HNA-Serie zum Wolf

Schafe sorgen für bunte Wiesen - Wölfe gefährden Landschaftspflege

Anton Göbel kniet zwischen seiner Schafsherde in Herlefeld.
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Die Rückkehr der Wölfe beängstigt Schäfer wie Anton Göbel und erschwert ihre tägliche Arbeit beim Einzäunen. Eines seiner Schafe wurde bereits im Oktober 2019 nachweislich vom Wolf gerissen. Seither lebt Göbel, wie auch viele andere Nutztierhalter, in ständiger Angst.

Der Wolf ist nach Nordhessen zurückgekehrt – das steht fest, seitdem sich die Stölzinger Wölfin im Bereich der Landkreise Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder und Werra-Meißner niedergelassen hat. Wir beleuchten ab sofort verschiedene Aspekte dieses Themas in einer Serie.

  • Der Wolf ist ein natürlicher Feind des Schafes
  • Schafe sind allerdings gut für den Erhalt der Artenvielfalt
  • Schäfer haben nun Angst vor Wolf-Angriffen

Schafe, Ziegen und andere Nutztiere leisten in Nordhessen einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz, zur Landschaftspflege und zur Artenvielfalt. Ohne das Eingreifen des Menschen wäre der Lebensraum Wiese im Laufe der Zeit von Büschen und Bäumen besiedelt und in Wald übergegangen.

Die Weidetierhaltung in ganz Hessen, vor allem die Schaf- und Ziegenhaltung, ist jedoch seit Jahren im Rückgang begriffen, sowohl was die Anzahl der gehaltenen Tiere als auch was die Zahl der Nutztierhalter betrifft. So wurden laut Hessischer Tierseuchenkasse 2009 noch 190.300 Schafe von 6267 hessischen Schäfern gehalten. In diesem Jahr hüteten nur noch 5760 Schäfer 164.850 Schafe.

Artenvielfalt entsteht durch die Beweidung mit Schafen

Einer der wenigen hessischen Schäfer, der die Schäferei vor fast 50 Jahren auch zum Beruf gemacht hat, ist Anton Göbel (67) aus Herlefeld im Schwalm-Eder-Kreis. Göbel beweidet mit seinen 1000 Mutterschafen ökologisch wertvolle Flächen in der Nähe des Cornberger Ortsteiles Rockensüß, wie beispielsweise den Eschkopf, der einer Nabu-Stiftung gehört, und die Doline, für die die Naturschutzbehörde des Landkreises Hersfeld-Rotenburg zuständig ist.

Die Doline bei Rockensüß: Hätten die Schafe von Anton Göbel diese Fläche nicht seit 25 Jahren beweidet, stünden dort Bäume statt Orchideen.

Früher kümmerten auf dem Eschkopf-Hügel serbische Fichten vor sich hin, der Boden war ohne Vegetation. Das sieben Hektar große Schutzgebiet, das Teil eines europaweit geschützten Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiets ist, wurde gerodet mit dem Ziel Kalk-Magerrasen wiederherzustellen – also Grünlandflächen, die ohne Düngung genutzt werden und mageren, steinigen Kalkboden besiedeln. Seither werden die Flächen von Göbels Schafen abgegrast.

„Eine Beweidung mit Schafen erhält und fördert die Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten. Schafe verursachen geringe Tritt- und Verbissschäden und sorgen auch für die Verbreitung von Samen über Wolle und Kot, da sie oft ihre Standorte wechseln. Außerdem haben sie ein breiteres Futterspektrum als beispielsweise Rinder und Pferde“, erklärt der Schäfer.

Ohne das Eingreifen des Menschen gäbe es keine Wiesen

Würden seine Tiere nicht regelmäßig die Wiesen in den oft unzugänglichen Anhöhen um Rockensüß herum abgrasen, müsse innerhalb kurzer Zeit mit einer „Verbuschung“ gerechnet werden, berichtet Göbel aus eigener Erfahrung. Denn: „Maschinell ist eine solche Landschaftspflege, gerade in den Hanglagen, gar nicht leistbar.“ Artenreiches Grünland und damit auch wichtige Jagd-, Nahrungs- und Lebensräume für eine Vielzahl von Insekten, Vögel und Pflanzen ginge dann verloren.

Seltene Orchideenart: das dreizähnige Knabenkraut.

„Relativ schnell zeigten sich erste Erfolge mit der Beweidung. Die Orchideenbestände haben sich ausgebreitet, Schmetterlinge wie der Ameisenbläuling und typische Magerrasenpflanzen sind in der Doline und auf dem Eschkopf zurückgekehrt.“ Zu den seltenen Orchideen zählen unter anderem das weiße Waldvögelein, das dreizähnige Knabenkraut, die Fliegenragwurz und das stattliche Mannsknabenkraut.

Schäfer haben Angst vor Wolfsangriffen

Wie lange Anton Göbel mit seinen Schafen noch zur Landschaftspflege beiträgt, ist ungewiss. Seine Pflegeverträge für beide Flächen hat er anders als sonst nur für ein Jahr verlängert. „Eigentlich wollte ich aufhören, weil ich der Meinung war, dass meine Schafe dort nicht wirksam gegen Wolfsübergriffe geschützt werden können“, sagt Göbel.

