Erfahrungsberichte

Witzenhäuserin Greta Zeuner studiert in Russland: "Politik ist heikles Thema"

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Erkundet ein spannendes Land: Greta Zeuner aus dem Witzenhäuser Ortsteil Stiedenrode studiert gerade in der russischen Stadt Nischni Nowgorod. Hier steht sie vor dem dortigen Kreml (Festung), im Hintergrund sieht man die Kremlmauer, das WM-Stadion und die zugefrorene Wolga.

Nischni Nowgorod. Greta Zeuner aus dem Witzenhäuser Ortsteil Stiedenrode studiert für zwei Semester in der Millionenstadt Nischni Nowgorod an der Wolga. Für uns berichtete sie über ihre Eindrücke aus Russland.

Mein Alltag in Nischni Nowgorod unterscheidet sich kaum von meinem Studentenleben in Deutschland – ich wohne in einer WG mit einer Russin, besuche die Uni, Museen, Restaurants und Bars und leite einmal wöchentlich einen deutschen Debattierklub.

Ausländer sind in Nischni jedoch eine Rarität, weshalb ich fast überall sofort auffalle – für viele bin ich die erste westliche Ausländerin, die sie hier sehen. Dabei stoße ich erstaunlich oft auf Interesse für die deutsche Sprache und Kultur, besonders an den Universitäten. Auch in der Stadtbibliothek gab es kürzlich eine deutschsprachige Ausstellung über die Geschichte des deutschen Fußballs anlässlich der bevorstehenden WM.

Leider schlägt mir jedoch auch oft Missfallen entgegen – allerdings wohl weniger aus politischen Gründen, sondern wegen kultureller Unterschiede: So wird etwa Lachen oder lautes Reden in der Öffentlichkeit hier als unangenehmes Erregen von Aufmerksamkeit empfunden.

Von Politik bekomme ich lediglich durch deutsche Onlinemedien etwas mit. Russische Medien versuchen sowohl ich, als auch alle gleichaltrigen Russen, die ich kennengelernt habe, zu meiden. Politik ist ein heikles Thema, über das nur selten geredet wird. Fast keiner meiner russischen Bekannten geht wählen, obwohl einige Präsident Wladimir Putin gut finden und andere Oppositionsführer Alexei Nawalny unterstützen. Die meisten interessieren sich jedoch gar nicht oder finden die Situation sowieso ausweglos.

Im November besuchte ich aus Interesse – nicht aus politischen Motiven – eine Wahlveranstaltung von Putin-Gegner Alexei Nawalny in Nischni. Davon erfahren hatte ich über „vKontakte“, dem russischen Äquivalent zu Facebook. Das ist für Oppositionsanhänger die einzige Online-Plattform, da ihre Existenz von offizieller Seite totgeschwiegen wird. Zu Beginn der Veranstaltung hatten wir ein wenig Respekt, da wir in deutschen Medien von vielen Verhaftungen bei solchen Kundgebungen gelesen hatten. Es lief jedoch alles sehr friedlich ab: Luftballons und Flaggen wurden verteilt und die meisten Teilnehmer waren entweder im Teenager- oder im Rentenalter.

Von Putins offizieller Kandidatur-Ankündigung in Nischni erfuhr ich erst, nachdem in den deutschen Medien von Nischni Nowgorod an der Wolga zu lesen war und mich daraufhin etliche Nachrichten von Familie und Freunden aus Deutschland erreichten.

Außer einigen Aufklebern und Plakaten („Unser Land. Unser Präsident. Unsere Wahl.“) des Wahlkommitees im öffentlichen Raum zeugt jedoch nichts von den bevorstehenden Wahlen – wozu auch? Jeder hier geht davon aus, dass Putin wiedergewählt wird.

Nischni Nowgorod ist mit 1,3 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt Russlands. Zudem hat die linguistische Universität dort einen guten Ruf. Weitere Anekdoten und Erfahrungen aus dem Alltag in Russland beschreibt Zeuner regelmäßig auf ihrem Blog.

Greta Zeuner ist 22 Jahre alt und in Stiedenrode, dem Weiler zwischem Ermschwerd und Blickershausen, aufgewachsen. Seit 2015 studiert sie European Studies (Europäische Studien) mit Schwerpunkt Osteuropa in Magdeburg. Sie lernte dabei zwei Jahre lang Russisch – und verbringt daher seit August ihre beiden obligatorischen Auslandssemester in Russland. 

Von Greta Zeuner

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