Interview über Arbeit der Rettungskräfte

„Wünsche mir für alle mehr Respekt“ - Eschweger Notfallsanitäterin über den Beruf

Arbeitsort Rettungswagen: Die Notfallsanitäterin Maria Feiertag arbeitet beim Deutschen Roten Kreuz in Eschwege. Derzeit rückt sie öfter aus, wenn Coronapatienten nach Witzenhausen transportiert werden müssen.
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Arbeitsort Rettungswagen: Die Notfallsanitäterin Maria Feiertag arbeitet beim Deutschen Roten Kreuz in Eschwege. Derzeit rückt sie öfter aus, wenn Coronapatienten nach Witzenhausen transportiert werden müssen.

Im Notfall retten sie Leben, erleben allerhand Kurioses, müssen in ihrem Berufsalltag aber auch mit Schicksalsschlägen, Pöbeleien und dem Tod zurechtkommen: Rettungskräfte haben keinen einfachen Job.

Eschwege - Doch wie geht man damit um? Im Interview gibt uns die Notfallsanitäterin Maria Feiertag vom Deutschen Roten Kreuz in Eschwege einen tieferen Einblick in ihre Arbeit.

Frau Feiertag, warum sind Sie Notfallsanitäterin geworden?

Zuerst habe ich eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass ich das, solange ich jung bin, erst mal nicht jeden Tag machen möchte. Ich wollte einen Beruf, wo ich nicht jeden Tag weiß, was auf mich zukommt. Und das ist hier genau der Fall. Man kann einen ruhigen Dienst haben, wo glücklicherweise nichts passiert, oder es kann um Leben und Tod gehen.

Wie gehen Sie mit dem Tod um?

Bei aussichtslosen Grunderkrankungen, die wir oft haben, ist es nicht der Tod selbst, der für mich schlimm ist, sondern eher, was die Angehörigen dadurch mitmachen müssen. Wenn wir aber noch reanimiert haben und keine Maßnahme geholfen hat, dann ist das schlimm. Aber das gehört zu unserer Arbeit. Nach dem Einsatz ist das meistens erledigt.

Also hängen Ihnen Todesfälle nicht nach?

Der erste Todesfall war für mich schon schlimm. Aber ich hatte zum Glück mit langjährig erfahrenen Kollegen gearbeitet, die mir bewusst gemacht haben, dass wir nicht immer die Helden sein können. Das Gute ist, dass ich recht schnell vergesse. Wenn ich viel darüber nachdenken und grübeln würde, dann könnte ich meinen Job nicht vernünftig machen. Wir haben da alle ein ziemlich dickes Fell. Die Ausnahme ist, wenn man beim Einsatz zu den eigenen Angehörigen kommt. Das ist auch ein Grund, weshalb ich in Eschwege arbeite.

Wie ist das bei Fällen mit Kindern?

Gott sei Dank hatte ich das noch nie. Ich weiß auch nicht, was ist, wenn ich mal in so eine Situation komme. Ich glaube, da funktioniert man einfach. Aber was danach ist, weiß ich nicht.

Gab es schöne Erlebnisse?

Ja, vor drei Wochen erst haben wir einen Patienten über eine Stunde reanimiert. Reanimationen sind meistens keine Sache von zehn Minuten. Wir konnten ihn aber wiederbeleben und im Krankenhaus abgeben. Ihm geht es den Umständen entsprechend wieder gut. Er wird bald entlassen. Zum Glück wurde er schon von Ersthelfern reanimiert, bevor wir da waren. Das würde ich mir viel mehr von allen Menschen auf der Welt wünschen.

Kommt das nicht so oft vor?

Viele trauen sich das nicht. Aber wenn in der Zeit, bis wir den Einsatzort erreichen, lande nichts passiert, dann ist es auch für uns schwierig, wieder einen Kreislauf herzustellen. Ich kann die verstehen, die Angst davor haben. Man kann immer nur betonen, dass sie beim Reanimieren nichts falsch machen können. Wer sich unsicher ist, sollte einen Erste-Hilfe-Kurs mitmachen. Es ist viel schlimmer, nichts zu machen.

Wie reagieren die Angehörigen im Todesfall?

Wenn sie wissen, dass der Patient schon seit Längerem an einer schweren Krankheit leidet, haben sie sich im Vorfeld meist damit auseinandergesetzt. Situationen, in denen Patienten einfach tot umfallen – ohne jegliche Vorerkrankung – sind immer schlimm. Dann beruhigen wir die Angehörigen oder bestellen jemanden von der Notfallseelsorge, damit sie nicht alleine sind.