Dann habe er in diesem Frühjahr vom Landkreis Hersfeld-Rotenburg finanzielle Unterstützung bekommen. „Ich zäune meine Schafe jetzt mit einem 105 Zentimeter hohen Zaun ein, zusätzlich schlage ich 145 Zentimeter hohe Pfähle in den Boden, an denen ich eine Art Flatterband befestige.“ Den Zaun und den zeitlichen Mehraufwand bekäme er zwar anders als die meisten Schäfer erstattet, doch glaubt er noch immer nicht daran, dass seine Schafe auch besser gegen den Wolf geschützt sind.

Die Rückkehr der Wölfe erschwert Schäfern ihre tägliche Arbeit

„Als ich in diesem Frühjahr das erste Mal den neuen Zaun aufbaute, da sprang mein Schäferhund zwischen Zaun und Flatterband durch, ohne Probleme. Auch über die 145 Zentimeter kann er locker springen, das ist für ihn kein Hindernis, für Wölfe erst recht nicht.“ Die doppelte Zeit benötigt Anton Göbel jetzt täglich, um seine Schafe mit dem höheren Zaun einzuzäunen.

„Meine Tiere stehen ja nicht auf geraden Flächen wie Sportplätzen. Ich muss mit den schweren Pfählen, von denen ich nur zehn tragen kann, meist weit bergauf laufen, mit dem Auto komme ich in dem Gelände nicht weit“, erklärt der 67-Jährige, der jeden Tag für mindestens eine seiner Herden einen neuen Zaun aufstellen muss. „Oft wünsche ich mir, auf die doppelte Arbeit wieder verzichten zu können. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.“ Nachwuchsschäfer gäbe es immer seltener. Jemanden zu finden, der die Landschaftspflege nach ihm betreibt, sei dementsprechend sehr schwierig.

Doch die größte Veränderung durch die Wölfe ist für Anton Göbel, dass er keine Nacht mehr ruhig schlafen kann, nachdem ein Wolf im Oktober 2019 in Herlefeld eines seiner Schafe riss. „Ich habe jede Nacht das Handy neben meinem Bett. Bekomme ich am frühen Morgen einen Anruf, dann ist mein Puls sofort auf 180.“

Wölfe gefährden Landschaftspflege und Artenvielfalt

Mit dem Projekt „Schaf schafft Landschaft“ widmen sich die Universität Kassel, der Geo-Naturpark Frau-Holle-Land und der Werra-Meißner-Kreis dem langfristigen Erhalt der biologischen Vielfalt im Werratal, auf dem Hohen Meißner und im Kaufunger Wald.

Als einer von 30 in Deutschland ausgewiesenen „Hotspots der biologischen Vielfalt“ zeichnet sich diese Region durch ihre geologische und landschaftliche Vielfalt aus. „Magerrasen, Wacholderheiden und Streuobstwiesen zählen zum wertgebenden Grünland, das durch Schafbeweidung entstanden ist“, erklärt Anya Wichelhaus, Projektmitglied von der Universität Kassel. Pflanzen und zahlreiche Insekten würden hier Lebensraum und Nahrung finden.

Schafe: Ganz nebenbei produzieren diese Multitalente auch noch Wolle, Fleisch und Milch.

„Auf dem Magerrasen an den Hie- und Kripplöchern in Berkatal kommen Orchideenarten wie verschiedene Knabenkräuter und sogar der Frauenschuh vor und auf der Hausener Hute am Hohen Meißner sind bunte Wiesen mit Arnika und Prachtnelke zu bestaunen. Auch die Kirschplantagen um Witzenhausen sind nicht nur zur Blüte- und Erntezeit prachtvoll, sondern durch ihren alten Baumbestand auch naturschutzfachlich sehr wertvoll“, erklärt Anya Wichelhaus.

Die vielen Insekten würden dann wiederum die Nahrungsgrundlage für Fledermäuse und Vögel wie den Neuntöter bilden. Um diese Flächen und die Artenvielfalt zu sichern und weiter zu verbessern, setzt das Projekt auf die Förderung der Schafbeweidung.

Weidetierhalter reagieren auf die Bedrohung der Wölfe

Doch die schwierige wirtschaftliche Situation der schafhaltenden Betriebe werde durch die Rückkehr der Wölfe deutlich verschärft. Der Mehraufwand der Schäfer sei oft nicht mehr tragbar.

„Neben zusätzlichem Zaunbau und der kostenintensiven und hoch risikobehafteten Haltung von Herdenschutzhunden spielt hier vor allem das Gefühl der gesellschaftlichen Abschiebung landwirtschaftlicher Tätigkeiten eine große Rolle.“ Daher stünde das Projekt aktuell vor einem schwer lösbaren naturschutzinternen Konflikt: „Der aus naturschutzfachlicher Sicht willkommenen Ansiedlung des Wolfes steht das Ziel der Landschaftspflege durch Weidetierhaltung gegenüber“, sagt Anya Wichelhaus.

Sollte das dazu führen, dass Schäferbetriebe in größerem Umfang nicht mehr bereit beziehungsweise in der Lage sind, die Schäferei fortzuführen, könnte das wichtige Ziele des Naturschutzes gefährden, warnt Wichelhaus. „Beispielsweise reagieren bereits jetzt einige Weidetierhalter auf die Bedrohung der Wölfe. Abgelegene Flächen werden nicht mehr beweidet, Tierbestände abgestockt und in Einzelfällen wurde die Tierhaltung ganz aufgegeben.“ (Carolin Eberth)

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