Ute Knierim ist Mitglied der Zukunftskommission

Zukunft der Landwirtschaft: Professorin aus Witzenhausen berät Bundesregierung

Aktivisten von Campact und anderen Umwelt-Organisationen protestieren im September 2020 vor dem Bundeskanzleramt für einen Neustart der Agrarpolitik.
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Aktivisten von Campact und anderen Umwelt-Organisationen protestieren vor dem Bundeskanzleramt für einen Neustart der Agrarpolitik. Anlässlich der ersten Sitzung der Zukunftskommission Landwirtschaft im Bundeskanzleramt fordern die Demonstranten unter anderem „glückliche Tiere“, „Faire Preise“ und „gesunde Böden“.

Eine Zukunftskommission der Bundesregierung soll die Landwirtschaft ökonomischer, ökologischer und sozialer machen. Zu der Gruppe gehört auch Tierwohl-Expertin Prof. Dr. Ute Knierim aus Witzenhausen.

Witzenhausen – Wie kann man Landwirtschaft organisieren, dass sie wirtschaftlich ist, der Umwelt und dem Klima nicht schadet, gesellschaftlich anerkannt ist, gute Arbeitsbedingungen hat – und im europäischen wie im globalen Kontext funktioniert? Vor dieser Herkules-Aufgabe steht Prof. Dr. Ute Knierim vom Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel.

Prof. Dr. Ute Knierim lehrt am Standort Witzenhausen der Universität Kassel Nutztierethologie und Tierwohl.

Normalerweise forscht und lehrt die gelernte Landwirtin und Tierärztin am Uni-Standort in Witzenhausen zu Nutztier-Verhalten und Tierwohl. Jetzt soll sie nebenbei in der „Zukunftskommission Landwirtschaft“ auch die Bundesregierung beraten. 31 Mitglieder hat die Kommission – darunter sechs Wissenschaftler, der Rest sind Vertreter der Bereiche Land- und Lebensmittelwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz. Aus den Interessen dieser unterschiedlichen Gruppen einen Kompromiss für eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu erarbeiten, sei eine Herausforderung, sagt Knierim.

Ein gutes Beispiel ist Knierims Fachgebiet: die Tierhaltung. Zuletzt hätten die Landwirte für viele Probleme bei der Tierhaltung den schwarzen Peter zugeschoben bekommen. „Gleichzeitig orientieren sich Landwirte aber an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die sie vorfinden.“ Das heißt: Wenn Verbraucher vor allem zu Billigfleisch greifen, wird auch solches produziert, weil die Landwirte sonst auf ihren Kosten sitzen bleiben. Hier müsse ein neuer Weg entwickelt werden, der Bauern, Tieren und Verbrauchern gerechter wird. Klar sei, so Knierim: „Vieles, was wir wollen – also mehr Tier- und Umweltschutz – kostet mehr.“ Diese Last müssten alle tragen, Landwirte bräuchten finanzielle Hilfe – für den Umbau der Ställe und den größeren Aufwand, den artgerechte Tierhaltung mit sich bringe. Hier gebe es mehrere Finanzierungsmöglichkeiten, die diskutiert werden sollen.

Was ist eigentlich zukunftsfähige Landwirtschaft? Das zu definieren und die wichtigsten Themen festzulegen, sei die erste Aufgabe der Gruppe, sagt Knierim. In Arbeitsgruppen sollen dann Vorschläge erarbeitet werden. Anfang September hatten sich die Mitglieder erstmals in Berlin zur Auftaktrunde getroffen. Seither läuft die Abstimmung in den Gruppen über Videokonferenzen, sagt Knierim. Dennoch wird sie künftig ein Mal im Monat nach Berlin fahren und die Zwischenschritte im Plenum diskutieren. Bis Frühsommer soll die Kommission ihren Bericht vorlegen.

Klar ist auch: Es geht zwar um die Zukunft der deutschen Landwirtschaft, aber der Blick nach Brüssel, wo derzeit über die Neuordnung der EU-Agrar- und Subventionspolitik diskutiert wird, ist Pflicht. Man müsse verhindern, dass weite Teile der Lebensmittelproduktion ins günstigere Ausland verlagert werden, wo niedrigere Standards gelten, sagt Knierim.

Sie ist zuversichtlich, dass die Kommission trotz des komplexen Themas und des knappen Zeitplans praxistaugliche Vorschläge erarbeiten kann. Es sei allen Beteiligten klar, dass sich in der Landwirtschaft etwas ändern müsse – die Frage sei, was und wie weitreichend. Hier gingen die Meinungen zwischen Landwirten und Umweltverbänden weit auseinander. „Es wird keine perfekte Lösung geben“, so Knierim. Ziel sei ein überzeugender Kompromiss, der grundlegende Veränderungen in der Landwirtschaft möglich macht.

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