Kommunalkompass Werra-Meißner

Zivilisiert streiten: Online-Workshop thematisierte das aktuelle Meinungsklima

Der Kommunikationswissenschaftler Tanjev Schulz diskutierte in dem Online-Workshop darüber, wie Menschen damit umgehen, wenn ihnen widersprochen wird.
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Der Kommunikationswissenschaftler Tanjev Schulz diskutierte in dem Online-Workshop darüber, wie Menschen damit umgehen, wenn ihnen widersprochen wird.

Der Kommunikationswissenschaftler Tanjev Schulz diskutierte in dem Online-Workshop darüber, wie Menschen damit umgehen, wenn ihnen widersprochen wird. Wir waren dabei.

Werra-Meißner – „Jetzt ist genau das passiert, was passieren sollte“, sagte eine Teilnehmerin nach der Diskussion. „Jeder von uns hatte einen anderen Punkt, der ihm besonders wichtig war. Jeder hat an seiner Meinung festgehalten und musste feststellen, wie schwierig es ist, eine andere Meinung auszuhalten.“

Im Webinar des Kommunalkompasses Werra-Meißner „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ ging es genau darum: Wie gehen Menschen damit um, wenn sie in einer Diskussion auf Protest und Widerspruch treffen?

Heutzutage gebe es viele Reizthemen, bei denen es zuweilen hoch hergehe in Gesprächen darüber, hatten die Veranstalter, die Partnerschaft für Demokratie im Werra-Meißner-Kreis, festgestellt. Ein aggressiver Ton und gegenseitige Attacken nähmen im Internet immer mehr zu. Manche Leute sähen sich als Opfer einer „Meinungsdiktatur“ und beklagten die Einschränkung ihrer Redefreiheit.

Wie konstruktives Streiten gelingen kann

In dem Online-Workshop sollte deshalb ausgelotet werden, wie konstruktives Streiten gelingen könne und was man in einer Diskussion beachten sollte, damit sie in zivilisierten Bahnen ablaufe. Dazu stellten der Kommunikationswissenschaftler Tanjev Schultz und Moderatorin Rukin Tatli vom Regionalkompass den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Kleingruppen die Aufgabe, sich zu einem Reizthema auseinanderzusetzen und dabei über die eigenen Erfahrungen zu reflektieren.

Sie stellten fest, dass es bei einem Thema dann besonders schwierig werde, wenn ein Kompromiss als Lösung nur schwer zu erzielen sei. Etwa beim Thema Gendern.

Man kann nur entweder die männliche Wortendung verallgemeinern oder die weibliche. Eine neutrale Form gibt es in den meisten Fällen nicht oder muss durch Hilfskonstruktionen umschrieben werden wie etwa „Studierende“. So bildeten sich erwartungsgemäß zwei Lager.

In der Diskussion die Meinung von der Person trennen

Was nun gefragt sei, um zivilisiert streiten zu können, nannte der Wissenschaftler „diskursiven Edelmut“, also andere Meinungen zuzulassen und zu tolerieren, auch wenn man selbst nicht mit ihnen übereinstimme.

Wichtig sei es auch, in der Diskussion die Meinung von der Person zu trennen, stellte eine Teilnehmerin fest. Sodass man nicht anfinge, die Person zu attackieren, obwohl man mit ihrer Meinung nicht übereinstimme.

Bei vielen Sachthemen könne man zu mindestens eine gemeinsame Faktengrundlage schaffen. Um aus vorgefertigten Denkmustern auszubrechen, könne man auch überraschende Fakten präsentieren, schlug ein Teilnehmer vor. Denn Diskussionen könnten auch Perspektivwechsel herbeiführen.

Gefestigt sein, um eigenen Standpunkt verlassen zu können

„Man muss sich seiner selbst sehr sicher sein, um einen Standpunkt zu vertreten“, sagte ein Teilnehmer. „Aber genauso innerlich gefestigt muss man sein, um seinen Standpunkt verlassen zu können und zu sagen, dass man sich geirrt hat.“

Tanjev Schulz lieferte für die Diskussion den wissenschaftlichen Unterbau und erläuterte den Unterschied zwischen dem Recht auf Meinungsfreiheit und dem gesellschaftlichen Meinungsklima. Menschen, die sich in ihrer freien Meinungsäußerung eingeschränkt sähen, verwechselten beides oft.

„Meinungsfreiheit ist ein Abwehrrecht gegenüber dem Staat“, sagte er. „Meinungsklima ist das, was passiert, wenn jemand eine Meinung äußert, die von anderen kritisiert wird und der widersprochen wird.“ Dann könne es auch zu sozialer Ächtung und persönlicher Bedrohung kommen. Die Regeln für eine zivilisierte Gesprächsführung, die von den Teilnehmern erörtert wurde, sollten verhindern, dass es dazu komme. (Kristin Weber)

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