1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen

Blickpunkt: Die Geschichte der Zerstörung der Herleshäuser Synagoge

Erstellt:

Von: Emily Spanel

Kommentare

Innenaufnahme der Herleshäuser Synagoge: Sie dürfte nach der Renovierung 1928 entstanden sein. „Du sollst wissen, vor wem Du stehst“, steht über dem Schrein.
Innenaufnahme der Herleshäuser Synagoge: Sie dürfte nach der Renovierung 1928 entstanden sein. „Du sollst wissen, vor wem Du stehst“, steht über dem Schrein. © Yad Vashem

In die vergangene Woche fiel der 9. November. Ein Tag der Höhen und Tiefen deutscher Geschichte. Euphorisch gefeiert wird der Mauerfall am 9. November 1989 – und zugleich entsetzt der offenen Gewalt gegen Juden gedacht: Am 9. November 1938 wurde auch die Herleshäuser Synagoge zerstört.

Herleshausen – Der 9. November war für die Nazis ein ganz besonderes Datum. An jenem Tag im Jahr 1923 hatte Adolf Hitler in München einen Putschversuch unternommen. Damit scheiterte er zwar kläglich, verstand es aber, den „Marsch auf die Feldherrenhalle“ im eigenen Lager in eine heroische Niederlage umdeuten zu lassen. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde der 9. November zu einem der wichtigsten Gedenktage stilisiert.

1938 stand er unter besonderen Vorzeichen. An diesem Tag erlag der deutsche Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath in Paris den Verletzungen, die er zwei Tage zuvor durch ein Revolverattentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan erlitten hatte. Der junge Jude hatte damit gegen die Abschiebung von 15.000 Polen aus dem Deutschen Reich protestieren wollen. Das Attentat war für die Nazis ein äußerst willkommener Anlass, eine reichsweit angelegte Kampagne gegen die Juden zu schüren.

84 Jahre ist es nun her, dass Nazi-Schergen loszogen, Synagogen in Brand setzten, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüsteten. Nicht irgendwo, nicht weit weg, sondern auch in unserer Region. 84 Jahre ist es her, dass die Synagoge in Herleshausen vollständig zerstört und Anfang der 1940er-Jahre als sogenannter „Schandfleck“ abgerissen wurde.

Dr. Karl Kollmann, Thomas Lehmann, Franziska Mayer und Helmut Schmidt haben sich mit der Geschichte Herleshausens in der Zeit des Nationalsozialismus’ auseinandergesetzt und ihre Erkenntnisse in der Chronik „Herleshausen 1019-2019“ festgehalten. Auf ihren Recherchen beruht dieser Bericht.

Die Wahlen 1938

Die Wahlen am 10. April 1938, kurz nach dem Anschluss Österreichs, ergaben in Herleshausen bei einer Wahlbeteiligung von 99,6 Prozent ein „Ja“ zur NSDAP von 99,1 Prozent. Da es keine Alternativen gab, kann man nicht von einer demokratischen Wahl sprechen, wohl aber von einer Volksabstimmung im wörtlichen Sinne. Nahezu alle waren mit der Politik des Führers und dem NS-Staat einverstanden.

Auffällig ist weiterhin, dass Herleshausen in diesem Jahr im Eschweger Tageblatt kaum vorkommt. Erst zum Jahresende hin, ab Anfang November, sind wieder einige Berichte zu finden. Nachrichten über Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger beim Novemberpogrom am 8./10. November im Ort gibt es nicht. Erst am 16. November erscheint ein seitenlanger Bericht über das deutsche und internationale Judentum, gegen das man sich wehren müsse. Auf die Ereignisse vor Ort wird nicht eingegangen.

Der Zeitzeuge Günter Otto Amthor

Bei ihren Recherchen für die Ortschronik stieß die Herleshäuser Gruppe allerdings auf die Lebenserinnerungen Günter Otto Amthors („Ein weis(s)er Jahrgang. Privatdruck, Ronshausen 2004). Amthor ist Jahrgang 1930, war also damals acht Jahre alt. Er beschreibt die Ausschreitungen und die Zerstörung der Synagoge Herleshausens in der von den Nazis so genannten Reichskristallnacht:

„An dem Abend vom 9./10. November 1938 war es sehr unruhig im Dorf. Es versammelten sich immer mehr junge Leute (Hitler-Jugend) und Erwachsene (SA, SS), zum Teil in Uniform, in der Hintergasse, in der Lauchröder Straße und in der Judengasse. Denn neben dem Garten der Familie H. Salzmann, damals Ortsgruppenleiter der NSDAP, Hintergasse 2, wo wir zur Miete wohnten, lag in Richtung Westen (Lauchröder Straße 3) die jüdische Synagoge und das dreistöckige Wohnhaus des Rabbiners Joseph Carlebach. Die Synagoge war ein sehr schönes, großes, stattliches Gebäude mit sehr schönen bunten großen Bogenfenstern nach Osten.

An diesem Abend gegen 22/23 Uhr wurde der Menschenauflauf immer größer, es wurde geschrien und gerufen und auf einmal flogen Steine in die Kirchenfenster. Meine Mutter und ich sahen durch unser Wohnzimmerfenster und Dachgaubenfenster, was für tumultartige Szenen sich da abspielten.

Dann schleppten Männer und Frauen Stühle und Sitzkissen aus der Synagoge, höchstwahrscheinlich nach Hause. Später sah ich in manchen Haushalten, wenn ich zufälligerweise ins Haus kam, Kissen und Stühle aus der Synagoge. Am anderen Tag sah ich die Synagoge von innen, es war ein trostloses Bild der Verwüstung.

