BLICKPUNKT WERRA-MEISSNER

Zeitspender mit Herz gesucht - Paten für Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern

Kein Elternersatz, aber doch eine wichtige Vertrauensperson: Paten können für Kinder von psychisch kranken Eltern eine stabilisierende Rolle einnehmen.
+
Kein Elternersatz, aber doch eine wichtige Vertrauensperson: Paten können für Kinder von psychisch kranken Eltern eine stabilisierende Rolle einnehmen.

Paten von Kindern und Jugendlichen psychisch kranker Eltern übernehmen eine wichtige Funktion: Sie spenden Zeit, schenken Aufmerksamkeit und ein Stück Normalität und bekommen dafür selbst viel zurück.

Werra-Meißner – Wenn ein Elternteil eine psychische Krankheit erleidet, hat das nicht nur Auswirkungen auf die erkankte Person. Nicht selten leiden auch die Kinder unter der Erkrankung, etwa weil das Elternteil nicht in der Lage ist, sich richtig um die Familie zu kümmern. Manchen Kindern mangelt es an Aufmerksamkeit, festen Strukturen oder Rückhalt, also Bedingungen, die zu einer unbeschwerten Kindheit dazugehören.

An dieser Stelle setzt das Patenschaftsangebot von Aufwind e.V., dem Verein für seelische Gesundheit, ein. „Die Patenschaft ist ein Angebot im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe im Werra-Meißner-Kreis“, erklären Susanne Reiss und Andrea Selig von Aufwind. Sie beide sind die Ansprechpartnerinnen für das Projekt und stehen im direkten Austausch mit Paten, Familien und dem Jugendamt.

Patenschaft als präventives Angebot

Die Patenschaft ist ein präventives Angebot, das die Kinder psychisch kranker Eltern davor bewahren soll, selbst seelisch oder psychisch zu erkranken. Zum anderen sollen die Paten, also fremde Menschen, dem Kind als Bezugsperson zur Seite stehen. „Die Patenschaft ist eine Ergänzung zum Familiensystem“, so die Mitarbeiterinnen. Das Kind bleibt in seiner Familie, bekommt mit dem Paten aber auch einen Vertrauten außerhalb des oftmals kritischen Familienalltags. „Für die Eltern stellt die Patenschaft eine große Entlastung dar, sie gewinnen etwas Zeit für sich und wissen gleichzeitig, dass ihr Kind gut betreut wird.“

Drei Stunden pro Wochen verbringen Paten mit den Kindern

Etwa drei Zeitstunden in der Woche verbringen die Kinder mit ihren Paten, unbelastete Zeit, die nur ihnen gilt – so etwas kennen viele Kinder nicht. In manchen Fällen, wie bei der Familie Hoffmann (Artikel unten), entstehen sehr enge Bindungen. „Das ist aber sehr individuell und kommt auf die Familien, die Kinder und die Paten an.“ Zunächst gibt es die sogenannte Anbandelungsphase, in der eine passende Familie gefunden wird und eine Kennlernzeit beginnt.

Können sich alle Beteiligten ein Miteinander vorstellen, wird ein Patenvertrag geschlossen, hierin werden auch alle versicherungsrelevanten Fragen geklärt. Zudem werden Paten über ihre Rolle und Aufgabe geschult. „Die Arbeit mit den Kindern ist nicht einfach, die Verhältnisse sind manchmal sehr schwierig“, wissen Andrea Selig und Susanne Reiss.

„Die Paten müssen wissen, was sie tun, aber auch, wie sie sich abgrenzen und selbst schützen können.“ Regelmäßige Supervisionen und der Austausch zu anderen Paten helfen bei der verantwortungsvollen Aufgabe.

Verantwortungsgefühl und Bereitschaft, langfristig Zeit zu schenken

Denn das müssen angehende Paten auf jede Fall mitbringen: Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft langfristig Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Wer verbindlich diese Aufgabe übernehmen kann und viel Freude an der Arbeit mit Kindern hat, der kann sich gerne bei den Mitarbeiterinnen melden. Infrage kommen ältere Menschen, aber auch Paare, Familien mit eigenen Kindern oder Alleinstehende. Andrea Selig und Susanne Reiss führen im Vorfeld ausführliche Gespräche mit den Interessenten, suchen nach geeigneten Patenkindern und achten dabei auch auf Entfernung und Wohnort. „Wir suchen aktuell Paten für Eschwege und die engere Umgebung, aber auch für Sontra und Hessisch Lichtenau.“ Das Patenschafts-Angebot wird vom Werra-Meißner-Kreis finanziert und durch die VR-Bank-Stiftung unterstützt.

