mann dort einige Jahre gelegen haben müsse. In der Jacke befand sich eine Brille in einem Etui. Es trug einen Werbeaufdruck eines Optikers aus 92637 Weiden in der Oberpfalz. Die Identität des Mannes ist weiter nicht bekannt. Überrascht waren die Ermittler, dass trotz einer Gesichtsrekonstruktionen kein einziger Hinweis eingegangen ist. Das sei sehr ungewöhnlich, hieß es. Die Polizei hofft weiter auf den entscheidenden Tipp.

Hier geht es zum Listeneintrag.

Der Fall Aref I.

Der vermisste Aref.

Vor zweieinhalb Jahren ist der kleine Aref aus Wanfried verschwunden. Das Flüchtlingskind gilt seither als vermisst. Ging man zu Beginn des Verschwindens von einem Unglück aus, da sich der Spielplatz nahe der Werra befindet, die zum Zeitpunkt des Verschwindens viel Wasser mit sich führte, ging die Polizei ab dem 21. April 2016 einem neuen Hinweis nach: Am Tag des Verschwindens soll ein schwarzer BMW X5 an der Marktstraße vor der Flüchtlingsunterkunft gestanden haben. Im Jahr 2016 war Arefs Verschwinden Thema in einer "Aktenzeichen XY... ungelöst"-Sondersendung zu vermissten Kindern. Trotz neuer Hinweise gab es auch damals keine heiße Spur zu dem vermissten Jungen. Die Polizei ging nach der Sendung Hinweisen aus Berlin nach - ohne Erfolg. Hier lesen Sie alles zu Arefs Verschwinden und der Suche nach ihm.

Hier geht es zum Listeneintrag.

Weitere Aufrufe aus Hessen

So soll der Täter ausgesehen haben.

Nach einem sexuellen Übergriff auf ein elfjähriges Mädchen am 29. September 2017 in Limbach (Taunus) bittet die Wiesbadener Kriminalpolizei die Öffentlichkeit um Mithilfe. Dafür hat sie ein Phantombild des Verdächtigen veröffentlicht. Der zwischen 40 und 45 Jahre alte Mann soll das Mädchen an einer Bushaltestelle aufgegriffen und in seinem Auto zu einem Parkplatz mitgenommen haben. Dort soll er sich an ihr vergangen und sie dann zur Schule ins benachbarte Idstein (Rheingau-Taunus-Kreis) gebracht haben. Die Staatsanwaltschaft setzte später eine Belohnung von 3000 Euro aus. Ende 2017 war der Fall Thema in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Obwohl 40 Hinweise eingingen, wird weiter nach dem Unbekannten gefahndet. Hier geht es zum Listeneintrag.

Nach diesem Mann wird gesucht.

Unbekannte entführten am 17. Juni 2015 in Schlitz (Vogelsbergkreises) einen 50-jährigen behinderten Mann. Danach erreichte die Eltern des Entführten - Vater ist der millionenschwere Unternehmer Reinhold Würth - eine Lösegeldforderung in Millionenhöhe. Zu einer Geldübergabe kam es allerdings nicht. Das Opfer wurde einen Tag später unversehrt in einem Waldgebiet bei Würzburg-Kist gefunden. Ein Verdächtiger wurde später in Offenbach gefasst. Gut drei Jahre nach der Entführung begann im September der Prozess gegen den 48-Jährigen. Fraglich ist bis heute, wer außerdem an der Tat beteiligt war, denn alleine habe der Angeklagte die Tat nicht begehen können, sagte der zuständige Staatsanwalt zu Prozessbeginn. Hier geht es zum Listeneintrag.

So sieht die gesuchte Frau aus.

Das Bundeskriminalamt Wiesbaden und die Steuerfahndungsstelle des Finanzamtes Darmstadt fahnden zudem wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem betrügerischen Handel von Mobiltelefonen, Tablets sowie weiteren Unterhaltungselektronikartikeln nach Poongodi Kannan. Hier geht es zum Listeneintrag.

Und auch dieser hessische Fall taucht auf der Liste auf: Am 10. August 2016 wurde bei Mäharbeiten in Nieder-Eschbach / Frankfurt eine unbekannte weibliche Leiche aufgefunden. Die Polizei hofft durch ein Bild der Toten auf Hinweise zur Identifizierung. Hier geht es zum Listeneintrag.

