Vermisster in den USA aufgespürt

Gertenbacher „Befreiungskind“ der 1940er-Jahre suchte lange Zeit nach Vater

Die Amerikaner verlassen Gertenbach: Nach der Kapitulation Japans war der Krieg für die amerikanischen Soldaten 1945 vorbei. Diese
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Die Amerikaner verlassen Gertenbach: Nach der Kapitulation Japans war der Krieg für die amerikanischen Soldaten 1945 vorbei. Diese

Der Holländer Wolfgang Oude Aost wurde in Gertenbach geboren - als Sohn eines US-Soldaten. Ihn hat er nun gefunden.

Gertenbach – Die Sehnsucht nach dem unbekannten Vater brannte so stark im Herzen von Wolfgang Oude Aost (74), dass sich der gebürtige Gertenbacher mit 43 Jahren in ein Flugzeug setzte und in die USA flog. Seinen Vater, einen ehemaligen Soldaten, erkannte er auf Anhieb.

Detektivarbeit musste Polizist Oude Aost leisten, um an die Adresse seines Vaters zu gelangen. Er ist ein sogenanntes Befreiungskind. Seine Mutter, eine Holländerin, lebte von 1944 an in Gertenbach. Sie war ihrer Schwester gefolgt, die mit ihrem deutschen Mann dorthin gezogen war. Im Jahr darauf nahmen die Amerikaner Gertenbach ein.

Einige Soldaten wurden in einem Haus an der Mündener Straße einquartiert. Die Holländerin verliebte sich in Unteroffizier Lawrence R. Berardi, der zu einer Jagdpanzer-Einheit gehörte. Berardi und seine Kameraden jubelten im August 1945. Japan hatte kapituliert. Damit war der Krieg endgültig vorbei und ein möglicher Einsatz in Asien vom Tisch. Kurz darauf rückte der Unteroffizier mit anderen Soldaten ab.

Als die Holländerin feststellte, dass sie schwanger geworden war, versuchte sie vergebens Kontakt zu ihrem Geliebten aufzunehmen. Nur zwei Fotos des jungen Mannes blieben ihr. Ende der 40er-Jahre kehrte sie nach Holland zurück, zog ihren Sohn in Apeldoorn alleine groß. Die beiden Berardi-Bilder erhielt Oude Aost, als er mit acht, neun Jahren seine Mutter nach dem Vater fragte.

Auch der Junge schrieb nach Amerika. Als er mit 23 Jahren heiratete, lud er den Vater zur Hochzeit ein, informierte ihn später über die Geburt von Sohn Bas und Tochter Miep. Doch eine Antwort bekam er nie. Mit Ende 30 unternahm der Polizist einen erneuten Anlauf. Mit Unterstützung der amerikanischen Bundespolizei, dem FBI, fand er heraus, dass der Vater nicht mehr in West-Virginia, sondern im benachbarten Ohio lebte. Auf Briefe an die neue Adresse reagierte Berardi nicht.

Da Oude Aost wusste, dass der Vater italienischer Abstammung war, nahm er Kontakt mit der Migrantenorganisation „Söhne Italiens“ auf. „Gerade war er noch hier“, erfuhr er bei einem Anruf in der Loge, wie sich die Ortsgruppen der Bruderschaft nennen. Er bat darum, dem Vater einen Brief auszuhändigen. Das geschah, wie dem Holländer bei dessen nächsten Anruf mitgeteilt wurde. Eine Antwort blieb jedoch aus. So entschloss sich Oude Aost 1989 nach langem Ringen mit sich selbst dazu, mit seiner Frau nach Amerika zu fliegen. Als der Polizist an der Haustür klingelte, machte niemand auf. Oude Aost setzte sich ins Auto und wartete. Ein mit Einkaufstüten beladener Herr näherte sich. Oude Aost erkannte seinen Vater sofort. Dieser reagierte nach anfänglicher Skepsis erfreut.

Der Amerikaner erzählte seinem Sohn seine Geschichte. Gleich nach dem Schulabschluss 1943 war der Vater Soldat geworden. Nach zweieinhalb Jahren im Krieg tat er sich mit dem zivilen Leben schwer. Niemand wollte etwas von seinen belastenden Fronterlebnissen hören. Berardi bekam eine Stelle im Stahlwerk, in dem auch dessen Vater arbeitete. Die Firma ging pleite, als der Amerikaner 52 Jahre alt war. Berardi bekam nun eine schmale Rente, die für ein winziges, möbliertes Einzimmer-Appartement reichte. Wie Oude Aosts Mutter hat Berardi nie geheiratet und lange bei seinen Eltern gelebt.

Der Holländer besuchte seinen Vater bis zu dessen Tod vor 15 Jahren 21 Mal, davon vier Mal mit seinen Kindern. Die beiden standen in regem Briefkontakt.

„Eine große Schande“

„Als unverheiratete Frau ein Kind zu bekommen, war 1945 eine große Schande“, sagt Wolfgang Oude Aost. Seine Mutter verschwieg daher ihren Eltern die Geburt ihres Sohnes im Mai 1946 zunächst.

Als ihr Vater erfuhr, dass er einen Enkel bekommen hatte, holte er seine Tochter sofort zurück ins holländische Apeldoorn. Da das Baby außer der Geburtsurkunde keine offiziellen Papiere hatte, musste es über die Grenze geschmuggelt werden. Die Mutter wohnte bei ihren Eltern und verdiente sich ihren Lebensunterhalt in einer Fabrik.

Oude Aost suchte sich einen Beruf, der jeden Tag Abwechslung bietet. Er wurde Kriminalpolizist, klärte Morde, Betrügereien aber auch Sittlichkeitsverbrechen auf. Lachend erinnert er sich an eine Hausdurchsuchung. Die Mutter des Verdächtigen öffnete, schaute auf Oude Aosts Ausweis und erklärte: „Dieser Mann wohnt hier nicht.“ Mit 58 Jahren ging der Holländer in Ruhestand. In diesem Jahr hat sich der 74-Jährige erneut verpflichten lassen. Er will nun mithelfen, alte, ungeklärte Kriminalfälle mit moderner Technologie aufzuklären.

Ein Krimi war es, den eigenen Vater in den USA aufzuspüren. Dieser übergab Oude Aost eine Reihe Fotos, die in Gertenbach entstanden sind. Die vielen Kinder, die darauf zu sehen sind, dürften heute gut 80 Jahre alt sein. Der Polizist bekam von seinem Vater auch Bilder, die ihn selbst als Kleinkind mit seiner Mutter zeigen.

Die Niederländerin hatte sie ihrem Geliebten in die USA geschickt. Lawrence R. Berardi jedoch wollte keine Verantwortung für seinen Sohn übernehmen. Er hatte mit sich selbst zu tun. Nach der Arbeit trank er mit Freunden und pokerte oder er las Bücher, die er sich aus der örtlichen Bücherei lieh. (zmc)

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