Digitalisierung jetzt nutzen

Vor der Landratswahl: Amtsinhaber und einziger Bewerber Stefan Reuß im Interview

Kandidiert für eine dritte Amtszeit: Stefan Reuß vor Burg Ludwigstein, der Wappenburg des Kreises. Er spricht sich gegen den Metropolwahn aus und glaubt an eine Renaissance des Lebens auf dem Land. Voraussetzung sei aber eine gute Digitalisierung. Foto: privat

Werra-Meißner. Landrat Stefan Reuß kandidiert für eine dritte Amtszeit. Am 24. September stellt er sich erneut zur Wahl – als einziger Bewerber.

Wir sprachen mit ihm über einen Wahlkampf allein auf weiter Flur, die Renaissance des Landlebens, sozialen Wohnungsbau und seine Wünsche von der neuen Bundesregierung.

Herr Reuß, Sie haben gesagt, es wäre ein Kompliment, keinen Gegenkandidaten zu haben. Waren Sie in ihrer vergangenen Amtszeit zu gut?

Stefan Reuß: Die eigene Beurteilung fällt mir immer schwer. Das überlasse ich lieber dem Wähler. Mit meiner Kandidatur stelle ich aber auch meine Arbeit der vergangenen Jahre zur Wahl.

Aber Sie müssen ja in der Vergangenheit einiges richtig gemacht haben?

Reuß: Die erste Amtszeit war davon geprägt, den demografischen Wandel in den Griff zu bekommen und ein neues Selbstbewusstsein zu finden. Die vergangenen sechs Jahre haben wir diese Arbeit fortgesetzt und dazu beispielsweise den Tourismus und die Volkshochschulen umgebaut, Mobilität und Nahversorgung ausgebaut und den Breitbandausbau vorangebracht. Da müssen wir dranbleiben.

Wie wird eine flächendeckende digitale Ausstattung den Kreis voranbringen?

Reuß: Erst mal mussten wir die Grundlagen schaffen. Da sind wir durch die Breitband Nordhessen GmbH gerade dabei. 2019 wird der gesamte Landkreis mit schnellem Internet versorgt sein. Danach gilt es, die Digitalisierung zu nutzen. Der Wirtschaftsstandort, der Handel oder auch die medizinische Versorgung werden davon profitieren.

Wie sieht das konkret aus?

Reuß: Die Nahversorgungsangebote könnten sich verändern. Digitale Bringdienste sind dann eine regionale Aufgabe. Der heimische Einzelhandel muss die Digitalisierung nutzen und nicht darüber klagen, dass das Internet ihm die Kunden wegnimmt. Durch die Digitalisierung kann der lokale Handel gestärkt werden, wenn er selbst maßgeschneiderte Angebote entwickelt.

Bringt die Digitalisierung auch etwas, um die ärztliche Versorgung sicherzustellen?

Reuß: Das ist ein weiteres Thema. Durch Telemedizin könnten beispielsweise Patienten aus der Praxis heraus zu Hause betreut werden, das gilt insbesondere auch für orientierungslose Demenzkranke. Ebenso können stationäre und ambulante Einrichtungen über eine elektronische Patientenakte stärker miteinander vernetzt werden.

Das ersetzt aber nicht die Ärzte, die sich scheuen, sich auf dem Land niederzulassen?

Reuß: Da geht es um die Attraktivität der Arbeitsplätze. Familie, Beruf und Freizeit müssen ebenfalls in Einklang gebracht werden. Die sogenannte Work-Life-Balance muss stimmen. Dazu gibt es Modelle, dass sich Ärzte zusammenschließen. Um Geld zu verdienen, ist der ländliche Raum für Ärzte weiter attraktiv.

Sie haben bei Ihrer Nominierungsrede im März von Metropolwahn gesprochen. Gibt es vielleicht auch eine Renaissance des Lebens auf dem Land?

Reuß: Die gibt es. Wir stellen fest, dass immer mehr Menschen an die Ränder der Metropolen ziehen. In den Stadtkernen entstehen so soziale Konfliktpotenziale.

Welche Chance entsteht da für den Werra-Meißner-Kreis?

Reuß: Die Chance besteht, wenn Bund und Land Strukturpolitik betreiben. Öffentliche Arbeitgeber müssen in den ländlichen Raum verlegt werden. Bayern macht es vor. Die Zentralisierung muss zurückgenommen werden. Es ist mittlerweile unerheblich, wo die Ämter und Behörden sitzen. Die Digitalisierung ist dabei die Chance für den ländlichen Raum.

Auf der anderen Seite fehlen Fachkräfte. Müssen Flüchtlinge schneller integriert werden, um einen Job antreten zu können?

Reuß: Es wird in Zukunft nicht ausreichend Fachkräfte geben. Auch wenn sich unter den Flüchtlingen nicht ausschließlich hoch qualifiziertes Fachpersonal befindet, könnten Flüchtlinge Teil der Lösung dieses Problems sein. Dafür muss die Zuwanderung sinnvoll organisiert werden. Es braucht ein Zuwanderungsgesetz.

Dafür wäre die Bundesregierung zuständig. Was erwarten Sie – parteiunabhängig – von der neuen Koalition?

Reuß: Noch mehr Bewusstsein und eine Stärkung für den ländlichen Raum. Die Großstadtförderung muss umgewandelt werden. Die Landkreise haben gefordert, dass der Bund uns jetzt – unabhängig vom Föderalismus – direkt fördert.

Wie prognostizieren Sie den Ausgang der Bundestagswahl?

Reuß: Ich habe die große Sorge, dass Rechtspopulisten einen großen Zulauf bei der Wahl bekommen werden. Damit werden sich Bundestag und auch Demokratie in Deutschland dramatisch verändern. Aber: Rechtspopulisten haben hier im Kreis keine Chance.

Und wie erwarten Sie den Ausgang Ihrer eigenen Wahl?

Reuß: Ich bin im Schätzen ganz schlecht. Eine hohe Wahlbeteiligung wäre wünschenswert. Dis Zusammenlegung mit der Bundestagswahl könnte dazu führen, und dann wünsche ich mir ein überzeugendes Ergebnis mit breiter Zustimmung. 

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