Gibt es auch Menschen, die Sie anpöbeln?

Ja. Das gibt es. Ich finde auch, dass es zunimmt, dass der Respekt uns gegenüber fehlt. Die Leute erwarten oft, dass wir eine Spritze dabei haben, mit der wir den Patienten sofort gesund machen können. Wir können aber nicht zaubern. Manche haben da kein Verständnis für. Gerade auch in Zeiten von Corona sind viele sensibler und gereizter. Manchmal darf man es aber nicht so ernst nehmen, wie die Leute in Notsituationen reagieren.

Wie sieht es mit Gewalt aus?

Solche Gewalt gegen Rettungskräfte, wie man es auch aus Großstädten hört, haben wir bisher noch nicht so stark erlebt. Dort wird das mehr sein. Aber auch bei uns kommt es vor, dass ein Patient im Rettungswagen ausflippt und aggressiv wird. In den meisten Fällen kann man darüber hinwegsehen, weil es der Situation geschuldet war. Einmal hat mich aber ein stark alkoholisierter Patient in den Bauch geboxt.

Wie haben Sie reagiert?

Ich musste mich irgendwie selbst verteidigen, sonst wäre das weitergegangen. Der hat sich gegen unsere Hilfe stark gewehrt. Mein Kollege und ich hatten zu zweit gut zu tun, ihn zu bändigen, bis die Polizei eingetroffen ist. Meistens wissen wir mit solchen Leuten – gerade wenn wir öfter zu ihnen ausrücken – umzugehen. Manchmal geht es aber nur mit der Polizei.

Was würden Sie sich von anderen Menschen im Umgang mit Ihrem Beruf wünschen?

Den Leuten muss klar sein: Wir sind auch nur Menschen. Nur weil wir diese Uniform tragen, stecken wir nicht alles ohne Weiteres weg. Jeder von uns will nach dem Dienst gesund zu seiner Familie zurück. Wir tun immer unser Möglichstes. Bei jedem einzelnen Einsatz. Aber irgendwann kommen auch wir trotz guter Ausbildung an unsere Grenzen. Ich wünsche mir für alle Rettungskräfte, egal ob Rettungsdienst, Feuerwehr oder Polizei, mehr Respekt.

Was sind das für Einsätze, zu denen Sie ausrücken?

Derzeit transportieren wir oft Coronapatienten nach Witzenhausen. Wir haben unter anderem auch Fälle von häuslicher Gewalt, Reanimationen, Verkehrsunfälle und die Absicherung der Feuerwehr bei Bränden. Einmal hat sogar eine junge Frau wegen starker Bauchschmerzen angerufen, beim Eintreffen bekam die Frau auf einmal ihr Kind – ohne zu wissen, dass sie schwanger war. Und mein Kollege musste einmal zu einer Gemeinschaftsunterkunft, wo keiner richtig verstanden hat, was los ist. Wir dachten, es seien Verdauungsprobleme. Letztendlich haben sie angerufen, weil die Toilette verstopft war. (lacht)

Sie erleben in Ihrem Beruf viel Furchtbares, Kurioses und müssen auch Pöbeleien über sich ergehen lassen. Macht das überhaupt Spaß?

Ja, mein Beruf macht Spaß, sonst würde ich es nicht machen. Zu meiner Arbeit gehört zwar auch, dass ich nicht immer Menschenleben retten kann. Aber trotzdem überwiegen die schönen Momente. Je besser ich mich um meine Patienten kümmere, desto besser fühlen sie sich auch aufgehoben. Alles geht doch so viel leichter, wenn man vor einem stationären Aufenthalt gut behandelt wurde. (Jessica Sippel)

Zur Person

Maria Feiertag (26) wohnt in Treffurt und arbeitet seit 2015 beim DRK in Eschwege. Nach ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin begann sie in Mühlhausen damals noch die Ausbildung zur Rettungsassistentin. Dieser Beruf ist mittlerweile ersetzt durch den des Rettungssanitäters.

Danach qualifizierte sie sich weiter zur Notfallsanitäterin. Zudem ist sie eine Praxisanleiterin für die Auszubildenden auf der Wache. Rettet Maria Feiertag nicht gerade Leben, genießt sie mit ihren Hunden die Ruhe in der Natur.

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