Kann Hormon Kupfer ersetzen?

Werrataler Kirschenexperten vorerst skeptisch bei alternativen Pflanzenschutz

+
Tritt immer wieder mal auf: Kirschen – hier auf der Versuchsanlage oberhalb von Wendershausen in voller Blüte – sind wie anderes Kern- und Steinobst und über 100 weitere Pflanzenarten von Bakterienbrand bedroht.

Diese Information könnte gerade für Kirschenanbauer im Werraland von Interesse sein: An der Humboldt-Universität in Berlin soll der natürliche Pflanzeninhaltsstoff Auxin, ein Hormon, als Alternative zu Kupferpräparaten erprobt und etabliert werden.

Weil sich die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) von Auxin eine „völlig neue umweltverträgliche Alternative als Pflanzenschutzmittel“ verspricht, fördert sie das Forschungsprojekt, wie sie jüngst mitteilte. Die DBU denkt dabei insbesondere an die ökologische Landwirtschaft, weil diese mangels Alternativen verstärkt auf kupferhaltige Pflanzenschutzmittel zurückgreift, da diese sogar für sie zugelassen sind.

Agata Stawinoga, Versuchstechnikerin

Konkret erhofft sich die Bundesstiftung Auxin als Alternative beim Süßkirschenanbau. Die Kirschbäume werden mit Kupferpräparaten besprüht, um sie gegen die Krankheit Bakterienbrand zu schützen. Das bestätigen für die Obstanbauern im Kirschenland Werratal auch Obstbauberater Eberhard Walther und Versuchstechnikerin Agata Stawinoga vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH).

Allerdings stellten Präparate auf der Basis von Kupfer, das als Schwermetall giftig sei, eine „große Belastung für die Ökosysteme“ dar, sagt DBU-Generalsekretär Alexander Bonde. „So werden Nährstoffkreisläufe beeinträchtigt, was zu einem Rückgang der Artenvielfalt führt“, präzisiert Prof. Dr. Christoph-Martin Geilfus, der Leiter des Auxin-Projekts an der Uni.

Dass kupferhaltige Pflanzenschutzmittel, die seit Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in den Dauerkulturen Hopfen, Wein und Obst sowie der Ackerbaukultur Kartoffel gegen Pilzkrankheiten eingesetzt werden, bedenklich sei, meint auch Walther. Das Metall lagere sich in den obersten Bodenschichten ab und bleibe lange im Boden.

Eberhard Walther, Obstbauberater

Es werde von den Kirschenanbauern im Werratal aber „sehr verantwortungsbewusst ausgebracht“, sagt Walther, höchstens drei Kilogramm Kupfer pro Hektar. Bis etwa 1940 wurde im Weinbau in Deutschland übrigens noch bis zu 50 Kilogramm eingesetzt, gibt das Julius-Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, an.

Bezüglich des Einsatzes von Auxin äußern er und seine Mitarbeiterin Stawinoga sich zumindest vorerst aber zurückhaltend-kritisch. „Man muss erst noch sehen, ob das wirkt“, sagt Walther. Auxin wirke auf den gesamten Baum, also auch auf das Wurzelwerk. „Da muss man ganz genau dosieren“, sagt Stawinoga. Denn: „Zuviel wirkt hemmend beim Wachstum des Baumes.“ Die Obstbau-Experten sprechen sich zunächst für ein intensives Erproben von Auxin aus, weil noch nicht genügend Erfahrungen damit vorlägen.

„Wir wissen noch nicht, wie eine zusätzliche Auxin-Behandlung gegen das Auftreten des Bakterienbrandes wirken wird“, sagen Walther und Stawinoga. Denn die das Wachstum regulierenden Hormone würden von den Pflanzen auch selbst produziert. Und wenn ein Obstbaum vorbeugend geschützt werde und gesund sei, verfüge er in „ausreichendem Maße“ über eigene Abwehrstoffe, zu denen eben auch Auxine gehören. Gerade Hobbygärtner bräuchten nämlich, wenn sie die vorbeugenden Schutzmöglichkeiten beachten, nicht einmal Kupfer für ihre Kirschen einsetzen. 

Tipps von der Expertin: So beugt man Bakterienbefall bei Bäumen vor

Vier dem Bakterienbrand vorbeugende Maßnahmen empfiehlt Agata Stawinoga. 

Standortwahl: Bäume sollen da gepflanzt werden, wo sie nach Niederschlag gut abtrocknen können und möglichst selten Nebel ausgesetzt sind. 

Pflanzdichte: Die Stämme sollen nicht zu dicht stehen, damit der Übertragungsweg der Krankheit länger ist und in Plantagen sich zudem Nebel nicht länger halten kann. 

Schnittzeit: Alte und kranke Äste sollen auf alle Fälle entfernt werden, weil sie ebenso wie Wunden jeglicher Art leichte Angriffspunkte für Bakterien und auch Pilze sind. Aber: Äste niemals im Herbst schneiden, da sich der Baumsaft noch nicht ins Wurzelwerk zurückgezogen hat. Kurz vor der Blüte und direkt nach der Ernte ist die beste Zeit. Übrigens: Erst nach ein paar trockenen Tagen schneiden! 

Düngung: Eine ausgewogene Bodendüngung stärkt die Bäume; zuviel Stickstoff ist nicht sinnvoll. In trockenen Jahren empfiehlt sich auch eine Blattdüngung direkt vor der Ernte. Werde alles beachtet, sagt Stawinoga, dann brauche zumindest der Hobbygärtner kein Kupferpräparat sprühen.

Roden und Abbrennen

Bakterienbrand ist eine Rindenkrankheit, die von dem Bakterium Pseudomonas syringae hervorgerufen wird, vor allem bei Kirschen und Zwetschgen. Die Infektionen erfolgen in erster Linie im Herbst, weil der Erreger speziell bei Kirschen nach dem Fall des Laubs über die Blattnarben in die Bäume eindringen kann, wie Agata Stawinoga erläutert. Und ein großer Kirschbaum hat, verdeutlicht Eberhard Walther, durchschnittlich 800 000 Blätter. Auch Winterschnitte im Regen und Frostrisse bieten Angriffsmöglichkeiten für die Bakterien. 

Es bilden sich auf der Rinde von Stamm und Ästen rillige, eingesunkene Verletzungen, aus denen im Frühjahr Harz fließt. Wenn man die Symptome sieht, „ist es schon zu spät“, sagt die Expertin: „Dann hilft nur noch Roden und Abbrennen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.