Route durch Niedersachsen ist gescheitert

Zufahrt zum Windpark Steinberg soll doch durch Ziegenhagen führen

Rotoren über dem Dorf: Vier Windräder sind oberhalb von Ziegenhagen fest geplant, der Weg zu einem fünften ist noch unklar, sagt SUN-Chef Thomas Meil. Unser Bild zeigt den Windpark Kreuzstein bei Roßbach.
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Rotoren über dem Dorf: Vier Windräder sind oberhalb von Ziegenhagen fest geplant, der Weg zu einem fünften ist noch unklar, sagt SUN-Chef Thomas Meil. Unser Bild zeigt den Windpark Kreuzstein bei Roßbach.

Völlig überraschend legt die Stadtwerke-Union Nordhessen (SUN) einen neuen Weg zum geplanten Windpark Steinberg vor: Sie führt durch Ziegenhagen - obwohl diese Option bisher stets ausgeschlossen wurde.

Seit Jahren wird der Windpark „Steinberg“ oberhalb des Witzenhäuser Ortsteils Ziegenhagen geplant, stets hieß es dabei, dass die Zufahrt über niedersächsisches Gebiet führen sollte. Doch die Gemeinde Staufenberg und die Stadt Hann. Münden sperrten sich – jetzt soll das Baumaterial doch durch Ziegenhagen auf den Steinberg geschafft werden. Darüber informierte die Stadtwerke-Union Nordhessen (SUN), die den Windpark plant, alle Haushalte in dem Ortsteil in dieser Woche per Postwurfsendung. Diese liegt der HNA vor.

Bis vor Kurzem sei es technisch gar nicht möglich gewesen, die Windrad-Rotoren über die engen Kehren der Waldwege oberhalb des Dorfes anzuliefern, sagt Thomas Meil, Geschäftsführer der SUN und Chef der Stadtwerke Witzenhausen, auf Anfrage. Mittlerweile seien aber sogenannte Selbstfahrer entwickelt worden, die lange Teile anheben können und so enge Kurven schaffen. Die Technik werde erfolgreich in den Alpen und im Taunus genutzt.

Grundsätzlich hätte man eine Zufahrt durch den niedersächsischen Wald bevorzugt, betont Meil in dem Schreiben: „Die Eigentümerstruktur sowie ein niedersächsisches Planungsverbot für Windenergieanlagen im Wald führte dazu, dass eine lückenlose, vertragliche Sicherung einer Zuwegungsstrecke durch Niedersachsen hindurch nicht zu erreichen war.“ Jetzt gebe es keine andere Alternative mehr als den Weg durch Ziegenhagen, sagen Meil und Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz. Meil wirft den Windpark-Gegnern vor, bei den Waldbesitzern Stimmung gegen das Projekt gemacht zu haben. Beim Infoabend im Juli 2019 waren noch zwei Routen von der A-7-Abfahrt Lutterberg rund um das Hochmoor Hühnerfeld zum Steinberg im Gespräch.

Ursprünglich habe man die Pläne Ende März mit Ortsbeirat und Feuerwehr besprechen wollen, sagt Meil. Weil das in der Corona-Pandemie nicht möglich sei, habe man sich entschieden, „in die Offensive zu gehen“ und alle Bürger direkt per Flyer zu informieren, um „wilde Gerüchte“ zu vermeiden. Herz bestätigt, dass es noch keine Telefonate mit dem Ortsbeirat dazu gab.

Die Bauarbeiten

Die Baumaterialien sollen über die Sebastian-Kneipp-Straße in Ziegenhagen transportiert werden – die einzige durchgehende Straße in dem engen Tal. Für vier Windräder erwartet die Stadtwerke-Union Nordhessen (SUN) laut ihrer Postwurfsendung an alle Haushalte vier bis fünf Lastwagen je Tag über einen Zeitraum von 100 Tagen. Zudem an vier Tagen zusätzlich je 100 Beton-Lastwagen. Dazu kommen über eine Bauzeit von sechs Monaten 24 Transporte der zwölf Rotorblätter mit dem Selbstfahrer, acht „Generatorhälften“ und vier Maschinenhäuser.

Der Selbstfahrer

„Ein ,Selbstfahrer’ ist ein Spezialfahrzeug, das mit acht bis zwölf Achsen komplizierte und schwere Transportaufgaben übernehmen kann“, heißt es in dem Schreiben. Der Fahrer steuert das Gefährt per Fernbedienung – und geht zu Fuß. Rechnerisch bräuchte der Selbstfahrer bei seinem Tempo von fünf Stundenkilometern für die 2,2 Kilometer lange Strecke durchs Dorf mindestens eine halbe Stunde. Um die Rettungswege zu gewährleisten, werde die zuständige Firma mit Feuerwehr und Rettungsdiensten ein Notfallkonzept aufstellen, verspricht SUN-Geschäftsführer Thomas Meil. Ein Video eines Selbstfahrer-Einsatzes im Taunus gibt es hier.

Der BImschG-Antrag

Die SUN will im Herbst den Antrag auf Genehmigung des Windparks nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImschG) beim Regierungspräsidium (RP) Kassel einreichen, sagt Meil. Bis eine Entscheidung vorliege, vergehe wohl mindestens ein halbes Jahr – ein Baubeginn wäre frühestens im Frühjahr 2021 möglich. Es ist allerdings eine Bürgerbeteiligung im Verfahren vorgesehen, so Meil. Somit ist zu erwarten, dass das RP auch viele Stellungnahmen der zahlreichen Windpark-Gegner prüfen muss und sich das Verfahren dadurch verzögert.

Aus für das Projekt ist für SUN keine Option

Man habe bereits mehr als 500 000 Euro in die Planung gesteckt, sagt Meil. Selbst wenn man aus politischen Gründen Abstand von dem Projekt nehmen müsste, würde man die Planung wohl an einen privaten Investor verkaufen, um die Kosten zu decken. Da die derzeit geplante Strecke über öffentliche Wege verläuft, habe die Stadt Witzenhausen keine Möglichkeit, einen Schwertransport zu verbieten, sagt Bürgermeister Daniel Herz. Da der Standort Steinberg im Regionalplan für Windkraft ausgewiesen ist, sei ein Interesse privater Investoren wahrscheinlich, glaubt Meil. Die würden dann die Erträge in die eigene Tasche stecken. Bei einem von der SUN betriebenen Windpark gingen die Erlöse an die örtlichen Stadtwerke und an Bürgerenergiegenossenschaften, die nach der Fertigstellung Anteile kaufen können.

Die Hoffnung in Ziegenhagen

Falls sich die ablehnende Haltung in Niedersachsen ändere – die Landesregierung diskutiert seit Februar die Öffnung von Windwurfflächen für Windparks – ist man laut Meil bereit, auf den Weg durchs Dorf zu verzichten.

Niedersachsen wollen Natur und Erholung schützen

Weil der Steinberg wichtig für Naturschutz und Naherholung ist, lehnen die niedersächsischen Kommunen einen Weg zum Windpark über ihr Gebiet ab. Die Gemeinde Staufenberg hob 2019 die Sondernutzungserlaubnis auf, die SUN habe keinen neuen Antrag gestellt, so Bürgermeister Bernd Grebenstein. Hann. Münden will laut Stadtplaner Siegfried Pflum per neuem Bebauungsplan das dortige Waldpädagogikzentrum, das Mittelalterdorf Steinrode und den Rinderstall schützen.

Kontaktmöglichkeit

Bürger können Fragen per E-Mail an Ziegenhagen@sun-stadtwerke.de schicken. Nach der Corona-Kontaktsperre soll es eine Infoveranstaltung geben.

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