Die Paten erhalten monatlich eine Aufwandsentschädigung, mit der Fahrtkosten oder Eintrittsgelder abgegolten werden. Die beiden Mitarbeiterinnen haben über die Jahre viele Patenschaften begleitet und können aus Erfahrung sagen: Eine Patenschaft zahlt sich für alle Beteiligten aus, vor allem für die Kinder.

Teilen ihr Glück mit einem fremden Kind

„Wir sind dankbar für die Zeit und für alles, was wir zusammen erleben.“ – Stefanie Andag-Hoffmann und Stefan Hoffmann haben vor fünf Jahren die Patenschaft für ein Kind übernommen und dies nicht einen Tag bereut. Aber wie kam es dazu? „Durch die Zeitung“, erinnert sich Stefanie Andag-Hoffmann. „Ein Artikel hat uns auf das Projekt aufmerksam gemacht.“ Das Paar, das heute ein eigenes Haus in Neu-Eichenberg besitzt, lebte zu dem Zeitpunkt noch in Witzenhausen, nahm Kontakt zum Verein Aufwind auf, rasch wurde ein erstes Treffen organisiert

„Wir haben uns erst an einem neutralen Ort verabredet“, so Stefan Hoffmann, es folgten bald regelmäßige Treffen, ein paar Monate später wurde die Patenschaft vertraglich fixiert. Das Patenkind (auf Namensnennung wird zum Schutz des Kindes verzichtet, Anm. der Redaktion) wuchs dem Ehepaar schnell ans Herz und bis heute geht das Engagement weit über das eigentliche Maß des Patenschaftsvertrages hinaus. „Wir verbringen viel Zeit miteinander, unternehmen Ausflüge, waren sogar schon zusammen im Urlaub und auf unserer Hochzeit hat unser Patenkind unsere Ringe getragen.“ Stefan und Stefanie wissen, dass die Familiensituation des Kindes nicht einfach ist.

„Wir bekommen natürlich auch die Schattenseiten mit“, sagt Stefanie Andrag-Hoffmann. „Es ist nicht immer schön, mitzuerleben.“ Insgesamt bestehe zwar ein gutes Verhältnis zu der Familie, und die Mutter, die an einer psychischen Erkrankung leidet, sei dankbar für die Aufmerksamkeit, die ihrem Kind zuteil wird,

Konflikte gebe es aber dennoch ab und zu. Diese zu lösen, ohne das Kind oder die Patenschaft dadurch zu belasten, sei aber das gemeinsame Ziel von Eltern und Paten. „Es geht einzig um das Wohl unseres Patenkindes.“

Aktuell holen sie das elfjährige Kind einmal pro Woche nach der Schule zu sich. Und wie sieht dann ein gemeinsamer Nachmittag aus? „Wie in jeder Familie“, lacht Stefanie. „Im Grunde machen wir ganz normale Sachen, mit dem Hund spazieren gehen, Brettspiele spielen, solche Dinge.“ Inzwischen habe sich ein fester Ablauf etabliert, gegen Abend wird zusammen gekocht und gegessen, im Anschluss fahren die Hoffmanns ihr Patenkind zurück nach Hause, an der Tür erfolgt immer dasselbe Abschiedritual mit vielen großen Umarmungen.

Es sei das strukturierte, normale Leben, das dem Kind fehle, eigentlich ganz selbstverständliche Dinge wie das gemeinschaftliche Abendessen. Besonders stolz sind die Hoffmanns darauf, dass ihr Patenkind durch sie Schwimmen gelernt hat. Seepferdchen und Bronze hat es schon gemacht, am Silberabzeichen sind sie dran – ohne sie hätte das Kind die Möglichkeit vielleicht nicht gehabt. „Er fordert uns auch, wir unternehmen mit ihm schöne Dinge, die wir ohne es auch nicht hätten“ – die Patenschaft sei für beide Seiten sehr wertvoll. „Wir haben alles, was wir brauchen. Und das mit jemandem zu teilen, der nicht so viel Glück im Leben hat, ist ein Geschenk.“ (Maren Schimkowiak)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.