Einwohner wütend - Recht auf Ruhe in der Nacht

"Kinder standen weinend am Bett" - Ärger wegen lauter Party in Unterrieden

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Anwohner des Sandwegs, aber auch des Nelkenwinkels und der Ludwigsteinstraße ärgern sich über laute Party, die vor zwei Wochen auf dem ehemalige Promens-Gelände in Unterrieden gefeiert worden ist.

Unterrieden. Sommerzeit ist Gartenparty-Zeit - was aber auch immer wieder für Ärger sorgen kann. In Unterrieden gibt es aktuell einen besonders umstrittenen Fall wegen einer nächtlichen Ruhestörung – wir stellen die Meinungen der Beteiligten gegenüber.

Man muss auch mal feiern dürfen – das sehen auch die Anwohner des ehemaligen Promens-Firmengeländes in Unterrieden so. Allerdings wird ihre Geduld aktuell auf eine harte Probe gestellt, sagen sie: Denn auf dem Gelände wohnen viele junge Leute, die laut der Anwohner seit Herbst 2017 abends und nachts lautstark Musik hören und in den Hallen werkeln – und so die Nachbarn um den Schlaf bringen.

Eskaliert ist das Ganze vor zwei Wochen: Da wurde zu einer „Orientparty“ mit dem Motto „Übertrieben in Unterrieden“ eingeladen, der Weg zum Nelkenwinkel mit Kreide und Lampions markiert – und viele Gäste kamen. Einige Anwohner hätten durch die Organisatoren oder kleine Flyer davon erfahren, andere wurden von der Lautstärke kalt erwischt.

Die Musik aus einer professionellen Anlage mit starkem Bass sei auch weit nach Mitternacht so laut gewesen, dass ihre Kinder weinend an ihrem Bett gestanden hätten, sagt eine junge Mutter. Aus Angst vor Rache will sie wie alle anderen Anwohner, die mit der HNA gesprochen haben, anonym bleiben. „Es war wie ein Festival mitten in einem Wohngebiet.“

Zum Thema: Recht auf Ruhe in der Nacht: Wie viel Lärm ist draußen erlaubt?

Auch mehrere andere Anwohner hätten zwischen Mitternacht und drei Uhr die Polizei über die Ruhestörung informiert. Eine Streife sei gekommen, aber hätte unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, sagen die Anwohner – die auch berichten, dass die Polizei von den zahlreichen Party-Gästen eingeschüchtert worden sei. Die Beamten hätten Angst vor Ausschreitungen gehabt. Später hätten die Party-Veranstalter die Musik lauter aufgedreht als vorher, bis 7 Uhr morgens sei gefeiert worden. Mindestens vier Familien hätten am Morgen Anzeige bei der Polizei erstattet, einige seien auch beim Ordnungsamt vorstellig geworden.

Die Firma Promens hatte vor zwei Jahren ihren Betrieb eingestellt. Wegen des Lieferverkehrs mit Lastwagen sei es auch vorher nie ganz ruhig gewesen in dem Wohngebiet, sagt ein Mann, der nebenan wohnt. „Aber darauf konnte man sich wenigstens einstellen.“ Die Firma hätte Lärm-Auflagen gehabt und abends nur mit heruntergelassenen Hallentoren arbeiten dürfen.

Bei der Gruppe Anwohner, die mit der HNA gesprochen haben, ist die Wut auf die jungen Nachbarn groß: Diese nähmen auch unter der Woche keine Rücksicht, obwohl im Viertel auch Alte, Kranke und Kinder lebten. Es gibt Vorwürfe wegen rücksichtslosen Autofahrens und Parkens. Würde man die jungen Leute darauf ansprechen, bekäme man höchstens einen Spruch zu hören. „Bis die hierher gekommen sind, gab es eine gute Dorfgemeinschaft“, sagt einer.

„Wir wollen doch nur in Frieden leben.“ Von Polizei, Ortsbeirat und Ordnungsamt fühlen sich die Anwohner im Stich gelassen. „Wir wünschen uns, dass da mal durchgegriffen wird.“

Party-Organisatoren weisen Kritik zurück

Die jungen Leute, die vor zwei Wochen die Orient-Party in Unterrieden organisiert haben, haben nach einer Anfrage der HNA überrascht auf die Vorwürfe der Nachbarn reagiert. Wie die lärmgeplagten Anwohner wollen auch sie nicht namentlich in der Zeitung genannt werden.

In einer Stellungnahme wehrt sich eine Wohngemeinschaft aus dem Nelkenwinkel dagegen, mit allen Bewohnern des ehemaligen Promens-Gebäudes in einen Topf geworfen zu werden. Man kenne gar nicht alle Parteien auf dem Promens-Gelände, schreiben die WG-Bewohner. „Da wir so eng aneinander liegen, kann leicht der Eindruck entstehen, dass aller Lärm von uns kommt.“

Nur einmal hätten Anwohner vor 22 Uhr gebeten, die Musik leiser zu machen. Dem sei man sofort nachgekommen. Sonst habe es vor der Party keine Beschwerden oder Kontaktaufnahme durch Anwohner gegeben, die sich gestört fühlten. Mit den direkten Nachbarn pflege man einen guten Kontakt, schreibt die WG. „Wir finden es schade, über die HNA erfahren zu müssen, dass sich einige Anwohner durch uns gestört fühlen.“ 

Die Orientparty sei die erste WG-Party im Nelkenwinkel seit zwei Jahren gewesen. Am 21. Juni habe man bei den direkten und daran angrenzenden Nachbarn geklingelt und persönlich mit ihnen gesprochen. Man habe nach Anregungen der Nachbarn dafür gesorgt, dass die Straßen frei blieben und Fahrräder nicht direkt vor dem Haus geparkt wurden. 70 bis 90 Personen seien zur Party gekommen.

