Witzenhausen: Wie geht es Schulen heute?

Das erste Halbjahr ohne Schulschließungen seit Pandemie-Beginn endet auch in Witzenhausen

Andreas Hilmes leitet seit 2017 die Johannisberg-Schule in Witzenhausen.
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Andreas Hilmes leitet seit 2017 die Johannisberg-Schule in Witzenhausen.

Vom Hof der Johannisberg-Schule hallen wieder Kinderrufe. Es ist das erste Schuljahr seit Pandemie-Beginn, in dem Schulen in Hessen wieder durchgehend vor Ort unterrichten können.

Witzenhausen – Kehrt mit dem Präsenzunterricht auch die Normalität ein? Ein Besuch an der Johannisberg-Schule in Witzenhausen.

Der Schulleiter

Falls am Morgen kein Schüler positiv getestet werde, habe er zwischen zwei Terminen Zeit für ein Telefonat, teilt Schulleiter Andreas Hilmes mit. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind er und das Leitungsteam nicht nur Schulleiter, sondern auch Pandemie-Manager geworden.

Darin sind sie mittlerweile geübt, anders als in der Anfangszeit, die Hilmes „sein Berufsleben lang“ nicht mehr vergessen wird: Die Unsicherheit, die Pressekonferenzen, die sie gebannt verfolgten, die „Freitags-Botschaften“, die sich zum „Running Gag“ entwickelten – Freitagabends bekamen sie Vorgaben, Montag mussten sie sie umgesetzt haben.

Mittlerweile haben sie Leitfäden vom Kultusministerium und eine Routine, um neue Vorgaben umzusetzen. Das Leitungsteam liest sie, filtert heraus, was geändert werden muss, und Hilmes schreibt zunächst den Lehrern, dann den Eltern, dann einen Post für die Homepage und für Facebook. Die Corona-Tests, 1600 bis 1700 pro Woche, bestellen und melden die Sekretärinnen. Wenn es keine positiven Fälle gibt, verbringt Hilmes jede Woche 15-20 Stunden mit Pandemie-Management, schätzt er.

Die größere Aufgabe für alle sei die soziale Unterstützung der Schüler. „Unser Fokus hat sich mit der Zeit verschoben“, sagt Hilmes. Die Schüler kämen jetzt mit Sorgen und mit Themen, die nichts mehr mit dem Unterricht zu tun hätten: Soziale Schwierigkeiten, Unsicherheit, Ängste.

„Die Zahl der Auffälligkeiten steigt“, sagt Hilmes, „und das betrifft alle Jahrgänge und Hintergründe.“ Viele Familien hätten sich immer sehr gut gekümmert. Zu anderen hätten sie den Kontakt verloren – obwohl die Klassenleitungen in manchen Fällen persönlich bei den Schülern geklingelt haben. Das belaste die Lehrer.

„Es wird der Eindruck erweckt, wir befinden uns in einem Aufholjahr“, sagt Hilmes, „das ist bei Weitem nicht der Fall.“

Kamil Josef Daniek ist Lehrer für Mathematik und Physik sowie MINT-Beauftragter an der Johannisberg-Schule.

Der Lehrer

Mit „Grusel“ denkt Kamil Josef Daniek heute oft an die Zeit kurz vor dem ersten Lockdown zurück: „Da war ich in meiner Klasse, und habe mit denen eine Einheit durchgenommen, wo ich gesagt habe: ‚So, das bringt ihr euch jetzt selbst bei!’“

Gut kam die Aufgabe nicht an: „Da habe ich einen Riesen-Wiederstand bekommen“, sagt Daniek und erinnert sich an den Protest seiner Schüler: „’Das geht doch nicht, das werden wir erst kurz vor dem Abi brauchen, oder vielleicht im Studium, aber jetzt doch noch nicht!’“

Es kam anders. Schon wenige Wochen später waren die Schüler auf eigenverantwortliches Lernen angewiesen. Und Daniek versuchte, Wege zu finden, sie dabei zu unterstützen, ohne Nähe und persönlichen Kontakt. Dabei ging es ihm nicht nur um die Unterrichtsgestaltung. „Das allerwichtigste im Unterricht ist, dass man eine Beziehungsebene aufbaut“, sagt Daniek, „sonst funktioniert der Unterricht nicht gut, und sonst fühlen sich auch die Schüler nicht wohl.“

Eigentlich, erzählt Daniek bei einem Spaziergang in einer Freistunde, will er Unterricht machen, den er für modern und gut befindet: „Mit Gruppenarbeiten, mit Ausflügen, mit Nähe.“ Doch auch heute noch müssen er und seine Kollegen zunächst überlegen, was möglich ist, ohne gegen Regeln zu verstoßen oder die Sicherheit der Schüler zu gefährden. „Man hat jetzt immer diesen Filter vorgesetzt“, sagt Daniek.

Der Unterricht muss seit Beginn der Pandemie regelmäßig neu geplant werden. „Gewohnte Strukturen kann man eigentlich vergessen“, resümiert der Lehrer. Man sei herausgefordert, Alternativen zu suchen.

Dementsprechend sieht auch Danieks Arbeitstag aus: Abends, nach dem Schulalltag und etwas Zeit mit seiner Familie, sitzt er oft bis 2 Uhr nachts am Rechner, um Mails zu beantworten. Seine Unterrichtsstunden plant er am Wochenende. „Ich habe einen zwiegespaltenen Blick auf die Situation“, sagt er: „Man lernt unglaublich viel. Aber es kostet natürlich auch Kraft und Energie.“

Beklagen will er sich nicht. Die Leidtragenden der Pandemie sind in Kamil Josef Danieks Augen in erster Linie die Schüler: „Was ich sehr bedenklich finde ist, dass die Kinder und Jugendlichen einen Teil ihrer Jugend zwar nicht verpassen, aber sehr anders erleben als alle vor ihnen.“ (Von Alina Andraczek)

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