Drei Dörfer wurden eingemeindet

Witzenhausen erhielt 2000 neue Einwohner: Vor 50 Jahren wuchs die Stadt

Neue Schilder: Zur Eingemeindung erhielten die drei Dörfer neue Ortsschilder - damals stand allerdings Witzenhausen groß oben und der Dorfname klein darunter. Heute ist es andersherum.
+
Neue Schilder: Zur Eingemeindung erhielten die drei Dörfer neue Ortsschilder - damals stand allerdings Witzenhausen groß oben und der Dorfname klein darunter. Heute ist es andersherum.

Ein Blitzwachstum hat die Stadt Witzenhausen vor genau 50 Jahren hingelegt: Am 1. Oktober 1971 schlossen sich nämlich die ersten drei bis dahin selbstständigen Gemeinden als Ortsteile der Kirschenstadt an

Witzenhausen – Wendershausen, Hundelshausen und Dohrenbach gaben freiwillig und deutlich vor der hessischen Gebietsreform von 1974 ihre Eigenständigkeit als Gemeinden auf. Damals bekam die Stadt mit einem Schlag 2000 neue Einwohner, die Gesamtzahl stieg auf 10.500 Bürger an. Auch das Gemarkungsgebiet wuchs rasant von 2000 Hektar auf 5200 Hektar, wie die Werra-Nachrichten damals vorrechneten.

„Ab heute gehören wir zu Witzenhausen“, sagte der damalige Hundelshäuser Bürgermeister Georg Zindel – und sprach damit für seine Mitbürger, aber auch für die Menschen aus Dohrenbach und Wendershausen, die den gleichen Schritt gingen. Wie die Werra-Nachrichten damals berichteten, hatte sich die Hundelshäuser Gemeindevertretung diesen Schritt nicht leicht gemacht, „aber der Wille der Bevölkerung sei bei dem Entschluss zur Eingemeindung ausschlaggebend gewesen.“ Deshalb habe man sich „kurz entschlossen an den größeren Bruder Witzenhausen gewandt, dem man sich hiermit anvertraue“, erklärte Zindel bei der späteren Übergabe der neuen Ortsschilder in Hundelshausen.

Neben einem Festakt mit viel politischer Prominenz und den ihrer Ämter enthobenen Gemeindevertretern gab es auch jeweils Feiern in den neuen Stadtteilen. In Wendershausen etwa wurde bei dieser Gelegenheit der damals neue Kindergarten im alten Schulgebäude eröffnet – als „Stätte, an der der Grundstein auch für das spätere demokratische Verhalten unserer jüngsten Mitbürger gelegt wird“, wie der damalige Witzenhäuser Bürgermeister Rudolf Harberg sagte. An der Feierstunde in Wendershausen wirkten auch die Kindergartenkinder mit und forderten die überraschten Kommunalpolitiker zu einem Tänzchen auf.

Zum Abschluss des Tages zog der Tross der Feiernden noch nach Dohrenbach. Hier forderte der scheidende Bürgermeister des Luftkurortes, Erwin Duclos, Magistrat und Stadtverordnete auf: „Vergessen Sie Dohrenbach nicht, wir fühlen uns wie das Wilhelmshöhe von Witzenhausen!“

Neuseesen, Werleshausen und Unterrieden folgten

Hundelshausen, Dohrenbach und Wendershausen waren indes nicht die einzigen Dörfer, die sich freiwillig der Kirschenstadt anschlossen. Zum 31. Dezember 1971 folgten die nächsten drei: Mit der Eingemeindung von Unterrieden, Werleshausen und Neuseesen wuchs die Einwohnerzahl auf 12.000 und das Stadtgebiet auf eine Fläche von 6600 Hektar.

Die einst thüringischen Orte Neuseesen und Werleshausen waren erst 26 Jahre vorher mit dem Wanfrieder Abkommen von 1945 hessisch geworden. Das hatte für Witzenhausen einen entscheidenden Vorteil, wie Bürgermeister Rudolf Harberg am 7. Oktober 1971 in der Stadtverordnetenversammlung erklärte. Denn die Anrainer an die „Zonengrenze“ zur DDR erhielten vom Land höhere Schlüsselzuweisungen, was für das chronisch klamme Witzenhausen eine willkommene Einnahmequelle war. Auch für die Dörfer, die sich freiwillig einer größeren Kommune anschlossen und damit eine effizientere – und für die öffentliche Hand günstigere – Verwaltung ermöglichten, lohnte sich der Schritt finanziell durch Vergünstigungen im kommunalen Finanzausgleich.

Mit dem Anreizprogramm des Landes für eine freiwillige Eingemeindung war allerdings nach dem 31. Dezember 1971 Schluss: Über das Landesgesetz zur Gebietsreform wurden zum 1. Januar 1974 zwangsweise auch aus den verbliebenen selbstständigen Gemeinden rund um die Kirschenstadt – also Albshausen, Berlepsch-Ellerode, Blickershausen, Ellingerode, Ermschwerd, Gertenbach, Hubenrode, Kleinalmerode, Roßbach und Ziegenhagen – zum 1. Januar 1974 Witzenhäuser Stadtteile. Ihr Pochen auf Eigenständigkeit hatte nichts genutzt. (Friederike Steensen)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.