„Nach Ankunft der Polizei gegen halb 2 Uhr morgens haben wir die Musik leiser gedreht und waren bemüht, die Lautstärke auch auf diesem Niveau zu halten“, so die WG. Die Stimmung im Gespräch mit der Polizei sei entspannt und freundlich gewesen. „Wir haben uns kooperativ gezeigt und der Polizei unsere Telefonnummer gegeben, damit sie sich im Falle weiterer Beschwerden mit uns in Verbindung setzen könnte.“

Bisher habe es keine Vermittlungsversuche von den Anwohnern gegeben. „Wir sind aber jederzeit zu Gesprächen bereit. Auch uns ist ein freundliches Zusammenleben in der Nachbarschaft wichtig.“ Eine Mietpartei des ehemaligen Promens-Geländes schreibt, dass sie erst nach der Orient-Party vom Ärger der Nachbarn erfahren hätten, keiner sei auf sie zugekommen. Ob die Anwohner mit anderen Nutzern des Geländes (Wohnhaus, Halle, Werkstatt) gesprochen hätten, wisse man nicht.

„Wir glauben nicht, dass wir unverhältnismäßig laut oder rücksichtslos sind“, antworten diese Mieter auf HNA-Anfrage, „würden uns aber wünschen, dass Nachbarn, die sich von uns gestört fühlen, zu uns kommen und wir entsprechend reagieren können.“ 

Das sagt die Polizei: „Beamte waren gegen 2 Uhr vor Ort“

Am 1. Juli kam es im Bereich „Nelkenwinkel“ in Unterrieden zu einer Ruhestörung, das bestätigt Polizei-Pressesprecher Jörg Künstler. Die Beamten seien gegen 2 Uhr vor Ort gewesen. Die Streife habe dort mit dem Verantwortlichen gesprochen und dieser habe zugesichert, die Musik leiser zu stellen. „Im Laufe der Nacht erfolgte keine weitere Meldung hinsichtlich der Ruhestörung“, so Künstler. 

Am Morgen seien mehrere Anwohner erschienen und hätten angegeben, dass die Feier bis in die frühen Morgenstunden gegangen sei. Es wurde eine Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit erstellt und die Stadt informiert. Zu den Aussagen vom „Hörensagen“, zum Beispiel, dass Anhänger der linken Szene kürzlich auf dem Grundstück festgenommen wurden, bezieht die Polizei keine Stellung, erklärt Künstler. 

Und weiter: Wenn die Anwohner Angaben zu strafrechtlich relevanten Inhalten machen können, werden Polizei beziehungsweise Staatsanwaltschaft diese bewerten und Ermittlungen aufnehmen, wenn die Angaben der Polizei offiziell mitgeteilt werden. 

Das sagt die Stadt: „Wir haben viele Gespräche geführt“

Nachdem sie von Ortsvorsteherin Sylvia Müller über die Ruhestörung informiert worden sind, haben sich Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz und Ordnungsamtsmitarbeiter Michael Polzhuber die Lage in Unterrieden angesehen. Nur vier Personen sind laut Herz dort mit Erstwohnsitz gemeldet. Viele Studierende würden sich aber oft nicht vom Wohnort der Eltern ummelden, wenn sie an ihren Studienort ziehen. „Man muss auch keinen Zweitwohnsitz anmelden.“ 

Er habe mit Anwohnern gesprochen und Kontakt mit den Vermietern des ehemaligen Promens-Geländes aufgenommen, damit diese ihre Mieter ins Gebet nehmen. Er habe zudem die Polizei gebeten, jeder Ruhestörung in Unterrieden nachzugehen, sagt Herz. 

Des Weiteren habe er Dekan Prof. Dr. Gunter Backes und Studienkoordinator Holger Mittelstraß gebeten, auf die Studierenden aus Unterrieden einzuwirken, sich an die geltenden Regeln zu halten. „Viele Witzenhäuser haben den Eindruck, dass die Studierenden machen können, was sie wollen“, sagt Herz. Es gebe bei Stadt und Polizei zu wenig Personal, um alles sofort zu ahnden. 

Herz kann sich vorstellen, dass der Schiedsmann Heinrich Lampe in einem Gespräch zwischen den Party-Organisatoren und den Anwohnern vermittelt. „Aber dafür muss man alle an einen Tisch bekommen.“ Herz geht davon aus, dass sich die Lage nun wegen der geführten Gespräche, der Prüfungsphase an der Universität und den nahenden Semesterferien entspannt.

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