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Zukunftszentrum Deutsche Einheit: Theorie in Mühlhausen, Praxis in Eschwege

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Von: Tobias Stück

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Setzen auf Zusammenarbeit: Mühlhausens Oberbürgermeister Dr. Johannes Bruns (links) und Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe.
Setzen auf Zusammenarbeit: Mühlhausens Oberbürgermeister Dr. Johannes Bruns (links) und Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe. © Stück

Im Interview sprechen die Bürgermeister von Eschwege und Mühlhausen über die Bewerbung zum Zukunftszentrum Deutsche Einheit.

Eschwege/Mühlhausen – Mühlhausen und Eschwege bewerben sich gemeinsam darum, Standort für das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation zu werden. Ende dieser Woche wurden die Bewerbungsunterlagen beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung abgegeben. Wir sprachen über die Bewerbung und die Erfolgsaussichten mit dem Oberbürgermeister der Stadt Mühlhausen, Johannes Bruns (SPD) und Bürgermeister Alexander Heppe (CDU).

Am Montag feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Welche Bedeutung hat dieser Tag für die Partnerstädte Eschwege und Mühlhausen?

Bruns: Der 3. Oktober ist ein prägender Tag für die Menschen in Mühlhausen und Eschwege. Er ist ein Tag der Dankbarkeit, aber auch ein Tag der Mahnung. Wir müssen weiter an der Gleichheit der Lebensverhältnisse arbeiten.

Welcher Tag hat mehr Bedeutung: Der 3. Oktober oder der 9. November?

Heppe: Als Politiker der 3. Oktober, als Mensch aber der 9. November. Auch wenn das Datum belastet ist. Was wir im Herbst 1989 erlebt haben war einmalig und hat mich geprägt. Die beiden Tage funktiuonieren aber nur miteinander.

Zwei Städte aus Ost und West bewerben sich jetzt gemeinsamen um das Zukunftszentrum Deutsche Einheit. Wie schwierig war es, die Bewerbung zusammenzustellen?

Bruns: Die Wettbewerbsausschreibung wurde erst am 1. Juli veröffentlicht. Somit war es für alle Bewerber eine Herausforderung. Doch wir hatten bereits vorab ein Papier erstellt, das die Grundlage für die Bewerbungsunterlagen ist. Dazu kamen noch jeweils zwei Bürgerbeteiligungen in Mühlhausen und in Eschwege.

Heppe: Die Idee für die Bewerbung hatten wir ja schon im Jahr 2019, damals als wir den 30. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert haben. Da hat mich OB Bruns gefragt, ob ich mir eine gemeinsame Bewerbung vorstellen kann.

Die Termine für die Bürgerbeteiligung lagen erst in den letzten Wochen. Was konnte davon in die Bewerbung übernommen werden?

Bruns: Vor allem die Erzählungen der Menschen, die Erlebnisse der Mühlhäuser und Mühlhäuserinnen in der Wendezeit. Da gibt es ein unglaublich großes Wissen und sehr viele Erfahrungen, die die Stadtgesellschaft einbringen kann. Es ist ein Thema, an dem wir auch in Zukunft arbeiten werden.

Heppe: Wir haben ganz konkret die Idee aufgegriffen, wo sich unser Standort befinden soll. Wir hatten mehrere Grundstücke für unsere Dependance zur Auswahl. Letztlich haben sich die Eschweger für eine alte Brache am Bahnhof entschieden, einen ehemaligen Pharma-Standort. Der wurde um die Jahrtausendwende aufgegeben als Folge der Globalisierung. Es ist eine Transformationsnarbe ganz nah an der Innenstadt. Dieses Gebäude zu nutzen, das würde genauso wie die Mühlhäuser Idee von der Brauerei und dem Güterbahnhof, den Namen vom Zukunftszentrum füllen - aus Altem Neues zu schaffen.

Die Ausschreibung sieht doch allerdings vor, etwas gänzlich Neues zu entwickeln. Wie passt das zusammen?

Heppe: Es ist aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß, nur auf Neubauten zu setzen. Eine Brache umzunutzen, das ist zukunftsfähiger, als einen architektonischen Wunderbau zu schaffen. Wenn der Sieger feststeht, würde es einen Architektenwettbewerb geben. Es ist letztlich ein Wettbewerb des Bundes, bei dem auch der Bund über den Bau entscheiden wird. Aber ich glaube nicht, dass es in die Zeit passt, ein singuläres monumentales Gebäude zu schaffen.

Die Ausschreibung verlangt auch die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. Wen konnten sie dafür gewinnen?

Bruns: Wir arbeiten zusammen mit der Hochschule in Mittweida in Sachsen und mit der Fachhochschule in Nordhausen.

Warum rechnen Sie sich im Kampf gegen die Großen eine Chance aus?

Heppe: Zwei Drittel aller Europäer leben in vergleichbar großen Städten wie Eschwege und Mühlhausen. Wir stehen damit also für die Mehrheit der Europäer und auch der Deutschen. Ein solches Zentrum gehört in den ländlichen Raum und nicht in die Zentren .

Bruns: Rund um den 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit, wird immer wieder betont, wie wichtig es ist, gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost und West zu schaffen. Wenn man es wirklich ernst meint mit dieser Aussage, dann wäre es ein wichtiges Zeichen, dieses Zukunftszentrum zu uns in den ländlichen Raum zu geben. In den 1990er-Jahren wurde die Region transformiert, jetzt sind wir in der Lage, Transformation aktiv zu gestalten.

Heppe: Der ländliche Raum hat Zukunft, vor allem durch die besondere Nähe zu den Menschen. Wir sind als Bürgermeister die erste Ebene des Staates und nicht die letzte.

Das Zukunftszentrum an zwei Standorten - wie muss man sich das konkret vorstellen?

Bruns: Unsere alte Brauerei in der Johannisstraße könnte Sitz der Verwaltung werden und auch Wohnungen bieten für die Wissenschaftler. Das Gelände des Güterbahnhofs sehen wir als Standort für den architektonischen Neubau.

Heppe: Bei uns in Eschwege könnte der praktische Teil des Zukunftszentrums angesiedelt sein, ein technologisch-innovatives Zentrum. Hier die Praxis, in Mühlhausen die Theorie.

Was hat das Erarbeiten der Bewerbung den beiden Städten gebracht?

Bruns: Wir sind dankbar für die Zusammenarbeit, sie wird uns weitertragen. Wir haben zum Beispiel die Idee einer ländlichen Akademie, die man weiterverfolgen könnte. Unsere Bewerbung ist ein Zeichen von zwei mutigen Städten, das auch auf Bundesebene wahrgenommen wird.

Heppe: Die Stadtverwaltungen sind näher zusammengerückt. Wir denken über einen noch intensiveren Austausch der Mitarbeiter nach. Niemand ist auf einer Insel zu Hause, wir wollen voneinander lernen. (Tobias Stück)

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