Es dauerte nicht mehr lange, dann wurden fast alle Juden mit ihren Familien aus dem Ort weggebracht. Niemand wusste wohin. Gerüchte gab es viele hinter vorgehaltener Hand. Beim Abtransport der Juden am Anger hat so mancher Dorfbewohner seiner Abneigung gegen die Juden freien Lauf gelassen. Manche Judenkinder wurden geschlagen. Die zurückgelassenen Einrichtungen und Immobilien wurden an deutsche Einwohner mit ,besonderen Verbindungen‘ preiswert verkauft. So endete die Geschichte der Juden in Herleshausen.“

Die Synagoge

In bemerkenswerter Weise engagiert sich der Arbeitskreis Stolpersteine im Werratalverein, Zweigverein Südringgau, für die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte vor Ort. Bereits im Jahr 2016 sind in Herleshausen zwei sogenannte Kopfsteine verlegt worden: Sie erinnern an die Synagoge und die Judenschule.

Die Herleshäuser Synagoge wurde im Jahr 1848 erbaut, wegen Baufälligkeit im Jahr 1927 geschlossen. Nach umfangreicher Sanierung wurde am 2. September 1928 erneut Einweihung gefeiert.

Nach der Zerstörung der Synagoge in der Pogromnacht wurde das Grundstück 1939 von der Synagogengemeinde verkauft; das Gebäude noch im gleichen Jahr abgebrochen. Der Herleshäuser Bürgermeister schreibt im November 1938 in seinem Bericht an den Landrat in Eschwege über die Zerstörungswut in der Pogromnacht: „... die Scheiben eingeworfen, Bänke zerschlagen, Brüstungen abgerissen, Kronleuchter heruntergeworfen, die Tora-Rollen aus dem Schrein geholt, Teppiche und Geräte weggetragen. Die Gesangbücher lagen noch mehrere Tage auf der Lauchröder Straße.“ Lediglich die Tora-Mäntelchen fand man in den 1970er-Jahren auf einem Dachboden in Herleshausen wieder. Sie befinden sich heute in der Gedenkstätte Yad Vashem, Israel.

Der letzte Kantor: Joseph Carlebach

Joseph Carlebach übernahm die Aufgaben der israelitischen Kultusgemeinde nach dem Tod des beliebten Kantors Feiwel Alexandrowitz. Dessen Grab ist im Übrigen noch heute auf dem jüdischen Friedhof Herleshausen vorhanden.

Joseph Carlebach wurde 1885 in Frankfurt/Main geboren und zog gemeinsam mit seiner Ehefrau Rebekka und Sohn Isaak 1932 von Frankfurt nach Herleshausen. Joseph Carlebach war groß, „von stattlicher Gestalt“ und, wie es im Gedenkbuch der Stadt Fürth zu entnehmen ist, ein begnadeter Redner. Bei „Faßhauers“ (später: Metzgerei Otto/ Kurt Engel, Hainertor 2) versah er die Aufgabe des Schächters. Weiterhin oblag es ihm, neben dem Religionsunterricht für die jüdischen Schüler als Vorbeter für die Leitung des Gottesdienstes in der Synagoge tätig zu sein.

In der Pogromnacht stand er „wie ein Fels in der Brandung“, so ein Zeitzeuge, am Eingang des Schulhauses und musste dennoch mit Entsetzen dem rund einstündigen Treiben tatenlos zusehen. Seine Frau muss entsetzlich, quasi in Todesangst, geschrien haben, als die Steine auch ihr Schlafzimmerfenster zerschlugen.

Karl Fehr, der damalige Bürgermeister Herleshausens, berichtete dem Landrat am 19.11.1938 pflichtgemäß: „In der Wohnung des jüdischen Lehrers wurde teilweise die Inneneinrichtung zerstört.“ Noch lange war das eingeschlagene Küchenfenster nur notdürftig mit Brettern zugenagelt.

In Unterlagen des ITS-Archivs Bad Arolsen ist zu lesen, dass Joseph Carlebach am 12.11.1938 in das Konzentrationslager Buchenwald mit der Häftlingsnummer 25.641 eingeliefert und am 15.12.1938 entlassen wurde. Kategorie und Grund für die Inhaftierung: „Aktionsjude“. Als Aktionsjuden werden die rund 26 000 nach der Pogromnacht verschleppten Juden bezeichnet.

Familie Carlebach hat nach der Zerstörung der Synagoge und ihrer Wohnung kurz nach der Entlassung von Joseph Carlebach aus dem KZ Buchenwald Herleshausen für immer verlassen und ist nach Frankfurt am Main umgezogen.

Von Emily Hartmann

Auszug aus einer Bildpostkarte um 1935: Bei den rot eingefärbten Dächern handelt es sich um Häuser ehemalige jüdischer Einwohner von Herleshausen.
Auszug aus einer Bildpostkarte um 1935: Bei den rot eingefärbten Dächern handelt es sich um Häuser ehemalige jüdischer Einwohner von Herleshausen. © Sammlung Helmut Schmidt, Herleshausen
Die 1846 erbaute Synagoge nach der Renovierung 1928. Rechts der Gemeindeälteste Moritz Neuhaus, links sein Vetter Josef Neuhaus.
Die 1846 erbaute Synagoge nach der Renovierung 1928. Rechts der Gemeindeälteste Moritz Neuhaus, links sein Vetter Josef Neuhaus. © Annemarie Hohmann, Yad Vashem

Auch interessant

Kommentare