Mit Witzenhausens Polizei auf Nachtschicht

An der Schaltzentrale: Oberkommissar Dirk Bindbeutel bemannt die Wache, wo alle Anrufe und Einsatzdaten eingehen. Fotos:  Gorny

Witzenhausen. Bei den Beamten der Witzenhäuser Wache ist keine Nachtschicht wie die andere.

Es ist kurz nach Mitternacht am 31. Dezember. Eine sternklare Nacht bei Minus fünf Grad Celsius. Drei Oberkommissare und eine 19-jährige Praktikantin sitzen in der warmen Polizeiwache Witzenhausen.

Bis auf kleine Ruhestörungen mit Böllern ist bisher nichts gelaufen. Eine entspannte Nacht für die Ordnungshüter. „Heute ruht sich alles für morgen aus“, erklärt der 46-jährige Dirk Bindbeutel mit Blick auf die Silvesternacht. Nur er lässt sich fotografieren. Seine Kollegen lehnen das aus Sicherheitsgründen ab. „Es ist die Ruhe vor dem Sturm“, ergänzt Bindbeutels Kollege Steffen Hanke (47).

Zeit für Papierkram. Mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringen die Polizisten mit Formularen, Anträgen und Berichten. Seit 19 Uhr geht ihre Schicht, bis 7 Uhr arbeiten sie. Wie bleibt man so lange wach? Kaffee: Fehlanzeige. „Ich lege mich direkt nach dem Frühdienst hin und stehe erst eine halbe Stunde vorm Nachtdienst auf“, sagt die Praktikantin Eva-Maria Schill, die ein duales Studium in Kassel absolviert und jetzt einen Praxisteil in Witzenhausen macht. „Ich bin sowieso ein Nachtmensch“, fügt der 43-jährige Swen Martin hinzu.

Einen Tag spät, 13 bis 19 Uhr, einen Tag früh, sieben bis 13 Uhr und am selben Abend der Start in den Nachtdienst, von 19 bis 7 Uhr. Dann drei Ruhetage, an denen die Beamten flexibel einspringen, wenn Kollegen krank, beurlaubt oder auf Fortbildungen sind. So ist die Wache immer besetzt. „Jeder Kollege entwickelt ein ganz eigenes Modell, mit dem Schichtsystem umzugehen“, sagt Hanke. „Ich schlafe nach dem Frühdienst etwa von 14 bis 17 Uhr. Dann gibt’s Kaffee, Kekse und die Zeitung, bevor ich auf die Wache fahre.“

Doch es läuft nicht immer so geregelt ab: „Mancher Einsatz dauert 20 Stunden - da muss man überall schlafen und auch mit Hunger auskommen können“, sagt Bindbeutel. „Insgesamt ist die Planbarkeit von Familie da eine Katastrophe“, sagt Hanke. „Da kommt es zu Reibungen.“

Kurz vor drei: Das Telefon klingelt. Ein UMF (unbegleiteter minderjähriger Flüchtling) wird vermisst. Zwei Minuten später gibt sein Betreuer Entwarnung. Der Mann ist wieder aufgetaucht. Zeit, auf Streife zu fahren. Auch dort verläuft alles ruhig, Witzenhausen ist wie ausgestorben.

Die Armaturen im Polizeiwagen sehen aus wie ein Weihnachtsbaum: Funkgeräte, Navi, Tacho leuchten hell. Warum ein Navi in Witzenhausen? „Das brauchen wir, um uns schnell zu orientieren, zum Beispiel wenn wir einen Notruf absetzen wollen“, sagt Martin. Witzenhausen ist wie ausgestorben. An der Spielothek, den Flüchtlingsheimen und in der Innenstadt passiert nichts. Die Beamten sind dankbar für diese Nacht. Aber: Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

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