Weil die Rente nicht ausreicht

Fridays gegen Altersarmut: „Kaufe ich von dem Geld eine Eintrittskarte oder besser Brot?“

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„Bis ich fertig bin, wird es vermutlich keine Rente mehr geben“: Patrick Kaiser (links, mit Claus-Peter Nickel) ist 30 Jahre alt und Lastwagenfahrer. Alle fünf Jahre muss er sich ärztlich untersuchen lassen. „Wer stellt mich denn noch ein, wenn der Arzt bei mir mit 60 Jahren etwas feststellt und ich nicht mehr Lastwagen fahren kann?“, fragt er. Und auch von einem Dachdecker könne man doch nicht erwarten, dass er sich noch mit 67 Jahren aufs Dach stelle.

In Witzenhausen fand Fridays gegen Altersarmut statt. Rund 30 Menschen sind vor dem Rathaus zusammengekommen. Wir haben mit ein paar von ihnen über ihre finanzielle Not gesprochen.

  • Erste Mahnwache gegen Altersarmutin Witzenhausen am 24.01.2020
  • 30 Witzenhäuser schließen sich zusammen - Manche geplant, manche spontan
  • Das Thema Altersarmut bewegt alle

Ursula Möller hat Einzelhandelskauffrau gelernt, später eine Umschulung gemacht und mehr als 20 Jahre in der Altenpflege gearbeitet, Vollzeit, auch am Wochenende. „Osteoporose von den Hacken bis in den Nacken – ich habe mich kaputt geschuftet“, sagt die 65-Jährige. Seit drei Jahren erhält Möller, die zu 50 Prozent schwerbehindert ist, nun Rente, ganze 637 Euro.

Organisatorin Ursula Möller

„Grundsicherung habe ich nicht beantragt, denn damit käme ich insgesamt über den Satz und müsste den Betrag versteuern“, sagt die Initiatorin der Mahnwache „Fridays gegen Altersarmut“, die bereits Abzüge von ihrer Witwenrente hat. Sie kenne viele Rentner, die sich das Sozialleben nicht mehr leisten könnten. 

„Kaufe ich von dem Geld eine Eintrittskarte oder besser Brot?“ - Verständlicherweise fiele die Wahl auf das Essen, doch die Konsequenz sei Vereinsamung. „Vielen Älteren ist das auch total peinlich“, sagt Möller, deren 87-jährige Mutter ein ähnliches Schicksal hat, ihrer Tochter aber 100 Euro für den Kauf von Druckerpatronen, Stäben und weiterem für die Mahnwache gegeben habe.

Mahnwache in Witzenhausen: Versammlung gegen Altersarmut

Dieter und Susanne Lawitschka geht es ähnlich. Die Dohrenbacher hatten aus der Zeitung von der Mahnwache erfahren und sich der Veranstaltung angeschlossen – hauptsächlich, um sich gegen eine Versteuerung der Rente auszusprechen.

47 Jahre hat Dieter Lawitschka als Elektriker und Hausmeister gearbeitet. Vor zwei Monaten ist der 64-Jährige in Ruhestand gegangen. Von seiner Rente und der Erwerbslosenrente seiner 59-jährigen Frau könne man nicht leben. „Wir zahlen ja auch noch den Abtrag für unser Eigenheim. Wie lange das noch so weitergeht, steht in den Sternen.“

Müssen noch ihr Eigenheim abbezahlen: Dieter und Susanne Lawitschka wissen nicht, wie lange sie das mit ihrer geringen Rente noch schaffen. 

„Bis ich fertig bin, wird es vermutlich keine Rente mehr geben“: Der 30-jährige Patrick Kaiser ist Lastwagenfahrer und muss sich alle fünf Jahre ärztlich untersuchen lassen - Augen, Leber, Urin, Blutwerte, körperliche Fitness. „Wer stellt mich denn noch ein, wenn der Arzt bei mir mit 60 Jahren etwas feststellt und ich nicht mehr Lastwagen fahren kann?“, fragt er. Und auch von einem Dachdecker könne man doch nicht erwarten, dass er sich noch mit 67 Jahren aufs Dach stelle.

Ob jung oder alt: Die Mahnwache in Witzenhausen bringt die Leute ins Gespräch

„Man muss auf jeden Fall solidarisch sein“, sagt Frederic Einecke, der sich spontan zur Mahnwache gesellte. Dem 23-Jährigen, der sich gegen jegliche Ausgrenzung ausspricht, war es wichtig, festzustellen, dass an dem Verdacht, „Fridays gegen Altersarmut“ sei politisch dem rechten Lager zuzuordnen, nichts dran ist.

Bei der Mahnwache kam der Agrarstudent mit Marlies Wasch-Binder ins Gespräch. Die 73-Jährige arbeitet seit 51 Jahren als Friseurmeisterin, hatte als Selbstständige nach den 15 Pflichtjahren jedoch kein Geld mehr, um weiter in die Rente einzubezahlen. Daher erhält sie nur 500 Euro.

Frederic Einecke studiert ökologische Agrarwissenschaft – aus Überzeugung. Der 23-Jährige weiß aber auch, dass er mit diesem Beruf später nicht viel Rente bekommen wird. Friseurmeisterin Marlies Wasch-Binder hat dank einer Erbschaft ihr Haus bereits abgezahlt, muss mit 73 Jahren aber immer noch arbeiten, damit es zum Leben reicht.

Studie: Altersarmut in Deutschland droht deutlich zu wachsen

Es klingt beunruhigend: Mehr als jeder fünfte Rentner könnte in 20 Jahren ins Armutsrisiko rutschen, haben Forscher analysiert. Wäre die umstrittene Grundrente ein geeignetes Mittel dagegen?

In Witzenhausen gegen Altersarmut

Sie kämpfen in Witzenhausen für mehr Geld im Alter - Für mehr Geld im Portemonnaie gehen am Freitag, 24. Januar, von 15 bis 17 Uhr die Menschen von „Fridays gegen Altersarmut“ vor dem Rathaus in Witzenhausen auf die Straße.

Bei vielen Senioren im Werra-Meißner-Kreis wird Rente knapp - Ein Leben lang gearbeitet, doch die Rente reicht trotzdem nicht: Die Gefahr, im Alter zu verarmen, steigt - auch im Werra-Meißner-Kreis.

Nach Fridays for Future kommt nun Fridays gegen Altersarmut. Die Initiative gibt es auch in Kassel. Aber wie rechts ist diese Bewegung?

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