Debatte um alternatives Leben

Freizeitgärten statt Wohnen: Bauwagenplätze in Witzenhausen sollen Chance erhalten

Einsames Wohnen: Dieser Bauwagen steht nahe dem Gelsterhof – legal. Eine Erweiterung der erlaubten Stellflächen auf diesem speziellen Grundstück ist laut Bauamtsleiterin Anja Strecker aber rechtlich schwierig.
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Einsames Wohnen: Dieser Bauwagen steht nahe dem Gelsterhof – legal. Eine Erweiterung der erlaubten Stellflächen auf diesem speziellen Grundstück ist laut Bauamtsleiterin Anja Strecker aber rechtlich schwierig.

Wie soll es mit den illegalen Bauwagenplätzen in Witzenhausen weitergehen? Darüber wurde am Donnerstag konstruktiv diskutiert - und ein Fahrplan entwickelt.

Witzenhausen – Dieser Abend hat sich gelohnt: In der Sondersitzung des Stadtentwicklungsausschusses tauschten Bauwagenbewohner, Jäger, Landwirte und Kommunalpolitiker am Donnerstag sachlich und konstruktiv ihre Sichtweise auf die Wagenplätze rund um Witzenhausen aus. Zudem loteten sie aus, wie die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie umgesetzt werden können. Die Stimmung blieb dank der straffen, aber vermittelnden Sitzungsführung von Vorsitzender Christiane Weiler (Grüne) und Erstem Stadtrat Reiner Winkler (SPD) insgesamt kompromissbereit - was nach dem umstrittenen Beschluss der Stadtverordneten, Schritte gegen die Wagenplätze einzuleiten, vorher nicht zu erwarten gewesen war.

Die Position der IG Wagenleben

Die Interessengemeinschaft (IG) Wagenleben vertritt fünf Wohnprojekte mit 40 Bauwagenbewohnern. Alle Flächen waren Teil der Machbarkeitsstudie, betont Sprecher Kevin Thofern. Die IG akzeptiere, dass auf sechs der acht untersuchten Flächen nicht dauerhaft gewohnt werden darf. Jetzt fordere sie eine Legalisierung ihrer Flächen als Freizeitgärten, um wenigstens ihre Arbeit zur Landschaftspflege, Landwirtschaft, Gartenbau, Naturschutz und Umweltbildung dort fortführen zu können. Auch wünscht sich die IG Flächen, auf denen man legal und flexibel in mobilen Häusern oder Wagen wohnen darf. Bei der Planung will sich die IG einbringen. Auf Nachfrage erklärte Thofern, dass die Wagenbewohner ihren Müll an ihren Meldeadressen in der Stadt entsorgen und wie sie Komposttoiletten und Regenwasseraufbereitung nutzen.

Die Position der Jäger

Die Jagdgenossenschaft kritisiert, dass mit der steigenden Zahl an Bauwagen mehr Menschen abends und nachts im Wald unterwegs seien – zu Fuß, mit Rad oder Auto. Laut Jagdpächter Bernd Lehmann würde die Jagd so schwieriger und gefährlicher. „Es raschelt im Mais, Sie erwarten ein Wildschwein – und dann läuft da jemand im Dunkeln herum“, schildert Lehmann seine Sorge. Kein Jäger wolle aus Versehen einen Menschen treffen. Mit vielen der jungen Leute käme man gut aus, es gebe aber auch „Unvernünftige“. Wenn die Jagd im Feld behindert wird, müssten die Jagdpächter den Bauern Wildschäden zahlen – das könnten sie nicht leisten. Zudem sorgen sich die Jäger, dass Gerümpel zurückbleibt, wenn Plätze aufgegeben werden sollten. Sie würden einzelne erlaubte Wagenplätze akzeptieren, aber nicht eine große Zahl an illegal bewohnten Arealen: „Die Menge der Leute und die Zersiedelung sind das Problem.“ Laut Günter Groß (Hessen Forst) steigt mit der Zahl der Aufenthalte im Wald die Waldbrandgefahr.

Die Position der Landwirte

Ortslandwirt Berthold Faßhauer gab zu Bedenken, dass die Kirschplantagen schwieriger zu bewirtschaften sind, wenn zwischendrin Menschen lebten. Denn dann könnte man keine Pflanzenschutzmittel versprühen, was wiederum die Kirscherträge und so das Witzenhäuser Wahrzeichen gefährde.

Die ausstehenden Probleme

Schätzungsweise gibt es 80 bewohnte Wagen und Hütten rund um Witzenhausen, viele im Wochenendgebiet am Warteberg. Nicht alle Bewohner sind in der IG Wagenleben engagiert. Zudem können die Jäger im Dunkeln nicht beurteilen, ob die Personen nachts im Wald zu den Wagenplätzen gehören oder aus der Stadt kommen.

Es gebe keinen Zusammenhang zu den privaten Wagenplätzen, betonte Bauamtsleiterin Anja Strecker. Denn das 2015 legalisierte Projekt Urtica ist ein Projekt eines Vereins und der Universität Kassel, das am Bahnhof ressourcenschonende Wohnformen, etwa in Bauwagen, erforscht.

Die Bauaufsicht des Werra-Meißner-Kreises ist zuständig. Wenn sie Kenntnis von illegalen Bauten oder Wohnen im Außenbereich bekommt, etwa durch Bürgerhinweise, muss sie den Fall prüfen und kann in langwierigen Verfahren Maßnahmen anordnen – bis zur Räumungen, so Strecker.

An diesen drei Stellen in Witzenhausen wären laut Flächennutzungsplan Wohnflächen mit Tiny Houses und Bauwagen möglich.

Darauf hat sich der Ausschuss geeinigt

Das Bauamt soll eine Änderung der Bebauungspläne bei den Flächen vorbereiten, auf denen laut der Machbarkeitsstudie eine Nutzung als Freizeitgarten (ohne Wohnen) möglich ist und abfragen, welche Bewohner dem zustimmen würden. Auch sollen drei Stellen näher untersucht werden, auf denen laut Flächennutzungsplan die Ausweisung von Stellplätzen für Tiny Houses oder Bauwagen bereits erlaubt wäre – im Bereich „Auf der roten Leithe“, „An der Wolfshecke“ und „Am Sande“. Dann soll die Verwaltung klären, welche Vorgaben es für Baugenehmigungen gebe und welche Folgen eine solche Ausweisung für Grundsteuererhebung hat. Zudem muss geprüft werden, in welcher Größe trotz des laufenden Stadt- und Dorfentwicklungsprozesses noch neue Wohnflächen ausgewiesen werden dürfen. Auf Wunsch der IG wird die Stadt auch beim Regierungspräsidium fragen, ob die teuer erstellte Infrastruktur bei Urtica nicht für weitere Wagenplätze am Bahnhof genutzt werden könne.  (Friederike Steensen)

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