Öffentlichkeitsfahndung  wird im Einzelfall geprüft

Welcher Fall auf die Liste (hier finden Sie die komplette Fahndungsliste online) kommt entscheiden Gerichte, wie das BKA in Wiesbaden erklärt. Dabei geben die Richter auch vor, ob ein Gesuchter mit vollem Namen genannt werden darf. Angesichts der Medienwirksamkeit sei die Öffentlichkeitsfahndung keine Standardmaßnahme, sondern werde jeweils für den Einzelfall geprüft, heißt es von Seiten der Behörde. Es müsse besonders sorgfältig abgewogen werden zwischen einer möglichst effektiven Tätersuche einerseits und den Persönlichkeitsrechten andererseits.

Der Vormarsch der Sozialen Netzwerke habe auch die öffentliche Fahndung verändert, vor allem in Bezug auf den Datenschutz, erklärt das BKA. "Fahndungsaufrufe in digitalen Medien - insbesondere bei Facebook oder Twitter - erfordern daher umfangreichere Prüfungen als dies bei klassischen Medien der Fall war."

Datenschützer warnen vor dem Internetgedächtnis

Von der Bundesdatenschutzbeauftragten Andrea Voßhoff kommen mahnende Worte: "Gerade die Öffentlichkeitsfahndung greift intensiv in die Grundrechte ein", erklärt ihr Sprecher. "Insbesondere gilt dies bei der Veröffentlichung von Bildern im Internet." Einmal publizierte Daten könnten von Dritten kopiert und weiter verbreitet werden. "Wird ein Verdacht später entkräftet, bleibt der oder die Betroffene trotzdem als gesuchte Person im Internetgedächtnis gespeichert."

Datenschutz bedeute aber nicht, dass die Suche nach Beschuldigten nicht möglich wäre, erläutert Voßhoff. In Einzelfällen komme es jedoch durchaus zum unverhältnismäßigen Einsatz der Öffentlichkeitsfahndung. Die Datenschutz-Expertin fordert, Fahndungsdaten nicht unreglementiert Dritten zu überlassen. Die Ermittlungsbehörden müssten sicher stellen, dass sie weiter auf die Daten einwirken und sie beispielsweise auch löschen können.

Aufklärungsquote von 40 Prozent

Beim Erfolg einer öffentlichen Fahndung ist die Bandbreite groß: Er liegt zwischen wenigen Stunden und reicht bis hin zu mehrjährigen ergebnislosen Suchen, wie das BKA berichtet. Statistiken gebe es nicht. Die Ermittler verweisen auf eine Erhebung des ZDF zum 50-jährigen Jubiläum der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst", als eine Aufklärungsquote von rund 40 Prozent ermittelt worden sei.

Öffentlichkeitsfahndungen können der Polizei nach den Erfahrungen des BKA auf ganz unterschiedliche Art und Weise helfen: Mal kommt ein wichtiger Hinweis von Zeugen, mal provozieren sie beim Straftäter einen Fehler und manchmal stellen sich die Gesuchten auch selbst, weil der Druck zu stark wird.

Auch bei Missbrauchsfällen Öffentlichkeitsfahndungen

Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg sei auch die Empathie, die durch den Aufruf erzeugt wird. Das Mitgefühl der Menschen mit den Opfern ist beispielsweise dann besonders groß, wenn Kinder sexuell missbraucht wurden. "Daher wird eine großes mediales Interesse erzeugt und die Vervielfältigung der Fahndung erhöht sich um ein Vielfaches", teilt das BKA mit. Seit 2017 seien nach Missbrauchsfällen dreimal mit Öffentlichkeitsfahndungen die mutmaßlichen Täter gesucht worden. In jedem dieser Fälle wurde binnen 24 Stunden ein Verdächtiger ermittelt.

Lange zurückliegende Taten können manchmal mit Hilfe der Bevölkerung noch geklärt werden, so die Erfahrungen des BKA. Die Suche nach dem Verdächtigen Norman Franz beispielsweise - ein Fall aus den 1990er-Jahren - wurde sogar im Februar 2018 mit einer neuen Stimmensequenz nochmal aktualisiert.

Teils locken hohe Belohnungen

Auch wenn mutmaßliche Mitglieder der früheren Roten Armee Fraktion (RAF) in der Fahndungsliste auftauchen und auch Taten rund um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) - eine Wertung à la "Most Wanted" nimmt das BKA nicht vor. Allerdings locken teils hohe Belohnungen: 80.000 Euro sind für erfolgreiche Hinweise auf das Ex-RAF-Trio Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg ausgelobt worden. 

Diese Kinder werden wie Aref aus Wanfried vermisst

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 60.000 Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet. Sie tauchen in mehr als 99 Prozent aller Fälle wieder auf. Einige, wie Aref, bleiben aber verschwunden. Hier gibt es eine Übersicht über aktuell vermisste Kinder:

(dpa/mak)

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