Obstanbau im Werratal seit 1980er-Jahren rückläufig

Witzenhäuser Kirschen werden immer wichtiger für den Tourismus

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Witzenhäuser Kirschen: Dieses Markenzeichen des Werratals wird seit Jahrzehnten auch an den Durchgangsstraßen angeboten. Die roten Früchte sind ein Wirtschaftsfaktor und ein touristisches Merkmal der Region. 

Es sei schwierig, neue Märkte für die Witzenhäuser Kirschen zu finden, sagt Gartenbauberater Eberhard Walther, der sich seit Jahrzehnten mit dem Obstanbau in Nordhessen befasst und unter anderem die Versuchsanlage des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) oberhalb von Wendershausen leitet.

Es würden immer nur kleinere Nischen gefunden, sagt der Experte. Die Erzeuger selbst sprechen nicht gern darüber aus Sorge, dass auch der „Nachbar“ vom neuen Abnehmer erfährt.

Gibt es ein Rezept, um die Witzenhäuser Kirschen trotz Billigschwemme aus dem Ausland konkurrenzfähig zu halten?

Der Trend geht „zu Superqualität und Regionalität – und zu Bioware“, sagt Walther. Bei den Kirschen, die über die Absatzgenossenschaft Unterrieden (Agu) vermarktet werden, werde schon seit 2007 auf Pflanzenschutz mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat verzichtet, sagt Walther. Die Früchte hätten Öko-Qualität, man habe das nur noch nicht zertifizieren lassen. Aber auch die Nachfrage nach neuen Sorten mit großen Früchten sei groß.

Was passiert eigentlich mit kleineren Kirschen?

Die finden Verwendung in Schnapsbrennereien, weniger in der Konserven-Industrie. Verhaltene Nachfrage besteht laut Walther noch nach Kirschen im Glas.

Hat der Kirschenanbau überhaupt eine Zukunft?

Walther weiß von einigen wenigen Obstbauern, die neue Plantagen anlegen. Die verbliebenen großen Erzeuger expandierten sogar, sagt er. Unterstützt würden sie durch die Forschung in der Versuchsanlage des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) oberhalb von Witzenhausen-Wendershausen, wo nicht nur neue Sorten getestet werden, sondern auch „Gisela“ als Unterlage für niedrigstämmig, kleinkronige Kirschbäume entwickelt wurde. Im Vergleich zu den Hochstämmen, die es im Werraland immer weniger und nur noch bei privaten Anbauern gebe, seien diese Bäume produktiver, sie brächten mehr Ertrag und qualitativ gute Früchte.

Wie viele Tonnen Witzenhäuser Kirschen werden in einem Durchschnittsjahr noch gepflückt?

Den Ertrag auf einen Hektar hochzurechnen, fällt Eberhard Walther schwer, weil unterschiedlich viele Bäume in den Plantagen gepflanzt würden. Auf der Fläche im Versuchsbetrieb geht er von einem Ertrag von zehn bis zwölf Tonnen je Hektar aus. Der jüngsten Erhebung des Hessischen Statistischen Landesamtes zufolge werden Kirschen noch auf rund 300 Hektar angebaut. 1980 waren es bis zu 400 Hektar. Im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren stehen immer weniger Bäume im Werratal. Das habe sich aber in den vergangenen 15 Jahren stabilisiert, sagt Walther. In der Einschätzung, dass die Ernte eines Jahres mengenmäßig nicht mehr über 1000 Tonnen liegt, sind sich Walther und Geschäftsführer Thorsten Zindel von der Wendershäuser Obst- und Gemüsehandelsfirma Alfred Zindel AG einig. Ende der 1980er-Jahre seien es noch 1500 Tonnen gewesen, ergänzt Obstbauberater Walther.

Stimmt es, dass es auch viel weniger Erzeuger als vor Jahrzehnten gibt?

1980 hat nach Kenntnis von Walther „fast jeder“ in der Region Kirschen angebaut. Noch 1990, erinnert sich Zindel, hätten allein mehr als 1500 Erzeuger von Kirschen und Beerenobst ihre Ernte in Wendershausen abgeliefert, je nach Saison seien da 3000 bis 3500 Tonnen zusammengekommen.

Woran liegt es, dass vor allem die kleinen Erzeuger aufgehört haben?

Zum einen sind die kleinen Nebenerwerbserzeuger in die Jahre gekommen, und der nachfolgenden Generation fehlt das Interesse. Die alten Erzeuger seien frustriert und demoralisiert, findet Walther. Das liege schon in der Vergangenheit begründet, nennt Thorsten Zindel gleich mehrere Ursachen: Durch neue Steuergesetze hätten sich vor 15 Jahren nicht alle kleinen Obstanbauer gläsern machen wollen. Dann sei durch neue Pestizid-Verordnungen der Einsatz nur noch von Pflanzenschutzmitteln erlaubt, die weniger wirksam seien. Kämen dann noch Schäden an den Früchten durch Regen und Hagel hinzu, sagt Zindel, hätten die Erzeuger mehr Kosten als Einnahmen. Zudem müssten sich die Nebenerwerbslandwirte noch Urlaub nehmen, um sich um ihre Kulturen zu kümmern. Müssten sie sich aufgrund der Forderung des Einzelhandels zum Zertifizieren noch auf ein Überprüfungsverfahren einlassen, hätten „die Hobbyobstbauern keine Lust“ mehr dazu. Auch vom Geld her ist es für viele nicht mehr lukrativ. Das Ernten mit der ganzen Verwandtschaft gehört der Vergangenheit an. Diejenigen, die heutzutage Saisonarbeiter finden, hätten Frust wegen des Mindestlohns – derweil die Erlöse zurückgehen.

Wohin geht die Reise in Sachen Witzenhäuser Kirschen?

Der Aspekt der touristischen Vermarktung des Kirschenlandes, die im Prinzip 1967 mit der Kesperkirmes und der Wahl einer Kirschenkönigin begann, wird als immer wichtiger erachtet. Seit Jahrzehnten finden die Deutschen Meisterschaften im Kirschstein-Weitspucken in Witzenhausen statt. Und der Naturpark Frau-Holle-Land beispielsweise weist aktuell einen Kirschen-Themenwanderweg nach dem anderen aus. Doch ohne Plantagen mit traditionellen, also hochstämmigen Kirschbäumen könnten diese bald an Attraktivität verlieren.

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